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Ein halbes Leben.
Roman von V. S. Naipaul (2001, Claassen - Übertragung Sabine Roth und Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Peter Münder aus der Frankfurter Rundschau, 13.12.2001:

Willie Chandrans Lehr- und Wanderjahre
Pünktlich zum Nobelpreis: V. S. Naipauls Roman über das "Halbe Leben" eines angehenden Schriftstellers

Seinem 1953 gestorbenen Vater Seepersad hatte V .S. Naipaul bereits 1961 in dem Familienroman Ein Haus für Mr. Biswas, einer karibischen Version der Buddenbrooks, ein Denkmal gesetzt. Dieser literarisch ambitionierte, aber nicht sehr erfolgreiche Journalist Mr. Biswas hatte den Sohn schon früh für alles Literarische sensibilisiert und ihn dazu ermuntert, Schriftsteller zu werden. Tatsächlich waren weder Joseph Conrad noch Dickens oder andere berühmte Autoren, sondern allein der Vater für V. S. Naipaul das einzige literarische Vorbild gewesen.

Den diesjährigen Nobelpreisträger Vidiadhar ("Spender der Weisheit") Surajprasad ("Geschenk an die Sonne") Naipaul hat es immer wieder gedrängt, sich mit der Vaterfigur, seiner Kindheit auf Trinidad und der Familiengeschichte seiner Vorfahren, die ursprünglich aus Indien als Kontraktarbeiter nach Trinidad auswanderten, zu beschäftigen. Die vielen Reisen, die Naipaul quer durch alle Kontinente unternahm - in die Karibik (Guerillas), nach Afrika (An der Biegung des Flusses) auf der Sklavenroute durch die USA, dann durch islamische Länder (Eine islamische Reise), und immer wieder nach Indien (Land der Finsternis) - sind nicht nur ein Indiz für die Rastlosigkeit dieses inzwischen in der englischen Provinz lebenden Autors. Sie demonstrieren auch, dass es ihn vor allem "back to the roots" treibt, zur Beantwortung der Frage: Wie wurde ich, was ich jetzt bin?

Nach dem Prolog zu einer Autobiographie von 1983 und dem im letzten Jahr veröffentlichten Briefwechsel mit dem Vater (Between Father and Son) greift der 69jährige Naipaul mit Ein Halbes Leben nun die an Wilhelm Meisters Lehrjahre und Tonio Kröger erinnernde Thematik des klassischen Entwicklungsromans auf. Willie Somerset Chandran heißt sein merkwürdig blass und unmotiviert wirkender Anti-Held, der seine Jugend in Indien verbringt, sich äußerst frustriert vom spirituellen Einsiedlerdasein des in hilfloser Protestgeste verharrenden Vaters abwendet und Dank der guten väterlichen Beziehungen zu prominenten Briten - darunter auch Somerset Maugham - ein Stipendium in London ergattert. Hier gelingt es Willie, noch als Student die ersten journalistischen Gehversuche erfolgreich zu absolvieren und sogar sein erstes Buch zu veröffentlichen. Doch sein Erstling wird kaum beachtet, für Willie scheint es auch zu mühsam, mit großem Ehrgeiz eine Schriftstellerkarriere anzustreben.

Er taucht lieber ab in die Londoner Boheme und stürzt sich in turbulente Liebesaffären, genießt in vollen Zügen seine sexuellen Abenteuer. Als die aus Mozambique stammende Ana ihm schreibt, mit welcher Begeisterung sie sein Buch gelesen habe, ergibt sich für Willie eine völlig neue Perspektive. Da er nicht nach Indien zurück will und sich in London unwohl fühlt, entschließt er sich, Ana zu heiraten und nach Mozambique zu begleiten. Achtzehn Jahre verbringt Willie dort während der portugiesischen Kolonialzeit in der Provinz. Die einzige Abwechslung bieten Treffen mit portugiesischen Plantagenbesitzern, Verwaltern und Geschäftsleuten.

