Ein Europäer aus Lodz.
Erinnerungen von Karl
Dedecius (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Regina General in freitag
vom
19.5.2006:
Du übersetzt mein Gedächtnis
Der
deutsch-polnische Literaturvermittler Karl Dedecius wird am 20. Mai 85 Jahre alt
Wichtigstes Fazit: Europas Einheit ist wie ein
Kelch. Voll des wunderbaren Weins der Erkenntnis und der Abgründe mutwilliger
Zerstörung.
In den Erinnerungen des Karl Dedecius Ein Europäer aus Lodz ist ein
Jahrhundert beschrieben, das all die Träume und Visionen schon kannte, die die
Bemühungen um Europas Einigung bis heute begleiten. Multikulturell nannte man
das Zusammenleben der Menschen verschiedenster Nationalität noch nicht. Aber,
von der modernen Industrie angelockt, kamen sie am Beginn des vergangenen
Jahrhunderts aus ganz unterschiedlichen Landstrichen in explosionsartig
wachsende Städte. Bereit, sich einzuleben, bereit, ihre Arbeitskraft
anzubieten, bereit, ein neues Leben zu beginnen und, vor allem, das der Nachbarn
zu respektieren. Verschiedene Sprachen, Literaturen, Künste, Lebensformen oder
Religionen stießen aufeinander, produzierten eine Lebendigkeit, die Geist und
Wirtschaft beflügelte.
Dedecius ist 1921 in Lodz geboren, jener vielsprachigen Textilmetropole, in die
seine schwäbische Mutter und der böhmisch-deutsche Vater auf der Suche nach
Arbeit und Wohlstand "freiwillig geflüchtet" waren. Gleich vielen
anderen. In seinem polnischen Gymnasium, das der Vater für ihn mit Bedacht
wählte - wer in einem polnischen Umfeld lebt, sollte die Sprache seiner
Mitmenschen sprechen - wurden Polen, Deutsche, Juden, Franzosen und auch Russen
unterrichtet. Sie fühlten sich in erster Linie als Lodzer. Nach Dedecius eine
Spezies besonderer Art. Aufgeschlossen, ohne Vorurteile, mit einer Nationalität
im Rücken, aber ohne Nationalismen im Herzen oder auf den Lippen. Unvorstellbar
für die Abiturienten, dass sich diese gewachsene Einheit in Milieus auflösen
könnte, in der das deutsche Milieu dominiert und auf alle anderen mit
unvorstellbarer Gewalt einschlägt. Aber genau das passiert, gleich nach dem
Schulabschluss. Zögerlich ordnet er sich seiner Nationalität zu. Der Gleiche
unter Gleichen avanciert in den Vorstellungen seiner Mitschüler zum möglichen
Helfer bei der Suche nach verschwundenen Familienangehörigen. Ist es aber
nicht. Früher als er selbst begreifen sie, das kleine Rad hat keine Chance, in
andere Richtung zu drehen. Was bleibt, ist Leere, Enttäuschung. Und eine tiefe
Liebe zu der allgemein als hässlich geschmähten Stadt. Wie für den Autor
Julian Tuwim oder den Musiker Artur Rubinstein prägt sie für Dedecius alles,
was er in den folgenden Lebensjahrzehnten tun wird.
Als deutscher Soldat in Stalingrad kommt ihm kein Wort der Klage in die
beschreibenden Zeilen, trotz der Entbehrungen im Kessel und in der
Gefangenschaft fragt er nach den russischen Dichtern, entdeckt und übersetzt Lermontow.
Organisiert Abende russischer Kultur, der eine oder andere Kinoabend gelingt -
Überlebenshilfen. Niemals aber in Zusammenarbeit mit den Deutschen vom
"Nationalkomitee Freies Deutschland". Humanistische Werte schließen
für ihn Ideologismen irgendwelcher Art aus. Faschistische Durchhalteparolen
sowieso, aber auch kommunistische Interpretation. "Von den Vorgängen bis
1945 und danach hat man mir erst nach meiner Heimkehr erzählt", schreibt
er. "Ich bin überzeugt, dass wir im Lager in Russland nicht so schlimmen
Gewissensprüfungen und Nöten ausgesetzt waren wie die Verwandten und Bekannten
in Deutschland und den besetzten Gebieten. Wir waren unfrei, sie waren es auch,
wir froren, sie auch, wir hungerten, sie auch, aber um unsere Seelen kämpfte
nicht Tag für Tag der Teufel der Menschenverachtung mit seinem Dreizack aus
Infamie, List und Erpressung".
