Eines Nachts von Peer Hultberg, 2007, Jung und Jung1.) - 2.)

Eines Nachts.
Roman von Peer Hultberg (2007, Jung und Jung - Übertragung Angelika Gundlach)
Besprechung von Brigitte Schwens-Harrant in die Presse, 1.12.2007:

Eine ganz normale Familie
Klassisches Drama, mythische und biblische Bilder: Peer Hultberg hat seinen Roman „Eines Nachts“ nicht psychoanalytisch ausgedeutelt, sondern im wahrsten Sinn des Wortes komponiert.

Er würde sie anrufen, alle drei; und sie tauchten fein säuberlich in seinen Gedanken auf, untergebracht in drei hübschen Kämmerchen ohne Verbindung miteinander. Die fehlende Verbindung fiel ihm auf, und er hatte das Gefühl, dass wohl er es war, der sie hätte herstellen sollen; aber das war nun einmal nicht geschehen, sie existierten jeder für sich, er konnte ihnen die Tür öffnen und sie beinah genüsslich als Einzelexemplare betrachten – Kit, die er gern hatte, deren Mann er nicht leiden konnte, sie, von der er am meisten enttäuscht war, weil sie sich nicht entwickelt hatte; Rudolf – und er machte die Tür gleich wieder zu; Brigit, die ihn irritierte, die ihn immer irritiert hatte, schon von klein auf, die ihn umso mehr irritierte, wie er versuchte, seine Irritation zu bekämpfen, der er deshalb besondere Freundlichkeit erwies, bis er weder sie noch seine Freundlichkeit noch seine Irritation länger aushalten konnte.“

Ein Vater denkt an die drei erwachsenen Kinder, während seine kranke Frau im Sterben liegt, nein: sich das Leben nimmt. Peer Hultberg erzählt im Roman „Eines Nachts“ von einer ganz normalen Familie mit ganz normalen Abgründen, die da sind: Missverständnis und Missgunst, Schuld und Scheitern, Fremdheit, Hass und sehr viel Einsamkeit. Die Liste ließe sich fortsetzen – wer nun denkt, Hultberg hätte allzu viel Elend in einer Familie angehäuft, sieht wohl auch der Realität ungern ins Auge. So manches Familienband ist ein dünner Faden, so manche Geschwisterliebe ihr Gegenteil, so mancher Rosengarten ein Grab.

Großartig schon der Beginn: Rudolf, der Trinker, traut sich kaum mehr aus dem Haus, muss es aber, um zu seinen Flaschen zu kommen. Der Gang in die Welt wird zu einem Spießrutenlauf durch die eigenen Zwangsvorstellungen. Jedes Gespräch, jedes Polizeiauto, jede unvorhergesehene Begebenheit wird ihm Gefahr. Dann im Blick: Schwester Brigit, die ledige Musiklehrerin, seit einem halben Jahr von ihrem Partner Curt getrennt, der sie am Abend mit seiner neuen Flamme besuchen wird. Grund genug, sich in Schale zu werfen und allerlei Ränke zu schmieden – er soll sehen, was er verpasst, er soll bereuen.

Dann der Vater: Er verabschiedet sich von seiner Frau. Sie ist Ärztin und hat beschlossen, ihrem Leiden noch in dieser Nacht selbst ein Ende zu setzen. Einsame Stunden beginnen: Hat ihn seine Frau mit ihrer Entscheidung mit ins Totenreich gezogen oder im Gegenteil zum Leben befreit? Beeindruckend, wie Hultberg das Hin und Her der nächtlichen Gedanken des Ehemanns beschreibt, der das Zimmer seiner Frau nicht mehr betritt und am Morgen nicht einmal mehr die Fragen weiß – und „beinah mit Frieden“ beim Gebet landet: „De profundis clamavi ad te.“ Dann ist da noch Kit, die trotz Eigenheim, Gatten, Kindern und Rosengarten aus inneren Zwängen, die sie sich selbst nicht erklären kann, in dieser Nacht eigenes Geld verdienen geht: als Prostituierte.