Das Schreiben hat Willie inzwischen ganz aufgegeben, schließlich schläft er regelmäßig mit minderjährigen einheimischen Prostituierten und beginnt eine Affäre mit einer liebestollen Nachbarin. Doch der frustrierte und entnervte Willie fühlt sich von Ana abhängig; er verlässt sie und kehrt als 41jähriger nach Europa zurück, wo er seine in Berlin lebende Schwester besucht. Ausgerechnet das verschneite Berlin ist für den orientierungslosen, verunsicherten Außenseiter Willie die Endstation. Offen bleibt, wohin ihn die weitere Reise führen wird. Dass er das Zeug zum erfolgreichen Schriftsteller hat, traut man ihm jedenfalls nicht zu.

Wahrlich kein Bildnis des Künstlers als junger Mann, das Naipaul hier entwirft. Französische und amerikanische Filmklassiker liefern Willie während seiner Londoner Studienzeit zwar Vorlagen für Hörfunkbeiträge und Kurzgeschichten, doch der große Wurf ist nicht darunter. Leser, die nach autobiografischen Indizien für Naipauls eigenen künstlerischen Werdegang suchen, werden enttäuscht: Das große, richtungsweisende Schlüsselerlebnis fehlt ebenso wie das Sendungsbewusstsein des zu Höherem Berufenen: "Soll das Buch doch eingehen. Soll es doch in der Versenkung verschwinden", dachte Willie nach der Veröffentlichung seines Buches. "Ich schreibe nie wieder etwas. Ich hätte überhaupt nie damit anfangen dürfen. Das Buch war künstlich und verlogen."

Diesen muffig-nörgeligen, ziellos herumdriftenden Willie, der am liebsten Sex-Schulen einrichten würde, um es unbeholfenen Typen wie ihm bei ersten Kontakten leichter zu machen, er ist aufgrund seiner Ich-Schwäche viel zu abhängig von fremden Meinungen und Einflüssen. In Indien nervt ihn das rigide Kastensystem mit einem dementsprechend erzwungenen Rollenverhalten, in London fühlt er sich als exotischer Außenseiter abgestempelt und gedemütigt, in Mozambique weiß er mit dem Umfeld der Plantagenbesitzer und Verwalter nichts anzufangen.

Im Rätsel der Ankunft hatte Naipaul 1993 das hohe Lied auf die englische Provinz gesungen. Damals hatte sich der Ich-Erzähler nach seinen unsteten Irrfahrten befreit und erlöst gefühlt, weil er sein lästiges Hindu-Erbe hinter sich lassen und die Wonnen einer beschaulichen ländlichen Idylle genießen konnte, die nun seine Heimat geworden war. Das befreiende Ende dieser Identitätssuche, das Glücksgefühl des endlich Angekommenen, ging da einher mit einem einfühlsamen Erzählstil, der auf andere Menschen, die Landschaft und auf unscheinbare Details liebevoll und optimistisch eingeht.

Ein halbes Leben wirkt dagegen unfertig und fast wie ein aus der Recycling-Schublade. Man muss nicht so hyperkritisch sein wie der amerikanische Autorenkollege Paul Theroux, der sich ja schon in seiner überzogenen Polemik "Sir Vidias Shadow" in die Niederungen profaner persönlicher Beleidigungen begab und nun im Guardian behauptete, jedem namenlosen Autor wäre das Manuskript von Ein halbes Leben postwendend zurückschickt geworden - das Buch sei nur veröffentlicht worden, weil Naipaul auf dem Cover stünde.

Fest steht jedoch: Naipauls frustrierter Anti-Held Willie Chandran hat keine Perspektive; seine Suche nach einer eigenen Identität oder einem sinnvollen Lebensziel verläuft ergebnislos im Sand. Aber das nimmt der phlegmatische Willie ohne großen Leidensdruck oder Erregung zur Kenntnis.

