Eine Übertragung von Wolfgang Hilbig, 2011, S. FischerEine Übertragung.
Roman von Wolfgang Hilbig (
2011, S. Fischer, Nachwort Jan Faktor).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 6.8.2011:

Mit der Prosa durch die Wand
Mit der Neuherausgabe des Romans "Eine Übertragung" von Wolfgang Hilbig wird einer der wichtigsten Beiträge zur Mentalitätsgeschichte der DDR sichtbar

Ein Meisterwerk über die Mauer im Kopf.

Mit dem Bau der Berliner Mauer in den Augusttagen 1961 wurde die Flucht hunderttausender DDR-Bürger gewaltsam beendet. Zurück blieben häufig genug Verzweifelte: In die Isolation der Provinz Gesperrte, über Gebühr Empfindsame, die wie der Autor Wolfgang Hilbig (1941-2007) in den Brachen der zerfallenden Industriezonen ausharrten.

Hilbig, davon erzählt sein nicht zu überschätzender Romanerstling Eine Übertragung, arbeitete als Heizer in Meuselwitz, einem Provinzkaff nahe Leipzig: Dort unterfachte er die Heizungskessel. Zwischen zwei Schichten, wenn die Schlote Pause machten, erschuf er sich jenes Alter Ego, das ihm die einzige Ausflucht aus dem DDR-Alltag ermöglichte. Hilbig schrieb, wobei er seine "Existenz" als Autor vor den argwöhnischen Augen der Machthaber zu verbergen trachtete, unversöhnt mit den Geboten des ihm verhassten "Marxismus-Leninismus".

Eine Übertragung (1989), als nunmehr vierter Band einer famosen Hilbig-Werkreihe bei S. Fischer erschienen, ist als Roman der schiere Wahnwitz. Erzählt wird die Geschichte des Heizers C., und es fällt nicht schwer, in der Figur des Ich-Erzählers eine Spiegelerscheinung des Autors zu erkennen.

Als "Musterproletarier" muss man C., der an der Verheimlichung seiner Schreibexistenz wie ein listiger Fallensteller arbeitet, durchaus verloren geben. Er landet, angeblicher Sabotageakte wegen, in Untersuchungshaft. Dort überantwortet ihm ein Zellengenosse ein bekritzeltes Zettelchen, aus dessen hastiger Lektüre der Held zu entnehmen glaubt, dass ein Mord an einer Frau geschehen sei. Er selbst meint zu erfahren, er dürfe in die Berliner Wohnung seines Knastkollegen übersiedeln. Gesagt, getan: C. reist von M. (Meuselwitz) nach B. (Berlin), an "Provinznamen" vorüber, die ihn merkwürdig vertraut dünken, als hätte er die Reise vor Ewigkeiten schon einmal angetreten.

Verhedderte Stränge

Ab nun verheddern sich dem Erzähler alle Stränge: Die Planskizze zu seinem Buch hat Wolfgang Hilbig, der vierschrötige Autor mit der feinen Feder, bestimmt nicht sauber geführt.

C.s Gedächtnis, das doch die einzige Instanz wäre, um gegen die von oben verfügten Wirklichkeitsbegriffe wirksam zu opponieren, kündigt ihm aufgrund seines exzessiven Alkoholkonsums den Dienst auf. Er stolpert durch Berlin wie durch eine Schattenkulisse: Die vorherrschende Farbe ist ein durchdringendes Grau, geschwängert mit den unheilverkündenden Gerüchen industriellen Ruins. Zellengenossen von einst suchen ihn heim, lächerliche Figuren wie die täppischen Gehilfen aus Kafkas Das Schloss.

Der Erzähler könnte in ein Mordgeschehen verwickelt sein. Viel wahrscheinlicher erscheint es jedoch, dass die Frauenfigur in den Westen geflüchtet ist - dorthin, wo Hilbig 1985 strandete, mit sich und den beiden Hemisphären West und Ost weiterhin im Unreinen. Hilbigs nervös bohrende Suada eines Vereinsamten aber gehört zu den aufwühlenden Zeugnissen poetischer Widerstandsleistung.

Der Proletarier in ihm liegt mit dem Dichter im Clinch: Wie Ringer halten sich die Hälften seines Selbst umfasst und pressen einander wechselseitig das Geständnis des Scheiterns ab. Angewidert vom "Klassenstandpunkt" einer von den Machthabern veruntreuten Arbeiterherrschaft, suchten die vaterlosen Söhne der "Generation Mauerbau" ihr Heil in der Übertreibung: Die Väter waren im Krieg geblieben oder in den Lagern verschwunden, die Mütter waren zäh, lieblos und schweigsam. Hilbig, der nachmalige Büchner-Preisträger, wurde seines Lebens nicht froh. Einar Schleef flutete die westdeutschen Theaterräume mit Chorlärm. Und Autoren wie Peter Wawerzinek suchen noch heute nach ihren Eltern.

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