Wie in einem klassischen Drama braucht der Däne Peer Hultberg für seinen Roman nicht den Gang durch ein ganzes Jahrhundert oder die Anhäufung von Geschichtsdaten, um das Psychodrama einer Familie auf die Bühne zu bringen. Er richtet seinen Blick auf das Heute, jene „kleine, zitternde Metallsaite“, die zwischen Vergangenheit und Zukunft, den gleichgewichtigen Waagschalen des Lebens, „um einen Nullpunkt vibriert“. Es ist bloß ein Tag und vor allem eine Nacht, in der viel Leid geschieht, aber auch einiges an Erkenntnis gewonnen wird, bis am Morgen die Mutter (vermutlich) gestorben ist, die Vögel zwitschern und zwei Geschwister einander fest umarmen.

Der Autor und Psychoanalytiker Hultberg ist, wie er hier beweist, ein Meister der literarischen Psychologie. Klar wird das vor allem in der Abendszene, in der Brigit sich mit psychologischer Raffinesse an Curt zu rächen sucht, aber am Ende nicht mehr weiß, ob es ihr gelungen ist oder sie sich nicht vielmehr selbst in ihrem Netz gefangen hat. Als die Gäste gegangen sind, sitzt sie in ihrer eigenen Eiseskälte und kann nicht einmal mehr weinen. Besonders gelungen ist Hultberg jene von Mythen und Bibel gespeiste Szene, in der Rudolf aus Ton den Palast des Königs baut und das Grab des alten Königs zu zerstören sucht, sich dabei aber selbst verletzt, weil er volltrunken mit bloßer Hand den Ton aus dem Ofen holt.

In dieser Familiengeschichte, die in ihrer Unerlöstheit so alltäglich wie grauenhaft ist, wechselt mit den Personen und ihren psychischen Zuständen auch der Ton. Manchmal ist die Sprache geradezu verstörend banal, man meint stilistische Schwächen auszumachen, dann wieder sehr musikalisch; manchmal tönen die Sätze wie knappe Stakkati, dann folgt wie ein Crescendo ein langer anschwellender Satz. Der Aufbau ist stringent und erzählt für sich schon viel: Zu Beginn wechselt die Perspektive zwischen Bruder Rudolf und Schwester Brigit, ein Wechsel, der mit einer unfreundlichen Begegnung und dem Zerbrechen einer Flasche endet: „Zur Versöhnung an Mutters Grab!“, heißt es hier schon anspielungsträchtig. Und am Ende kommt es zur Begegnung von Schwester Kit und Bruder Rudolf, die einander wie Elektra und Orest am Grab des Vaters in Aischylos' „Choephoren“ erkennen.

Warum Aischylos? Weil es um Schuld, Unrecht, Verbrechen und Rache im eigenen Haus geht, um Leid und Verstrickung. Dazu passt auch Schuberts beziehungsweise Goethes Lied des Harfenspielers, dessen Worte Brigit völlig unverständlich bleiben: „Ihr führt ins Leben uns hinein, / Ihr lasst den Armen schuldig werden, / Dann überlasst ihr ihn der Pein; / Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“ Mit der Morgensonne endet der Roman, blutunterlaufene Augen treffen auf geschwollene Lider, das „schöne Bild der ganzen Welt“, wie es bei Goethe heißt, bricht zusammen: aber vielleicht sogar zum Wohl der beiden Geschwister, die einander gerade in ihrem Elend wieder erkennen – und verstehen. Geht es nicht genau darum?

Bachs Musik wird als Beispiel dafür vorgeführt, dass es in einem Kunstwerk eine innere Struktur gibt, von der man ahnt, dass es sie gibt, die sich aber der genauen Analyse entzieht. Dieser Roman erklärt nicht, er beantwortet die Fragen nicht, die er aufwirft – auch das trägt zu seinem Gelingen bei. Statt dessen greift der Autor auf mythische und biblische Bilder zurück: die Opfergabe, das Schaffen aus Ton, der Wunsch, den Vater zu töten, die Tötung des eingeborenen Sohns. Hultberg hat „Eines Nachts“ nicht psychoanalytisch ausgedeutelt, sondern im wahrsten Sinn des Wortes komponiert.

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Eines Nachts von Peer Hultberg, 2007, Jung und Jung2.)

