Eine Zeit ohne Tod.
Roman von José
Saramago (2002, Rowohlt - Übertragung Marianne Gareis).
Besprechung von Kurt Tetzeli in der NRZ,
16.11.2007:
Vom Nutzen und Nachteil des Todes
Eos, die rosenfingrige
griechische Göttin der Morgenröte, verliebte sich einst in einen wunderschönen
Jüngling, den Trojaner Tithonos. Und gewährte ihm einen Wunsch. Unsterblich
wollte Tithonos sein, vergaß aber eines: Er wurde unsterblich, blieb aber nicht
jung und schön. Er alterte, schrumpfte und schrumpelte, bis ihn Eos, die ihn längst
nicht mehr attraktiv fand, aus Mitleid in eine Zikade verwandelte.
Diese Sage von den Beleidigungen des Alterns und den Widerwärtigkeiten der
Unsterblichkeit haben viele große Schriftsteller, oft in ihren Spätwerken,
sich angeeignet, etwa Thomas
Mann in seiner letzten Erzählung "Der Erwählte". Der
portugiesische Nobelpreisträger José Saramago, der heute seinen 85. Geburtstag
feiern kann und damit auch nicht mehr zu den Jüngsten zählt, schreibt in
seinem Roman "Eine Zeit ohne Tod" die Tradition hinreißend fort.
Bestattern und Versicherern droht der Bankrott
In einem recht kleinen, christlichen Land setzt an einem Neujahrstag der Tod
sein Werk aus - bzw. die tod, denn tod ist eine Frau und klein zu schreiben,
weil sie nur für die Menschen, nicht für andere Lebewesen zuständig ist. Die
Begeisterung darüber, nun anscheinend unsterblich zu sein, währt allerdings
nur kurze Zeit. Quer durch alle Institutionen und die Bevölkerung mehren sich
die Ärgernisse, die Konflikte: Regierung und Parteien wissen nicht recht, was
zu tun; die Kirche sieht sich ihrer Grundlage beraubt, denn ohne Tod keine
Auferstehung, kein Bedarf für einen Gott; Bestattungsunternehmen und
Versicherungen droht der Bankrott, desgleichen den Rentenkassen; Krankenhäuser
und Pflegeheime stehen vor unlösbaren Aufgaben; auch das organisierte
Verbrechen hat seine Probleme, nicht nur, weil jede Todesdrohung entfällt; und
die Menschen schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt (ohne
je letzteres erreichen zu können). Nach sieben Monaten hat tod ein Einsehen:
Sie lässt wieder sterben, allerdings mit Vorankündigung. Brieflich wird den
Betroffenen mitgeteilt, sie würden in genau einer Woche sterben. Und wieder
entstehen quer durch alle Institutionen und die Bevölkerung die gravierendsten
Probleme…
Schon in "Stadt der Blinden" (1995) hat Saramago den Einbruch des
Unwahrscheinlichen, des Übernatürlichen - die Bewohner der Stadt erblinden
allesamt - in den Alltag einer westlichen Gesellschaft spannend gestaltet. Nun
radikalisiert er die Problematik, ist hier das Übernatürliche doch auch die
Fortschreibung eines Gesellschaftsproblems.
Todernste Fragen, ironisch aufgeworfen
Was, angesichts der gesteigerten Lebenserwartung, des demographischen Wandels,
tun mit den Alten, den Pflegebedürftigen? Haben wir ein Recht zu sterben?
Mittels (aktiver) Sterbehilfe? Euthanasie? Das sind todernste Fragen. Saramago
wirft sie mit leichter Hand ironisch, satirisch auf. Und in brillanter deutscher
Prosa: Gesellschaftsanalyse und -satire, (negative) Utopie und Komödie,
Dialogwitz und profunde Meditation sind virtuos verwoben. Ein hohes Lesevergnügen.
Das im letzten Viertel des Romans seinen Charakter, aber nicht seine Qualität
verändert. Denn hier geschieht das Unmögliche. Einer der Briefe, den tod
versendet, kommt vier Mal zurück. Als schöne Frau verlässt sie ihr kaltes
unterirdisches, mit Karteikarten aller zu Tötenden und einer Sense
ausgestattetes Verlies, um den Brief persönlich zu überbringen. Der Adressat
ist ein Cellist mittleren Alters. Was nun passiert, sei nicht verraten. Nur so
viel: Zu Ironie und Satire gesellt sich die Sehnsucht, das Märchenhafte - ohne
dass der Erzählung ihre Doppelbödigkeit abhanden kommt.
Ein großes, großes Spätwerk. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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