Naipauls Verdienst war es bisher immer gewesen, die Erwartungshaltungen des Lesers hinsichtlich politisch korrekter Statements und eines im Trend liegenden politischen Engagements für die Dritte Welt, gegen den britischen Kolonialismus und so weiter zu unterlaufen und zu konterkarieren. "Wenn man als Schriftsteller eine Sache vertritt, ist man schon korrumpiert, denn dann weiß man ja schon alle Antworten im voraus", dekretierte Naipaul einmal. Wer nur seine eigenen Vorurteile bestätigt haben möchte, der sollte lieber zur Trivialliteratur greifen, ergänzte Naipaul - er sei jedoch nicht für Triviales zuständig. Wer wollte da widersprechen?

Doch nicht das einseitige Engagement oder eine rigide Ideologie sind die Schwachpunkte von Ein Halbes Leben. In diesem nur streckenweise autobiografisch gefärbten Rückblick auf das halbe Leben des seltsam unmotivierten und introvertierten Grüblers Willie Chandran bleibt auch die Erzählhaltung vage und unentschlossen. Viele Figuren sind zu schemenhaft gezeichnet, und was wie ein Entwicklungsroman im Stile des Salinger-Klassikers Der Fänger im Roggen mit einer Art indischem Holden Caulfield angelegt scheint, bleibt ein dreigeteiltes Fragment, dessen in Indien, London und Mozambique spielende Episoden nicht so recht zusammenpassen.

Naipaul hat ja in den letzten Jahren oft behauptet, der Roman sei eine antiquierte Erzählform. Zweifellos wollte er mit Ein Halbes Leben zeigen, wie einfallsreich und experimentierfreudig er noch ist. Doch das Experiment ist nur streckenweise, etwa in den Londoner Boheme-Episoden, gelungen. Wer den Nobelpreisträger in Höchstform erleben will, der sollte entweder den großen Afrika-Roman An der Biegung des großen Flusses, die immer noch aktuelle Islamische Reise lesen oder den wohl eindrucksvollsten Roman dieses grandiosen Erzählers : Ein Haus für Mr. Biswas.

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2.)

Ein halbes Leben.
Roman von V. S. Naipaul (2001, Claassen - Übertragung Sabine Roth und Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Adam Olschewski aus der Frankfurter Rundschau, 14.8.2002:

Seine Buchstaben atmend
Eine Begegnung mit dem Nobelpreisträger V. S. Naipaul

Er ist ein Romancier, aber kein großer. Seine Dialoge stammen eindeutig vom Schreibtisch, seine Figuren sind von seinem Willen, nicht vom Leben erfüllt. Bitte? Ein verfehltes Urteil; ein Missverständnis; eine Fehdehandschuh? Es ist jedenfalls eine Behauptung, die einigermaßen standhält, sofern man sich nicht von Preisen und dem mit ihrer Hilfe zementierten Ruhm zu sehr beeindrucken läßt. Seine Lakonie, die an Kälte grenzt und mitunter tatsächlich kälteste Kälte erzeugt, funktioniert am besten - man soll sich ja nicht mit dem Sujet gemein machen, sondern gerade dort Reserve wahren - im Kontext seiner Reiseberichte Ihre Restspuren tragen dann seine Romane, mehr: Sie sind deren Folge. So sicher nämlich wie die Jahreszeiten wechseln, wechselt das unmittelbar Erlebte bei ihm nach einer Weile in ein Buch, das er zwar zur Fiktion erklärt, das sich aber niemals vom eben Wahrgenommenen lösen kann. Es scheint beinahe, als könnte er nichts erfinden; als wäre er ein Knecht des Reports. Auch findet seine Biographie stets kaum gefiltert Eingang in seine Romane - Geburt und Jugend in einer Kolonie, der Stammbaum aus einer anderen, die Gegenwart bei einer ehemaligen Kolonialmacht ersten Ranges - , was man als Selbstverliebtheit oder Einfallslosigkeit oder Programm oder letzte Konsequenz auslegen kann. Fest steht, dass im Mittelpunkt beinahe eines jeden seiner Bücher ein Ich steckt, das Ich, in diesem Fall lediglich er: Vidiadhar Surajprasad Naipaul; am kommenden Samstag siebzig Jahre alt.

