Einfache Gewitter von William Boyd, 2009, Berlin1.) - 2.)

Einfache Gewitter.
Roman von William Boyd (2009, Berlin Verlag - Übertragung Chris Hirte).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 6.1.2010:

William Boyds außergewöhnlicher Krimi
Vom Klimatologen zum Penner

Einfache Gewitter, so ein Zitat zu Anfang dieses Romans, "vermögen es, sich zu Multizellengewittern von unbegrenzter Komplexität aufzubauen". Das klingt nicht gut und soll erklären, warum ein unbescholtener Mann, ein Klimatologe namens Adam Kindred nur ein, zwei, drei kleine Fehler machen muss, um im größten Schlamassel und als Penner am Ufer der Themse zu landen.

Der schottische Autor William Boyd macht seine Absichten manchmal deutlicher, als er bräuchte - "Adam Verwandt" heißt etwa seine Hauptfigur, um uns auch ja zu sagen, dass wir alle in diese Lage kommen könnten. Aber wenn Boyd seine Leser gerade nicht unterschätzt, ist sein Kriminalroman vorzüglich.

Adam Kindred hat in einem Restaurant einen sehr flüchtigen Kontakt mit einem Fremden, sieht, dass dieser eine Mappe liegen gelassen hat, will sie ihm schnell nach Hause bringen, trifft ihn sterbend an. Er will helfen, erkennt, dass er nichts mehr ausrichten kann, hinterlässt aber reichlich Fingerabdrücke (auch auf der Tatwaffe) und rennt weg, als ihm klar wird, dass der Mörder noch in seiner Nähe ist. Er steht schon vor seinem Hotel, als ihm dämmert, dass er sich gerade zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall gemacht hat.

Nun aber stellt er sich klüger an und wird der Roman außergewöhnlich. Denn Adam begreift, wie er vom Radar der Polizei und des Killers verschwinden kann: Von seinem Restgeld kauft er sich eine Campingausrüstung und zieht in die Londoner Büsche, lässt sich einen Bart wachsen, benutzt kein Handy und keine EC-Karte. Als Bettler muss er zunächst Lehrgeld zahlen, aber schnell lernt er, dass eine dunkle Brille und ein weißer Stock Wunder wirken.

Boyd erzählt von körperlichen und seelischen Rückschlägen für Adam, von bitter erkauften Erkenntnissen. Doch ganz vorsichtig recherchiert dieser, wer morden ließ - und warum. Es geht um die ungeheuren Summen, die für Pharmafirmen bei jedem neuen Medikament auf dem Spiel stehen, um Übernahmen und Aktientaktiererei. Und ist, alle Achtung, kaum schwarz-weiß gemalt.

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Einfache Gewitter von William Boyd, 2009, Berlin2.)

Einfache Gewitter.
Roman von William Boyd (2009, Berlin Verlag - Übertragung Chris Hirte).
Besprechung von Jochen Vogt in der WAZ vom 9.1.2010:

Unsichtbar in der moderenen Überwachungsgesellschaft
Wie kann man unsichtbar bleiben in der Millionenstadt und der modernen Überwachungsgesellschaft? William Boyds Thriller "Einfache Gewitter" begleitet Klimaforscher Adam Kindred auf der Flucht vor Scotland Yard und einem Mörder in den Londoner Untergrund.

Das Lob des ehrlichen Finders gehört zu den Grundsätzen unserer Alltagsmoral. Aber man kann auch ganz schön in die Patsche geraten durch Ehrlichkeit zur falschen Zeit und am falschen Ort.

Das erlebt Adam Kindred, der Klimaforscher aus Amerika, der zum Vorstellungsgespräch nach London kommt. Da trägt er dem asiatischen Herrn vom Nebentisch die Klarsichtmappe, die in der Pizzeria in Chelsea liegen blieb, bis nach Hause nach – und kurz danach steht er vor dessen Leiche, hat dummerweise das blutbeschmierte Messer in der Hand und wird zum Hauptverdächtigen. Nun jagen ihn nicht nur die üblichen Verfolger von Scotland Yard, sondern auch der tatsächliche Mörder. Dem geht es um das Geheimnis der Mappe, die Adam instinktiv behalten hat.

Ein Superzellengewitter

Aus einem Zufall, oder wie der Titel sagt, einem „einfachen Gewitter”, entwickelt sich ein „Superzellengewitter”. Das ist eine meteorologische Beobachtung und ein altes Thema der Literatur. Hier werden sie zum Thriller verarbeitet, nicht so originell wie vom Verlag angepriesen, sondern durchschaubar nach dem Muster des großen Eric Ambler gestrickt. Aber sei's drum, spannend ist das allemal, führt uns durch die Multikulti-Metropole und wirft gewichtige Fragen auf: nach den zweifelhaften Praktiken der Pharmaindustrie (das kennen wir auch aus John le Carrés „Ewigem Gärtner”); oder auch das Überlebensproblem des netten Adam: Wie kann man unsichtbar bleiben in der Millionenstadt und der modernen Überwachungsgesellschaft?

Handy, Kreditkarten und anderes Teufelswerk

Na klar: Bart wachsen lassen, Übernachtung unter Büschen im Park, und Lunch aus den Abfallkörben. Vor allem aber: Weg von den Überwachungskameras, und weg mit Kreditkarten, Handy und anderem Teufelswerk, das elektronische Spuren hinterlässt! Lieber rein in eine Sekte, wo es Armenspeisung und einen neuen Namen gibt. Am Schluss ist es die Zulassung für den Motorroller, die Adam fast noch zum Verhängnis wird.

All das erzählt Boyd mit einer Stilsicherheit, der die Übersetzung nicht immer gewachsen ist. Und er erzählt ein bisschen altväterlich aus mehreren Blickwinkeln. Sogar der ganz Böse bekommt sein Kapitel, aus dem wir lernen, dass auch der Auftragskiller Ärger mit dem Chef haben kann. Am Ende brechen die Machenschaften der Pharmabosse zusammen, der Killer sucht einen neuen Job, und für Adam wird ein Happy End am gewitterfreien Horizont sichtbar. Aber vielleicht ist das auch nur, mit einiger Verzögerung, der Lohn des ehrlichen Finders.

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