Ein gerader Rauch von Denis Johnson, 2008, Rowohlt1.) - 2.)

Ein gerader Rauch.
Roman von Denis Johnson (2008, Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Robin Detje).
Besprechung von Ulrich Baron in Rheinischer Merkur, 01.01.2009:

Ewiger Albtraum
Denis Johnson begleitet einen schillernden CIA-Agenten durch Amerikas Waffengänge – und redet seiner Nation ins Gewissen. Die Zeit der Helden ist vorüber.

Wir konnten weder herausfinden, was in den obersten Etagen der Ho-Regierung vor sich ging, noch in Erfahrung bringen, wie dort Politik gemacht wurde und wer sie machte“, schrieb der ehemalige CIA-Direktor Richard Helms über seinen Albtraum Vietnamkrieg. Ursache sei „unsere Unkenntnis von Geschichte, Gesellschaft und Sprache der Vietnamesen“ gewesen.

In Denis Johnsons Opus maximum aber gibt es zumindest einen Amerikaner, der das Land gut genug versteht, um vielleicht über einen Doppelagenten durchsickern zu lassen, dass es bei den Amerikanern ein „paar alte Piraten“ gebe, die einen Atomsprengsatz abzweigen, „ihn nach Hanoi schmuggeln und dem Unsinn ein Ende machen“ könnten. Wenigstens arbeitet er daran. Der kryptische Romantitel „Ein gerader Rauch“ („Tree of Smoke“) spielt auf Formulierungen im Alten Testament an, in denen von drohenden Rauchsäulen am Himmel und von wunderbarem Räucherwerk die Rede ist. Für den Weltkriegsveteranen und CIA-Mitarbeiter Colonel Sands aber hat der Ausdruck eine explosive Konnotation: „,Gerader Rauch‘ – denke dabei auch an die Säule eines Atompilzes. HAH!“

Der alte Haudegen Sands ist hier der eigentliche und zugleich der letzte Held. Vietnam ist nur eine weitere Station, die er als Fremder in fremden Welten erreicht hat. Vielleicht die Endstation. Sands ist nicht der „stille Amerikaner“, den Graham Greene 1955 in den Indochina-Krieg entsandt hat. Nicht der „hässliche Amerikaner“, den Eugene Burdick und William Lederer 1958 in ihrem Bestseller beschrieben haben, auch wenn beide Werke hier diskutiert werden. Sands ist, der er ist – „einmal Colonel, immer Colonel“. Im Zweiten Weltkrieg hat er gegen Japaner gekämpft; später mit deren Unterstützung gegen seine früheren Bundesgenossen, die nun Kommunisten waren. Zu Romanbeginn hat er auf den Philippinen von der Ermordung Kennedys erfahren. An dessen Ende bezeugen mehrere Gräber den Tod seiner mythischen, in Alkohol und Legenden konservierten Gestalt, an den kaum jemand glauben mag. Zwischen Anfang und Ende arbeitet der Colonel in Vietnam an einem Projekt, dessen Ausmaß und Legitimität weder die CIA noch der Leser überschaut. Johnsons erzählerischer Ariadnefaden führt aus keinem Labyrinth heraus, sondern verknäuelt sich dazu.

Einmal mit dem Colonel in Berührung gekommen, vermag sich keine Romangestalt zu entziehen. Seinem Neffen und CIA-Kollegen William „Skip“ Sands wird er ebenso zum Schicksal wie dem vietnamesischen Piloten Minh, dessen Onkel Hao und dessen Jugendfreund Trung, der sich den Kommunisten angeschlossen hat. Selbst die beiden jungen Soldaten Bill und James Houston geraten erst richtig aus ihren Bahnen, als der Colonel diese gekreuzt hat. Aus der Bahn wirft es auch die Krankenschwester und Missionarswitwe Kathy Jones, deren Affäre mit Skip sie mit den Operationen seines Onkels in Berührung bringt. Doch während der Colonel allgegenwärtig erscheint, sieht sich Skip an immer entlegeneren Orten mit immer abseitigeren Operationen beschäftigt. Warum, bleibt so unklar wie die militärische Entwicklung. „Ich blicke hier nicht ganz durch“, sagt James Houston einmal: „War dieser ganze Berg jetzt unter Beschuss oder nicht?“