Fast könnte man denken, er hätte an diesem Abend seine Kälte, die oft in Mitleidlosigkeit aufgeht, wie einen lästigen Panzer abgestreift, wäre - schließlich ist, man vergisst das leicht, Hochsommer - wiesengleich bunt aufgeblüht; allerdings nur solange Christian Brückner auf Deutsch aus seinem Roman Ein halbes Leben vorlas. Was gute vierzig Minuten dauerte, vieler mehr oder minder ausladenden Gesten in Richtung des Panoramafensters mit der Münchner Abenddämmerung bedurfte, des Senkens und des Hebens der Stimme, der Pausen, die alle tödliche Lakonie samt Pessimismus tilgten. Stieg da plötzlich, durch den onkelhaften Zugriff von außen, etwas hoch, was man bislang übersah? Kann V.S. Naipaul etwa eine Figur zeichnen, an der man sich emotional beteiligt? Man wartete auf des Schöpfers Wort ins Literaturhaus hinein; es folgte.

Etwa dreizehn, womöglich auch sechszehn Minuten lang las V.S. Naipaul, was nicht viel ist, doch - aus Mangel an Wahl - genug sein kann. Er brauchte Anlaufzeit, an die vier Minuten, unterbrach sich beim Lesen, um hier und dort mit zwei, drei Sätzen eine Stelle näher zu erläutern, bevor er in Fluss kam. Sein Vortrag wies keine Eigenheiten auf. Er trug vor wie der britischste aller Briten - mit achtzehn Jahren kam Naipaul aus Trinidad nach England, wo er studierte, berühmt wurde und blieb - es vermutlich getan hätte: eher zurückhaltend bis regungslos, eher weniger als mehr. Da zuvor, noch knapp bevor John Updike mit "Meister der fiktionalen Prosa" über Naipaul zitiert werden konnte, bereits angekündigt wurde, der Autor stünde für eine Diskussion nicht zur Verfügung, war es das. Zu irgendwelchen Tumulten oder wenigstens geringen Unmutsbekundungen kam es nicht, man gab sich gut bedient. Reihte sich brav und mit roten Bäckchen zu den dreihundert in die Schlange ein, um sein Autogramm, wo das V und das S zu einem Zacken ineinanderfließen, zu erwerben und anschließend ein "Thank You" und einen unfertigen Knicks hervorzupressen.

Wo man rar wird und trotzdem wohl tut, könnte man meinen, setzt die Hagiographie ein. Ein Nobelpreisträger wurde also hier mal eben ausgestellt; dem Erben Petri im Papamobil nicht ungleich, der kurz winkt, segnet und wieder fortfährt, um in einer anderen Ecke dieser Welt zu winken und zu segnen im Auftrag einer höheren Macht oder der Schwedischen Akademie. Warum auch anders, offenbar reicht das inzwischen. Man hat ihn immerhin - mit diesen Augen hier - gesehen, könnte den Nachkommen von ihm tagein, tagaus am Kachelofen erzählen; von seiner rotweinroten Krawatte, dem grauen, bedingt gut sitzenden Anzug, den zwischen Tränensäcken und schweren Lidern gefangenen Pupillen, dem schütteren, dennoch halblangen Kopfhaar, dem weißen Bart, dem Mund mit den zwei Lippen. Mein Atem mischte sich mit seinem, ich atmete seine Buchstaben, die von ihm, nur ihm berichteten, er war in mir, wir waren für einen Wimpernschlag oder zwei eins - so die Augenzeugen nicht wörtlich, aber in etwa.

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3.)

Ein halbes Leben.
Roman von V. S. Naipaul (2001, Claassen - Übertragung Sabine Roth und Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Georg Sütterlin aus der Neue Züricher Zeitung, 17.8.2002:

Gesucht: eine Rolle im Leben
Ein Gang durch V. S. Naipauls literarisches Spiegelkabinett

Am heutigen 17. August feiert der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul seinen 70. Geburtstag. Im Vorfeld des Anlasses sind mehrere seiner Bücher auf Deutsch erschienen, die verschiedene Aspekte seines Lebens und Schaffens erhellen.