Aus der Gefangenschaft zur Verlobten nach Weimar entlassen, werden seine
Kenntnisse schnell publik und von denen, die im Nachkriegs-Weimar die
Wiederbelebung von Theater und Literatur zu fördern versuchen, geschätzt,
Karriere- und Studienangebote folgen. Er aber zieht die Flucht in den Westen
vor. Und beginnt als Autodidakt die angelernten russischen Sprachkenntnisse zu
vertiefen. Seine Arbeit bei der Versicherung sichert das Brot, die Träume
seiner Jugend erfüllen sich dort nicht. Seine Visionen von einem einheitlichen
Europa, das voneinander profitiert, schließen, trotz weltanschaulicher
Vorbehalte, den Raum jenseits der Elbe ein. Die polnische, russische,
ukrainische Kultur seiner Jugend fehlt im Angebot des Westens. Misstrauisch
beobachtet von Geheimdiensten aller Couleur, übersetzt er aus dem Polnischen,
bedrängt die Verlage mit polnischer Lyrik, findet im Suhrkamp-Verlag
Verbündete. Du übersetzt/ mein gedächtnis/ in dein gedächtnis/ mein
schweigen/ in dein schweigen// das wort leuchtest du aus/ mit dem wort/ hebst
das bild/ aus dem bild/ förderst das gedicht / aus dem gedicht zutage//
verpflanzt meine zunge/ in eine fremde/ dann/ tragen meine gedanken/ früchte/
in deiner sprache, schreibt ihm ein begeisterter Tadeusz
Rózewicz.
Es ist nicht die Herkunft, die ihm die Türen öffnet, es ist die Sprache, die
Vertrautheit mit polnischer Mentalität, dem Milieu. Das gilt auch für die
Wahrnehmung der polnischen Exilliteratur. Im Westen gilt er schnell als zu
polenfreundlich, im Osten als Antikommunist, der mit seinen Kontakten zur
polnischen Literatur- und Kunstszene das System zu unterwandern droht. Dennoch
gelingt ihm eine imponierende Bilanz. Befreundet mit vielen der wichtigen
polnischen Autoren, erschließt er deren Werk für Westeuropa, auch das des
Nobelpreisträgers Czeslaw
Milosz, lange bevor ihm der Preis internationalen Ruhm beschert.
Dedecius lebt in der polnischen Literatur, arbeitet Schuld durch Annäherung ab,
auch wenn er nicht zu denen gehört, die irgend etwas aufrechnen würden. Er
gründet ein Deutsches Polen-Institut, entwickelt eine Polnische Bibliothek,
sorgt für Präsenz polnischen Gedankenguts im literarischen, aber auch
philosophischen Diskurs Westeuropas.
Und berichtet davon nicht ohne Stolz. Er zitiert Briefwechsel, Dankesreden,
genießt, dass die Heimatstadt Lodz dem ehemaligen Gymnasium seinen Namen gibt.
Scheu zeigt er sich, als es darum geht, beim Klassentreffen dem Verbleib der
jüdischen Schulkameraden nachzuspüren. "Ich schämte mich und ich war
nicht allein ..." Merkwürdig, dass dieser überzeugte Europäer nicht
fragt, warum das als harmonisch empfundene Miteinander in Lodz so geräuschlos
zerbersten konnte. Es gibt keine Verabredungen der jungen Leute, die auf etwas
anderes hinausliefen, als an den Katastrophen des Jahrhunderts mittun zu
müssen. Der Punkt, von dem aus die ehemaligen Schüler des polnischen
Gymnasiums am Ende des Jahrhunderts wieder zueinander finden, ist humanistische
Bildung, literarische Verwandtschaft. Sprache. Exzellent gehandhabt wie selten
in einer Biografie, geschult an den besten Köpfen dreier Nationen.
Für Dedecius ist Literaturvermittlung Arbeit an der Verständigung zwischen
Völkern und ständige Erinnerung an ein europäisches Selbstverständnis, wie
es schon im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts gerade bei Künstlern
und Intellektuellen ausgeprägt war. Dass humanistische Bildung, Kenntnis der
besten Zeugnisse von Kunst und Kultur der verschiedenen Länder noch lange keine
Garantie für Katastrophenverhinderung ist, wurde für ihn und für viele seiner
Altersgefährten zur tödlichen Gewissheit. Was also muss unverzichtbar
hinzukommen? Genau das schreibt er nicht. Gerade die jüngste Zeit aber lehrt,
Misstrauen ist nicht nur eine Frucht der Unwissenheit, es lässt sich säen.
Gedüngt mit Vorurteilen, zu anderen Zeiten gemachten Erfahrungen entwickelt
sich jene Schwüle, die Blüten der Vernichtung treibt. Auch in Europa. Immer
noch.
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