Auch wenn da eine zerfetzte Leiche liegt und ein Gefangener zu Tode gefoltert wird, bleibt der Krieg phantasmagorisch, bleibt dessen Wirklichkeit unfassbar. Damit knüpft Johnson an eine Tradition an, die mit Joseph Hellers absurdem Weltkriegsroman „Catch 22“ (1961) begonnen hat, in dem der Krieg seine eigene wahnhafte Logik gegen die Realität durchsetzte. Sie gipfelte 1979 in Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“, der Wagners Walkürenritt ebenso zitierte wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. In dessen Helden Kurtz mag man ein Vorbild des Colonels sehen, der fern seiner Heimat außer Kontrolle geraten ist.

Der Beginn des Romans zeigt, wie Bill Houston, der zur Marine entwischten Sohn einer gläubigen amerikanischen Provinzlerin, auf den Philippinen einen Affen erlegt: „Seaman Houston ging zu dem Affen hin, legte das Gewehr neben ihm ab und hob das Tier hoch, indem er ihm eine Hand unter das Hinterteil schob und seinen Kopf in die andere bettete.“

Man kann diese Hinwendung des Soldaten zu seinem Opfer als eine Pietà-Szene lesen, die sich in den katholischen Hintergrund der Philippinen einfügt. Aber der Katholizismus richtet hier nichts aus. So wird der Meister eines Tempels dem Colonel sagen: „Wir Vietnamesen können uns auf zwei Philosophien stützen: Die konfuzianische sagt uns, wie wir uns verhalten sollen, wenn das Schicksal uns Frieden und Ordnung schenkt. Die buddhistische bringt uns bei, unser Schicksal anzunehmen, selbst, wenn es uns Blut und Chaos beschert.“

Der Colonel zitiert gegenüber seinem Neffen den ersten Paulusbrief an die Korinther (12,5), nach dem es einen Herrn, aber viele Ämter gebe: „Ich verstehe das so, dass du aus einem Universum heraus- und in ein anderes hineinwandern kannst, indem du einfach die Füße auf den Boden setzt, und vorwärts marsch. Das heißt, du kannst in ein Land kommen, wo das Schicksal der Menschen ein ganz anderes ist, als es sich bisher dargestellt hat.“

Wie zur Bestätigung bricht Ende Januar 1968 die nordvietnamesische Tet-Offensive los, deren selbstmörderischer Furor die amerikanische Aufklärung vollkommen überraschte. Tet ist das vietnamesische Neujahrsfest, und der Roman zeigt hier Parallelwelten, in denen die einen fallen, während andere Neujahrsbäumchen pflanzen. Dass es viele Ämter gibt, glaubt man da gerne, aber wo bleibt der Herr? Hier waltet ein infernalischer Impressionismus, der die Welt in Figurenperspektiven und betrunkene Dialoge zerfallen lässt. Lange nach dem Ende des Krieges endet der Roman mit einem Epiphanie-Erlebnis Kathys, die gerade die letzten Briefe ihres hingerichteten Geliebten Skip gelesen hat: „Alle werden erlöst“, glaubt sie, aber überzeugender klingt hier, was Johnson ein Kapitel zuvor über die Aufzeichnungen eines Mannes schrieb, der zum Mittelpunkt eines heidnischen Opferfestes wurde: „Sein Gedicht wurde als Asche emporgewirbelt.“

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Ein gerader Rauch von Denis Johnson, 2008, Rowohlt2.)

