Ein Hemd des 20. Jahrhunderts von Yann Martel, 2010, S. FischerEin Hemd des 20. Jahrhunderts.
Roman von Yann Martel (2010, S. Fischer
- Übertragung Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 26.11.2010:

Der Schriftsteller als Präparator
Mit seinem grandiosen Roman „Schiffbruch mit Tiger“ gelang dem kanadischen Autoren Yann Martel ein viel beachteter Erfolg. Jetzt stellt er sein neues Werk vor: „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“, ein Feuerwerk der Bezüge und Referenzen.

Ein „Raum voller Adjektive”: So beschreibt Henry das Geschäft des Tierpräparators. Mit diesem seltsamen Satz über einen Haufen toter Tiere – Igel neben Tiger, Fuchs neben Nilpferd – beginnt ein literarisches Experiment, das bis dahin nur wie einer dieser Romane über scheiternde Schriftsteller wirkte.

Was zuvor geschah: Held Henry, der vor einigen Jahren mit einem Tier-Roman Erfolge feierte, versucht, den Schrecken des Holocaust in einem Buch zu erfassen, das Essay und Roman zugleich ist. „Neben dem historischen Wissen brauchen wir auch das Verständnis, das die Kunst liefert”, glaubt er. Sein Verlag aber verfrühstückt die Idee in einem noblen Londoner Restaurant an scharfe Kritiker. Henry beschließt, die Schreiberei aufzugeben: „Die Sache war erledigt. Primo Levi und Anne Frank und all die anderen hatten es so gut gemacht, das reichte für alle Zeiten.”

Literarische Taxidermie

Autor Yann Martel, der vor einigen Jahren mit dem grandiosen Roman „Schiffbruch mit Tiger” Erfolge feierte, aber lässt es damit nicht bewenden – sondern wagt sich einmal mehr an eine fabelhafte Tiergeschichte. Henry zieht mit Frau und Kind in eine namenlose Stadt, er jobbt so rum. Eines Tages erhält er Post vom bereits erwähnten Präparator. Als Henry dessen Laden aufsucht, die „Taxidermie Okapi” mit Hausnummer 1933, beginnt die Zweiteilung des Buches in Roman und Theaterstück. Der Präparator hat einen Dialog erdacht: Ein Esel namens Beatrice und ein Brüllaffe namens Vergil unterhalten sich darüber, wie die Gräuel, die sie erlebten, in Worte zu fassen seien. Beckett’sche Reden sind das, die der Präparator Henry vorliest – und ihn um Hilfe bittet. Henry soll dem Text Sprachkraft leihen, er soll dem Stück-Gerüst durch literarische Taxidermie zur Anmutung von Lebendigkeit verhelfen.

Eine postmodern verschachtelte Story Story

Hier beginnt die Kunst, die Geschichte aus Martels Sicht erst begreifbar macht: als ein Feuerwerk der Bezüge, Referenzen, als eine postmodern verschachtelte Story. Beatrice und Vergil erzählen von der Hölle. Ihre Bühne ist das „Hemd des 20. Jahrhunderts”, es steht für „Die Vereinigten Kleider Europas, die Union afrikanischer Schuhe, die Gemeinschaft asiatischer Hüte”. Was soll das? Der Präparator erläutert: „Deutschland, Polen, Ungarn.” Doch Vorsicht! Martel wäre nicht Martel, wäre nicht am Ende noch einmal alles ganz anders.

Kriege sind grauenvoll; und doch halten wir Kriegskomödien für ein zulässiges Genre. Warum darf man den Holocaust nicht benutzen als Stoff für Fiktionen – zumal, so argumentiert Henry im Roman, nur zwei Prozent aller Holocaust-Opfer selbst über die Gräuel sprechen? Und diejenigen, die es tun, es „so sachlich” tun wie einer „der neu sprechen lernen muss”? Lässt man Geschichte nicht sterben, wenn man ihre Erzählung einschränkt? Martel beantwortet die Frage nicht. Aber er stellt sie. Das ist viel.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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