2001 ging der Nobelpreis für Literatur an einen Schriftsteller, der wenige Jahre zuvor erklärt hatte, der Roman als innovative literarische Form sei am Ende: an V. S. Naipaul. Die Behauptung war seinerzeit hitzig diskutiert worden - schliesslich kam sie von einem Romancier, der zu den besten Schriftstellern der Gegenwart zählt. Naipauls 1994 veröffentlichtes Buch «Ein Weg in der Welt» erschien wie sein Abschied vom Genre des Romans. Fiktionale Elemente verbinden sich darin auf überraschende, neuartige Weise mit historischen und autobiographischen Themen. Mit «Ein halbes Leben» (2001, «Half a Life») kehrt Naipaul nun zur Romanform zurück. Und er kehrt zurück zum Stoff, der ihn seit nunmehr bald fünfzig Jahren beschäftigt: Bewusstsein und Identität von Menschen in nachkolonialen Gesellschaften.

IDENTITÄT AUS WORTEN

«Ein halbes Leben» ist die Geschichte des Inders Willie Chandran, Sohn eines Brahmanen und einer Kastenlosen. Ein Stipendium verschafft ihm die Möglichkeit, das familiäre Elend und Indien hinter sich zu lassen. Er kommt ins London der fünfziger Jahre und mischt sich unter die Immigranten-Bohème. Chandran kämpft gegen ein übermächtiges Gefühl von Selbstentfremdung und Nichtigkeit. In dem Masse aber, wie ihm die gesellschaftlichen Mechanismen und Werte vertraut werden, baut er sich mit Worten und Geschichten eine Identität. Willie Chandran sucht eine Rolle, ein Leben. In drückender Armut und Aussichtslosigkeit phantasiert er von einer Existenz als erfolgreicher Schriftsteller. Er verfasst Beiträge fürs Radio und veröffentlicht sogar ein Buch. Erfolg bringt ihm das nicht, aber eine Verehrerin, eine portugiesisch-afrikanische Studentin, der er Hals über Kopf nach Moçambique folgt. Dort lernt er eine koloniale Gesellschaft kennen, die in den letzten Zügen liegt. Einmal mehr wird Chandran vom Gefühl eingeholt, dass es in seinem Leben keinen Halt gibt, dass er auf nichts bauen kann, dass sich alles auflöst. Und er wird gewahr, dass er noch immer auf der Suche ist nach einem selbstbestimmten, selbst geschaffenen Leben.

Das «halbe Leben» des Buchtitels ist mehrdeutig. Gemeint ist ein Leben, das nicht zur Entfaltung kommt, aber auch ein Leben, das nur zur Hälfte erzählt wird. Denn am Schluss des Romans ist Willie Chandran Anfang vierzig; er hat seine Frau und Moçambique verlassen und ist in Berlin, wo er seiner Schwester sein Leben erzählt. An diesem Punkt bricht der Roman abrupt ab. Einmal mehr beeindruckt Naipauls glasklare Sprache. Es gibt nicht viele Autoren, die so viel sagen und gleichzeitig so leicht lesbar sind. Der ideale Stil für ihn, so Naipaul, sei eine Schreibweise, die der Leser nicht wahrnehme. Seit dem Erstling, «The Mystic Masseur» (1957), haben sich der sprachliche Ausdruck, die deskriptiven und analytischen Fähigkeiten und die Architektur von Naipauls Romanen laufend verfeinert. «Ein halbes Leben» wirkt nun aber ziemlich willkürlich gebaut, der Band erscheint wie die abgehackte erste Hälfte eines längeren Romans. Und die einzelnen, oft brillanten Erzählteile fügen sich nicht zu einem Ganzen. Einige Abschnitte muten wie geschlossene Prosastücke an, andere wie Fragmente eines Schlüsselromans.

