Ein Held seiner Zeit. Die Bekenntnisse des Kornél Esti.
Roman von Dezsö Kosztolányi (2004, Rowohlt - Übertragung Christina Viragh, Nachwort von Péter Esterházy).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 17.11.2004:

Absturz mit wehendem Herzen
Unbedingt zu entdecken: Der ungarische Erzähler Dezsö Kosztolányi und seine diabolische Schläue

"Die deutschsprachigen Leserinnen und Leser haben zuerst Sandor Marai und Antal Szerb kennengelernt. Bei uns in Ungarn ist es gerade umgekehrt: wir blicken von Kosztolányi aus auf die ungarische Literatur des 20. Jahrhunderts. Ein bisschen stehen wir alle in seinem Schatten, und wer nicht dort steht, würde wohl gern dort stehen", schreibt Péter Esterházy in seinem Nachwort, das eher eine Liebeserklärung ist, zu den gesammelten Kornél Esti-Erzählungen. Er nennt sie zu Recht Novellen, denn jede der zwischen 1925 und 1933 geschriebenen Erzählungen handelt von einer als unerhört empfundenen Begebenheit.

In der Jugend erscheint Kornél als der dunkle Widersacher des kindlich-sanften Erzählers; ein Doppelgänger, der alle denkbaren negativen Eigenschaften in sich versammelt: Er lügt und schimpft, quält die Familie, betrügt alle um Geld und stürzt reihenweise unschuldige Landmädchen ins Unglück. Im Stile klassischer Gespenster- und Doppelgängergeschichten in E. T .A. Hoffmann'scher Manier sind diese Episoden erzählt, aus denen Esti, wie aus einem alchemistischen Prozess, als Autor hervorgeht, der sich zur literarischen Moderne bekennt und das Fragment als der brüchigen Zeit einzig angemessene Form akzeptiert

Mit zunehmendem Alter verschmelzen der Erzähler und sein zweites Ich immer mehr und nur noch Kornél bewegt sich als Dichter und Bohémien durch das Budapest der zwanziger Jahre, das er (wie sein Autor) heiß liebt; er besucht Caféhäuser und Kneipen, kennt sich in Polizeipräsidien und Irrenhäusern aus und trifft sich mit Schriftstellern, Journalisten und zweifelhaften Damen. Alles, was er erlebt, jeder Spaziergang, jede Straßenbahnfahrt, wird in seiner Wahrnehmung ein abgründiges, grausam-verstörendes Abenteuer, das die Großstadt als notdürftig mit Lichtern verspiegelten Abgrund offenbart; ein Mensch kann darin jederzeit spurlos verschwinden.

Nach den jugendlichen Verwirrungen und Ich-Spaltungen formuliert Kornél Esti als Alter Ego des Autors die gemeinsame Erzähl-Prämisse: "Ist es interessant genug? Unvorstellbar, unwahrscheinlich, unglaublich genug? Wird es diejenigen, die in der Literatur psychologische Motivation, Vernunft und die Moral von der Geschicht' suchen, auf die Palme bringen?" Und es gelingt, denn "die neue Literatur brodelt", schreibt Kornél aufgeregt ins heimatliche Dorf, das Szabadka (heute Subotica), wo Kosztolányi 1885 geboren wurde, zum Verwechseln ähnlich ist.

Einsamkeit genießen

Kosztolányi, der Wilde, Rilke und Shakespeare ins Ungarische übersetzt hat und von der literarischen Avantgarde Wiens und Berlins begeistert war, brachte die ungarische Literatur bewusst in Bewegung. Natürlich sind seine Sätze, heimischer Tradition entsprechend, elegant und ausgewogen, aber die Schreibhaltung ist wesentlich radikaler als bei seinen Zeitgenossen Sandor Marai und Antal Szerb. Kosztolányi überlässt seinem hochsensiblen, ängstlichen, arroganten und unerfahrenen Helden kompromisslos das Wort; lässt ihn jammern und träumen, seine Einsamkeit genießen und verfluchen und das Leben gleichzeitig schwärmerisch verklären und verachten. Mit ihm, schreibt Esterházy, sei die ungarische Prosa in der Moderne angekommen; und tatsächlich fühlt sich der Leser an die kühl-präzisen Schilderungen erotischer Obsessionen bei Walter Serner oder an die öffentlich zelebrierten, nervösen Zusammenbrüche der Figuren Franz Jungs erinnert.

Der vorliegende, von Christina Viragh souverän übersetzte Band bringt die Texte in eine der Entwicklung des Helden folgende Ordnung. Aus dem schüchtern-provinziellen Schwärmer wird bald ein melancholischer Zyniker, der sein blutendes Herz hinter psychoanalytischen Einsichten versteckt. Schon die erste Reise, die er als Flucht aus dem Elternhaus unternimmt, endet in einer niederschmetternden erotischen Erfahrung, die ihm das ambivalente Gefühl des Ekels erschließt, das fortan alle seine Sinne schärft. So wird das Reiseziel Italien doch noch das gelobte Land der Sinnlichkeit, wenn auch anders als erwartet. Und auch das aus der Ferne bewunderte Deutschland, Heimat des kategorischen Imperativs, ist ganz anders, als es sich der lebens- und bildungshungrige Reisende vorgestellt hat.

Halb amüsiert, halb angeekelt erlebt er einen verknöcherten Wissenschaftsbetrieb mit dauerschlafenden Professoren und den familiären Alltag bei seiner Wirtsfamilie, der zwar philosophisch durchgeplant, in den Details aber eher pervers ist: so kommt beispielsweise der Senf, zum gemütlichen Blutwurstschmaus, in einem Miniatur-Closett auf den Tisch, an dem die kleinen Jungen grimassierend schnüffeln und, zur Freude der ehrbaren Mutter, die an der Porzellanschüssel klebenden braunen Flecken ablecken. Die nach außen so untadeligen Deutschen erweisen sich als bigott, und unberechenbar und Kornél Esti findet das politische Klima, das sich aus der deutschen Biederkeit nährt, äußerst bedrohlich; er nennt es "das Gemütliche an der Teufelei".

Deszö Kosztolányis literarischer Doppelgänger lebt die Wahrnehmungstheorie seines (1936 gestorbenen) Erfinders; der schickt Estis hochempfindliche, bis zur Hysterie neugierige Einbildungskraft durch reale und imaginäre Räume, lässt sie auf einer Kirchenschwelle zusammenbrechen und sich gleich darauf in finstere Talgründe stürzen - nur keine Spießigkeit und bürgerliche Vorsicht! Die Fäden der Libido lenken Estis Handlungen im entscheidenden Moment an Höflichkeit und Sitte vorbei. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Kornél, inzwischen gefeierter Dichter in Budapest, eine arme Witwe verprügelt, nachdem es ihm nicht gelungen ist, sie aus dem Elend zu befreien? Oder sich von einem mickrigen Schnorrer monatelang terrorisieren lässt, ihn aber sofort empört in die Donau wirft, als der anfängt, schlechte Gedichte zu schreiben? Diese großherzige Bosheit verdient, geliebt zu werden.

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