Ein gerader Rauch.
Roman von Denis Johnson (2008, Rowohlt - Übertragung Bettina Abarbanell und Robin Detje).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 14.1.2009:

"Ein gerader Rauch"
Vietnam und kein Zurück

Eines Tages, es ist das Jahr 1966, hält ein Wagen neben einer Gruppe von Soldaten, die gerade auf Urlaub sind. Ein Admiral in Uniform kurbelt die Scheibe herunter und ruft: "Amüsiert ihr Arschlöcher euch auch anständig?" "Jawohl, Sir!", so lautet die Antwort. ",Das will ich hoffen', sagte der Admiral. ‚Auf Arschlöcher wie euch kommen nämlich harte Zeiten zu.' Er kurbelte das Fenster wieder hoch und fuhr davon."

Der Vietnamkrieg ist ein Mythos, der vor allem durch zahlreiche Filme Eingang in die Populärkultur gefunden hat. Nun hat sich mit Denis Johnson einer der bedeutenden amerikanischen Gegenwartsautoren der Sache angenommen und mit "Ein gerader Rauch" einen knapp 900 Seiten starken Roman vorgelegt, der am Tag der Ermordung John F. Kennedys einsetzt und, nach einem Zeitsprung, der dreizehn Jahre auslässt, schließlich im Jahr 1983 endet. Und man muss sich selbstverständlich fragen: Warum nimmt Johnson sich diesen Stoff vor, der im Grunde ausgereizt und abgearbeitet zu sein scheint?

Die Motivation wird bereits nach wenigen Seiten deutlich: Weil dies eindeutig dunkles Johnson-Terrain ist; weil der Krieg und alles, was damit zu tun hat, sich umstandslos in das Gebiet mythologischer Erhöhung und göttlicher Verdammung rücken lässt. Und da kennt Johnson sich aus wie außer ihm vielleicht nur noch Cormac McCarthy.

Allein schon der Titel ist eine biblische Referenz: "Ich werde wunderbare Zeichen wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen", heißt es im dritten Kapitel des Buch Joel - "Rauchsäulen", wörtlich übersetzt: "Ein gerader Rauch". Und von alttestamentarischer Wucht ist auch das, was Johnson über seine Figuren kommen lässt. Das Aufgebot an Protagonisten ist, gemessen am Umfang des Romans, relativ überschaubar. Dass es dennoch Zeit und Geduld braucht, bis man sich einigermaßen zurechtgefunden hat, liegt daran, dass Johnson in Perspektive und Chronologie permanent hin- und herspringt. Nicht Aufklärung oder gar explizite Anklage hat dieser Roman im Sinn, sondern, so paradox das klingen mag, eine hochgenaue Darstellung von Desinformiertheit und Richtungslosigkeit.

Im Zentrum all dessen steht Colonel Sands, eine riesenhafte Figur (die ohne Joseph Conrads "Herz der Finsternis" kaum denkbar wäre, wie auch Bilder und Motive von Hollywood-Verfilmungen zu Johnsons Repertoire gehören), eine menschliche Legende, die seit dem Zweiten Weltkrieg Südostasien nicht mehr verlassen hat; ein strammer Antikommunist, der alles gesehen und erlebt hat und nun, in den Wirren des Krieges, einer Abteilung namens "PsyOps" vorsteht, die sich aus allen Befehlshierarchien und Kontrollmechanismen verabschiedet zu haben scheint; Aufgabengebiet (wenn man es überhaupt so nennen darf): psychologische Unterwanderung des Feindes, gezielte Desinformation.

Wie besessen sammelt der Colonel Fakten über Personen. Die hortet er in einer Sammlung von Karteikarten, deren Struktur nur er selbst versteht. Unter dem Arbeitstitel "Ein gerader Rauch" entwickelt er ohne Auftrag und Rückendeckung Strategien für den Einsatz eines Doppelagenten in Nordvietnam. Das Motiv des Verrats durchzieht den gesamten Roman in unterschiedlichen Varianten.