Nach der Lektüre von «Ein halbes Leben» erscheint Naipauls Diktum, die Romanform sei tot, wie eine Verallgemeinerung der eigenen Befindlichkeit. Und im kürzlich erschienenen Bändchen «Reading & Writing. A Personal Account», das zwei Vorlesungen enthält, findet man einen Satz, der in dieselbe Richtung zielt: «So wie jedes kreative Talent sich ausbrennt, so gelangt auch jede literarische Form ans Ende dessen, was sie zu leisten vermag.» Kreatives Talent: Naipaul hat betont, dass ihm die natürliche Gabe fürs Schreiben abgehe, sein Werk sei das Resultat konstanten Lernens und harter Arbeit. In diesen beiden Vorlesungen schildert er sehr verdichtet und sehr persönlich den familiären Hintergrund und seine Anfänge als Schriftsteller. Die Parallelen zu Willie Chandran in «Ein halbes Leben» sind offenkundig. Auch Naipaul war Sohn eines verarmten Brahmanen, nicht in Indien allerdings, sondern auf der Karibikinsel Trinidad, damals eine britische Kolonie. Auch ihm vermittelte das Kino (nicht die Lektüre) erste Phantasien einer weiteren Welt. Auch er kam in den fünfziger Jahren als Stipendiat nach London. Auch er war in sexuellen Angelegenheiten, wie er wiederholt dargelegt hat, scheu und inkompetent. Auch er begann als Journalist und mit Erzählungen für die BBC.

Wie steinig der Weg zum Schreiben war, zeigt noch deutlicher der Band «Briefe zwischen Vater und Sohn» (2000), der nun zu Naipauls 70. Geburtstag auf Deutsch erscheint. Der Briefwechsel setzt 1950 ein mit der Abreise des 18-Jährigen nach England und endet 1953 mit dem Tod des Vaters. Wenn Naipaul später als schroff und unnahbar bezeichnet wurde, so zeigen diese Briefe einen Jungen, den seine Familie liebte und der seine Familie liebte, insbesondere den Vater. Die neunköpfige Familie geriet wiederholt in finanzielle Engpässe. Es ist ergreifend zu sehen, wie Naipaul ein Gutteil seiner Entschlossenheit, rasch ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden, aus seiner Bereitschaft zog, der Familie finanziell zu helfen. Depressionen und ein Zusammenbruch in jener Zeit erklären sich auch aus diesem Druck. Der andere, wichtigere Antrieb fürs Schreiben war der Vater, ein Journalist, der als Schriftsteller scheiterte. Unermüdlich bestärkte und unterstützte er «Vido», seinen erstgeborenen Sohn, dessen Ehrgeiz und panische Angst zu versagen allerdings ungleich grösser waren. Dank der geteilten Leidenschaft fürs Schreiben entspann sich zwischen Vater und Sohn ein kollegiales Werkstattgespräch, das nachvollziehbar macht, wie Naipaul seine Ambition allmählich realisierte.

GESPENSTER DER HEIMAT

Diese Briefe belegen auch, wie fremd und verloren Naipaul sich in England fühlte und wie früh er erkannte, dass eine Rückkehr in die Heimat unmöglich war. «Trinidad hat nichts zu bieten», schreibt er. 1991 hat die belgische Schriftstellerin und Journalistin Lieve Joris den inzwischen berühmten Naipaul im Kreis seiner Familie in Trinidad aufgesucht, wo er zu Besuch weilte. Ihre vielschichtige Reportage «V. S. Naipaul - Eine Begegnung auf Trinidad» verbindet Interview, biographische Elemente, literarische Kommentare, Beobachtungen und Notate zu Trinidad. Auf gemeinsamen Ausflügen mit dem bärbeissigen Schriftsteller wehrt sich die junge Journalistin tapfer gegen das Eingeschüchtertwerden. Sie deutet Naipauls mutwilligen Sarkasmus und seine Provokationslust als Schutzmechanismen einer empfindlichen Seele....Fortsetzung

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4.)

