Ein fliehendes Pferd von Martin Walser, 1978, SuhrkampEin fliehendes Pferd.
Novelle von Martin Walser (1978).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 7.3.2009:

Ein fliehendes Pferd

Martin Walser ist ein Autor, der zwiespältige Gefühle weckt. 1998 warnte er davor, den Holocaust als „Moralkeule" zu instrumentalisieren. Das war zumindest fahrlässig formuliert und brachte die intellektuelle Linke auf, zu der sich Walser zählte. Dann begann er, irritierende Romane zu schreiben. „Der Lebenslauf der Liebe" verärgerte durch die platte Anmaßung, mit der das Empfinden einer Frau beim Orgasmus geschildert wurde, „Angstblüte" befremdete mit Ejakulations-Statistik und „Tod eines Kritikers" verstimmte durch den Hass gegenüber Reich-Ranicki.
Trotz dieser merkwürdigen Altersprosa ist Martin Walser ein großer Schriftsteller. Die eindrucksvolle Novelle „Das fliehende Pferd" erzählt von zwei Männern, die ganz unterschiedlich scheinen und die sich doch sehr ähnlich sind.

Helmut Halm ist Lehrer. Er leidet unter seinem Beruf, seinem Gewicht und einem ängstlichen Gefühl der Unterlegenheit; er trinkt zu viel Wein und möchte eigentlich fliehen. Im Urlaub begegnet er einem alten Freund, den er seit Jahren nicht gesehen hat: Klaus Buch. Schlank, braungebrannt, dynamisch; Wassertrinker. Er erklärt die Männer und ihre Frauen unverzüglich zur Gruppe und übernimmt die Leitung. Buch, der Sieger. Bei einer Wanderung fängt er ein fliehendes Pferd ein, er scheut nichts. Doch dann lässt er bei einer Segelpartie das Boot im Rausch fast kentern. Helmut rettet sich, Klaus geht über Bord – und steht am nächsten Tag wieder vor der Tür. Da hat seine Frau gerade erzählt, dass er ein Versager ist, der seine Machtlust auslebt und Minderwertigkeitsgefühle mühsam kompensiert. Sie geht mit ihm fort. Und Helmut und seine Frau fahren nach Montpellier, einfach so. Eine tolle Geschichte.

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