Der Colonel beordert seinen Neffen Skip Sands, einen jungen CIA-Agenten, in die Region. Man trifft Verbindungsleute, man diskutiert Aktionen, man philosophiert über das Wesen des Krieges und des Kampfes. Allein - was all das soll, scheint niemand so recht zu wissen: "Ich dachte, das ist eine Aufklärungseinheit." "Ist es nicht. Wir wissen auch nicht, was das ist."

Hin und wieder bekommt das beinahe komische Züge. Skip beispielsweise wird auf einen Priester angesetzt, der angeblich mit Waffen handelt. "Irgendwann erwachte Sands aus einem Traum von biblischer Kraft, einem prophetischen Traum, plötzlich erfüllt von der Gewissheit, dass die Insel Mindanao für die Vereinigten Staaten nicht von Interesse war, der katholische Priester keine Waffen an Moslems verkaufte und das Leben ihn - Skip Sands, den stillen Amerikaner, den hässlichen Amerikaner - an diesen Ort zitiert hatte, damit er im Blick auf alle zukünftige Arbeit seinen Horizont erweiterte. Denn hier gab es gegenwärtig nichts für ihn zu tun."

Der Priester wird schließlich von einem deutschen BND-Agenten per Blasrohr exekutiert, warum auch immer. Die Geheimdienstlogik ist eine Logik, die ausschließlich sich selbst erzeugt.

Mehr als 300 Seiten ist "Ein gerader Rauch" sozusagen ein Vietnamkriegsbuch ohne Krieg. Das ändert sich schlagartig. In einem parallelen Erzählstrang wird die Geschichte der Brüder Bill und James Houston erzählt. Während Bill unehrenhaft aus der Marine entlassen wird und in der Folge in den USA ein Leben als kleinkrimineller Säufer führt, entwickelt sich der zu Beginn noch minderjährige James zu einer brutalen Kampfmaschine, der freiwillig ein Jahr nach dem anderen als Soldat im Dschungel bleibt und später unter Zwang nach Hause geschickt wird, wo er geradezu erbärmlich untergeht. In James und seiner stupiden Unerbittlichkeit bricht sich symbolisch die aufgestaute Gewaltbereitschaft einer Nation Bahn. Und hier erfährt man auch die Wut, die der Schriftsteller Denis Johnson darüber verspüren mag. Was all diese Figuren eint, ist die Tatsache, dass sie jegliche innere Verbindung mit der Welt außerhalb ihrer Kriegsrealität verloren haben - und sich dessen in desillusionierter Selbstbetrachtung auch bewusst sind.

"Ein gerader Rauch" ist nicht Denis Johnsons bestes Buch; es fehlt ihm die Traurigkeit einer so wunderbaren Novelle wie "Train Dreams" und die sprachliche Prägnanz seines Romans "Schon tot". Und doch spricht viel für diesen irritierenden neuen Roman. Zum Beispiel, dass er sich im zweiten Teil unvermutet zu einem spannenden Agententhriller ausweitet. Vor allem aber strahlt "Ein gerader Rauch" in seinen starken Szenen eine Unheimlichkeit aus, die ihresgleichen sucht.

In allem, was geschieht und nicht geschieht, im Morden, im Beten und im Kämpfen, steckt von Beginn an sowohl der Gedanke an die Vergeblichkeit als auch die Sehnsucht nach Erlösung, nach Transzendenz; ein Gedanke, der Denis Johnsons gesamtes Werk leitmotivisch begleitet. So laufen die Menschen durch eine Welt, ohne Halt und auch ohne Gnade.

Der Vietnamkrieg, das zeigt sich vor allem im letzten Kapitel, ist ein Alptraum, aus dem niemand, der ihn einmal geträumt hat, wieder aufwacht. Die Biografien von Johnsons Protagonisten enden im Tod, im Nichts oder im Dickicht des Dschungels. "Alle werden erlöst. Alle werden erlöst" - so lauten die Schlussworte des Romans "Ein gerader Rauch". Ein in diesem Fall buchstäblich frommer Wunsch.

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