Ein halbes Leben.
Roman von V. S. Naipaul (2001, Claassen - Übertragung Sabine Roth und Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Dieter Lohr:

Keine ganze Sache

Das neue Buch des Literaturnobelpreisträgers 2001 hält, was die Schwedische Akademie dem Autor bescheinigt: ‘hellhöriges Erzählen’, ‘unbestechliches Beobachten’, die ‘Gegenwart verdrängter Geschichte’. Aber sind es tatsächlich diese Kriterien allein, die ein gutes Buch ausmachen?

Es beginnt in einer indischen Kleinstadt mit der Frage des Protagonisten an seinen Vater: „Warum heiße ich mit zweitem Namen Somerset? Die Jungen in der Schule haben es herausbekommen, und jetzt ziehen sie mich auf.“

Die Antwort ist die Lebensgeschichte des Vaters, sein Versuch, sich von den Traditionen zu lösen und seinen eigenen Weg zu gehen. Feinfühlig und unverhohlen erzählt er vom kolonialen, dann vom unabhängigen Indien, den zugehörigen gesellschaftlichen und politischen Problemen, von seinen eigenen Idealen sowie seinem Unvermögen, diese in die Tat umzusetzen. Am Ende seiner Rebellion ist er resigniert, unverstanden und arm.

Die Antwort auf Willie Somerset Chandrans Frage dauert lange – dreißig Druckseiten, zehn Jahre erzählte Zeit. Willie ist darüber erwachsen geworden; sein Urteil ist vernichtend:

„Willie Chandran sagte: ‘Ich verachte dich.’

‘Aus dir spricht deine Mutter’

Willie Chandran sagte: ‘Was habe ich von dem, was du gesagt hast? Du bietest mir nichts.’“

Willie zieht die Konsequenz; er verlässt Indien und geht nach London. Er lernt gewöhnliche, außergewöhnliche, bemerkenswerte und bizarre Menschen kennen, macht sexuelle Erfahrungen und wird schließlich Schriftsteller – alles halbherzig und alles mit mäßigem Erfolg.

Auf der Suche nach seinem eigenen Weg sucht er – wie zuvor sein Vater – beständig nach Leitfäden, Beschützern, Vorbildern. Was herauskommt ist – wie es der Buchtitel bereits verrät – ein halbes Leben. Die andere Hälfte ist nachgeahmt, geborgt oder gestohlen. Diese Halbheit setzt sich im Gesamtgesellschaftlichen fort. Die Entwicklung Indiens zur und nach der Unabhängigkeit ist eine Halbheit, London ist eine Halbheit.

Wiederum flieht Willi, diesmal mit seiner Frau in deren afrikanisches Herkunftsland – nicht weil er dort hin möchte, sondern weil er nicht weiß, wohin er sonst soll. Und natürlich führt er auch dort nur ein halbes Leben in einer Halb-Welt mit Halb-Freunden. Letzten Endes bleibt ihm abermals nur die Flucht…

‘Ein halbes Leben’ vereinigt Fiktion, Autobiographie und authentischen Bericht: Als Chronist beschreibt Naipaul spitzzüngig die Zustände im postkolonialen Indien, dem London der späten 50er Jahre und der Zeit des Unabhängigkeitskampfes in Portugiesisch-Ostafrika. Als Erzähler besticht er durch seine Kunstfertigkeit: Die großartige Stilfigur, mit der er die verstreichende Zeit von Willies Heranwachsen mit der Erzählung seines Vaters ausfüllt, wird zum Ende des Buches wiederholt, bricht aber vorzeitig ab. ‘Ein halbes Leben’ endet in den 70er Jahren, Willie ist Mittvierziger, seine Geschichte längst noch nicht zu Ende.

Aber nicht nur hinsichtlich des offenen Endes ist Naipauls Buch keine ganze Sache: Keine der im Buch vorkommenden Figuren ist rundherum authentisch, und so genau ihr Erzähler sie auch analysieren, ihre Handlungen klar- und bloßstellen mag, sie bleiben sich selbst und dem Leser so fremd und entfremdet, wie sie sich fühlen. Und genauso fremd bleibt das Buch letztendlich auch dem Leser.

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Leseprobe I Buchbestellung 1104 LYRIKwelt © Dieter Lohr