Eines Nachts.
Roman von Peer Hultberg (2007, Jung und Jung - Übertragung Angelika Gundlach)
Besprechung von
Ulrich Greiner  in Die Zeit, 13.12.2007:

Lichter in der Nacht  
Peer Hultberg hat einen erstaunlichen, bewegenden Roman geschrieben

Seltsam, der Sog dieses Romans, er zieht den Leser hinein in eine Geschichte, von der er vielleicht gar nichts wissen will, zumal sie am Anfang unerfreulich trübe wirkt, nach und nach dann ihre ganze Traurigkeit (was nicht dasselbe ist wie trübe) entfaltet und erst am Ende Hoffnungslichter der Liebe und Zuwendung entzündet, aber davon kann man nichts wissen, wenn man zu lesen beginnt und in diesen Sog gerät, der einen nicht loslässt und damit zu tun hat, dass es kein Außerhalb gibt, nur den Innenraum vier verschiedener Personen, eines Vaters und seiner drei erwachsenen Kinder, die man Familie kaum nennen kann, denn sie haben wenig mehr miteinander zu tun, haben ihr eigenes äußerlich gut situiertes, in Wahrheit sorgenvolles oder zerrissenes oder kaputtes Leben, gehen einander aus dem Weg, und erst auf der letzten Seite, nach dieser langen Sommernacht, in der das alles passiert, begegnen sich zufällig Bruder und Schwester, beide an einem Tiefpunkt angekommen: »Und Kit ergreift seine Hände, sie nimmt sie in ihre, und er zieht sie an sich, und sie stehen lange fest umarmt.«

Der Vater versucht zu begreifen, was das heißt: »Tot, tot, tot«

Mit dem Bruder beginnt es. Er verlässt an die- sem frühen Sommerabend seine Wohnung und schleicht wie ein Dieb durch die Straßen. Was hat er zu verbergen? Da wir nur das sehen, was er selber sieht, nur empfinden, was er selber empfindet, glauben wir einen alten, verwirrten Mann vor uns und begreifen erst nach ein paar Seiten, dass er ein Trinker ist, der dringend Nachschub braucht. Als er ihn endlich hat, setzt er sich auf eine Parkbank, öffnet die Flasche, »riecht den Duft, so antiseptisch diskret, empfindet das herrliche Kribbeln, als ein großer Schluck hinuntergleitet und direkt den Freudenpunkt im leeren Magensack trifft«.
Und mittendrin spricht jemand anderer, die jüngste Schwester, sie ist Klavierlehrerin, die ihren Schüler erwartet, eigentlich aber nervös dem Besuch entgegenlauert, den sie von ihrem Verflossenen und seiner neuen Freundin am Abend erhalten wird, und sie findet, dass sie einen neuen Rock braucht, um vor den Gästen zu bestehen, weshalb sie die Bemühungen des Schülers um Opus 111 besonders unerträglich findet und ihn anschreit: »Ihr Talent ist mittelmäßig, und das ist dasselbe wie kein Talent«, und sie weiß, dass das ihr eigenes Problem ist, wofür sie dann Rache an allen nehmen wird, die ihr nahekommen.
Und plötzlich wieder eine andere Stimme, die des Vaters, der seine todkranke Frau versorgt und sie zu Bett bringen will wie immer, aber etwas ist anders, denn sie sagt zu ihm: »Paul, heute Abend sollst du nicht reinkommen und mir Gute Nacht sagen.« Und dann heißt es: »Er nickte nur ein paarmal mechanisch; starrte leer vor sich hin. Auf den toten Fernsehapparat. Dann legte er sich neben sie, mit dem Mund an ihren Hals, er streckte sich, so lang er war, im Bett aus; und er konnte nichts dagegen tun, dass er schluchzte.« Denn er weiß, was wir noch nicht wissen: Sie wird sich in dieser Nacht die Spritze geben, sie versteht was davon, sie ist Ärztin. Und es ist eine unausgesprochene Verabredung, dass er sie nicht daran hindern wird. Also geht er in den Garten seiner schönen Villa, während die Dämmerung herabsinkt, und blickt auf das Haus, blickt auf sein Leben, versucht zu verstehen, was das heißt »tot, tot, tot«, und als er spät doch noch hinaufgeht, findet er die Tür verschlossen.
Und dann die ältere Schwester Kit, die von allen das glücklichste Leben zu führen scheint, verheiratet mit einem netten Mann, Mutter zweier Kinder, hingebungsvolle Gärtnerin, die sich aber etwas vorgenommen hat, was man nicht erklären kann, ein Projekt der Selbsterniedrigung, der Grenzüberschreitung. »Warum musste sie es tun? Was drängte sie dazu? Sie hatte keine Ahnung, wo es herkam. Es hatte auf einmal existiert, wie jahrelang von innen vorbereitet und ihr zugleich wie ein hypnotischer Befehl von außen aufgezwungen – etwas, das sich ihrer bemächtigt hatte und das trotzdem zu ihr gehörte.« Sie verkleidet sich als Nutte und geht auf den Strich. Das Abenteuer endet mit einem Exzess des Ekels und der rohesten Gier, es bleibt auf unheimliche Weise ebenso selbstevident wie unbegreiflich.

