Eines Tages,vielleicht auch nachts von Arnold Stadler, 2003, ung und Jung

Eines Tages, vielleicht auch nachts.
Roman von Arnold Stadler (2003, Jung und Jung).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 5.11.2003:

Böhmen will ans Meer
Arnold Stadlers neue Prosa glänzt am kubanischen Abgrund

Wenn ein Mann schön ist, dann ist er schön. Aber das physische Faktum ist auch so ziemlich das einzig Sichere in einer von katholischer Bigotterie, pekuniärem Kalkül, seelischer Grausamkeit und allgemeiner Verblödung vermüllten Welt. Schön ist der Held, besser Antiheld, in dem neuen Werklein des Büchner-Preisträgers von 1999, schön und dennoch nicht eitel. Schön und dennoch unglücklich. Schön und am Ende tot, aufgefunden am Patrice-Lumumba-Strand von Havanna. Tot und unbekannt, ganz wie sein berühmter Vater tot und unbekannt gewesen war, als man ihn in der Videokabine eines "Ehehygienegeschäfts" in St. Pölten fand.

Vieles hat den Herrn Geheimrat Universitätsprofessor Dr. Franz Joseph Marinelli und seinen Sohn Franz im Leben weiß Gott nicht verbunden, nur im Tod weisen ihre Schicksale eine kalte Parallele auf: als nicht identifizierte Leichen in den anatomischen Instituten von St. Pölten und Havanna. Dazwischen das weite, weite Meer. Als Leiche am Strand ist Franz immer noch schön, nur "etwas blaß und grün". "So endet diese Geschichte mit der Farbe Grün." Den poetischen Schwung lässt sich ein Arnold Stadler durch den Tod keineswegs nehmen.

Eines Tages, vielleicht auch nachts heißt sein Anti-Wien- ebenso wie Anti-Kuba-Buch. Genau das ist es: Ein Gegenbuch, mit einem zärtlichen Kern, einer achtlos zertretenen Sehnsuchtskapsel. Eines Tages, vielleicht auch nachts - die Formulierung kommt Stadler-Lesern bekannt vor. Eines Tages, vielleicht auch nachts stößt den Stadlerschen Helden etwas zu, das ihr Leben als eines zwischen Wachheit und Traum entlarvt. Hier, zum Beispiel, die sogenannte Entwöhnung von der Mutterbrust: "Franz hat es niemals verwinden können, daß er eines Tages, vielleicht auch nachts, zum letzten Mal diese Milch bekommen hat."

Wien, wo Franz Marinelli als Sohn unglücklicher Eltern geboren wurde, ist die Stadt Freuds und der Psychoanalyse. Seine Mutter Claire, anhand deren Chanelknöpfchen der kleine Franz zu zählen lernte, erfährt prompt von ihrem Analytiker, dass die Hölle nicht außerhalb ihrer selbst zu suchen sei, sondern in ihr drin. Ja, Hölle. Nichts anderes war ihr Leben mit dem hochangesehenen Anatomieprofessor und Ehrenritter einer päpstlichen Akademie (weshalb Scheidung undenkbar). Doch war, wie das Leben so spielt, natürlich diese Ehehölle auch eine Kinderhölle. "Du Lügner!" schrie jede Nacht Claire; und Franz hörte es und seine Schwester, die später zu Otto Mühl flüchtete und sich noch später umbrachte, wohl auch. Soviel zur "Urszene". Wien eben.

Vom Triumph der Witwe, die sich in der Traueranzeige austobt, hat niemand etwas, nicht einmal sie selbst. Im übrigen bietet diese schöne Frau, Franz' reiche Mama, den trefflichen Beweis dafür, dass ein Mensch nicht wegen seiner Schönheit geliebt wird. Er wird vielmehr überhaupt nicht geliebt. Und wen das an Elfriede Jelinek erinnert, die neben Thomas Bernhard als Patin im Hintergrund dieser rasanten Wiensatire steht, der täuscht sich nicht. Das Wohnmobil beispielsweise, in dem der Herr Professor Marinelli seine unglückliche Frau stets und ständig betrügt, dieses miese kleinbürgerliche Plastikhaus auf Rädern, diese Kollision von Ehre und Pornographie - das klingt exakt wie aus Jelineks ätzender Feder. Was aber tut der Sproß einer derart kaputten Verbindung, die sich zudem die bessere Gesellschaft schimpft? Er flüchtet in den Schlaf und sehnt sich ans Meer - welches bekanntlich, trotz Ingeborg Bachmanns gereimtem Versprechen, Böhmen liege am Meer, nur von trockenem Land umgeben ist. Es ist wie immer bei Stadler: Manchmal wäre sein Held lieber ein Mädchen gewesen. Auch dass er homosexuelle Erfahrungen gemacht hat (rührend geschildert: mit einem Jungen, der später Priester wird), gehört zum Passions-Besteck des gewesenen Priesterseminaristen Arnold Stadler. Es ist typisch für seinen Stil, dass er die alles andere wegwischenden Durchstiche ins Unbewusste mit der erbarmungswürdigen Verführbarkeit durch die manipuliertesten Schlüsselreize kombiniert.

Ein Leichtes ist es daher für die kubanische Beauty Ramona, Franz Marinelli am Strand von Havanna zu angeln, fürs Leben - zum Sterben. Ein Satz genügt, "How are you?", und er verfällt ihr ebenso, wie er auf sie hineinfällt: Der schwule Freund, angeblich bloß ihr Begleitschutz, wird sich entpuppen als ihr eigentlicher Bräutigam. Hochzeit feiern Renie und Ramona freilich mit Franz Marinellis Geld... Eine grauenvoll vorhersehbare Leidenschaft.

Zu Alfred Hitchcocks Markenzeichen gehört, in jedem seiner Filme kurz in Erscheinung zu treten. Stadler beerbt dieses Spiel. Franz Marinelli fotografiert einmal einen Autor, der einen Roman namens Sehnsucht geschrieben hat; das ist Stadler himself. Nur handelt sein letzter Roman mitnichten von den "hundert schönsten Stränden der Welt", sondern von jener Substanz, die einen Loser der höheren Gesellschaft den Losern des karibischen Sozialismus in die verzweifelten Arme getrieben hat. In dieser postkolonialen Tragikomödie geht alles auf: abgründig, glänzend.

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