Ein Choral über das beklagenswerte Schicksal der Menschen

Peer Hultberg, Jahrgang 1935, ist Däne und schreibt auf Dänisch, aber die meiste Zeit seines Lebens hat er im Ausland verbracht, in Warschau, in Skopje, in London. Er lebt seit 1984 in Hamburg und ist Psychoanalytiker. Obwohl also ein Kenner der Seele, ist er alles andere als ein Bescheidwisser. Der Erzähler dieser Geschichte scheint von einem stillen Entsetzen erfüllt. Er verschwindet in seinen Figuren, aber zugleich macht sich in diesem vielstimmigen Gesang der Selbstgespräche, Aggressionen, Zerknirschungen immer stärker ein Ton des Mitgefühls vernehmbar, es ist, als hörten wir einen großen Choral über das beklagenswerte Schicksal von Menschen, die ihr Leben nicht so leben können, wie es gut wäre oder wie sie es gerne hätten. Der Choral ist kontrapunktisch komponiert, sodass der infantile Zerstörungsrausch des Sohnes, der seine Wohnung zu einem Schlachtfeld imaginärer Kriege macht, unmittelbar neben dem anrührenden Klagelied des Vaters um seine sterbende Frau steht und neben der verzweifelten Bosheit, mit der die gescheiterte Pianistin an jenem Abend ihre siegreiche Nebenbuhlerin, die junge Sängerin mit der schönen Stimme, zu demütigen versucht.
Als die Gäste endlich gegangen sind, setzt sie sich an den Flügel. »Sie greift nach dem ersten Band des Wohltemperierten, schlägt die erste Seite auf, und sie konzentriert sich, nun wird es sich entscheiden, jetzt und für immer, jetzt, jetzt ist die Stunde gekommen, kann sie es, oder kann sie es nicht, wird sie es oder wird sie es nie können.« Und sie spielt sich in eine schnelle Begeisterung hinein, ja es geht, sie kann es, aber dann fehlt doch etwas zum letzten Gelingen, sie spielt es noch einmal und noch einmal, es wird immer kälter und leerer in ihr, und sie will nur noch weinen, aber sie kann nicht.
Der Leser versinkt in diesen langen, oft über Seiten sich ergießenden Satzkaskaden wie in einem Strom, von dem er sich willenlos tragen lässt, immer mehr berührt vom Elend dieser Menschen, das er tragisch nicht nennen will, eher erbärmlich und banal, also dem eigenen Elend, das ihn ab und zu überkommt, recht ähnlich, und deshalb ist er froh, dass am Ende ein immer helleres Dur hörbar wird, denn der Sohn, offenbar Schriftsteller, der sich im Suff die Hand schwer verbrannt hat, verliebt sich in die Ärztin der Ambulanz, die ihn versorgt, er ist getroffen wie von einer Offenbarung, er wird ihr Blumen schicken, er wird ein Gedicht auf sie schreiben, er hat es schon im Kopf, und der Vater, befreit von der Qual, das Sterben seiner Gefährtin ertragen zu müssen, kann nun ein neues Leben beginnen, und die Tochter wird nach dieser beschämenden, befreienden Nacht zurückkehren zu ihren Rosen und ihren Kindern.
So verbindet sich das Gespenstische mit dem Hellen, das völlig Rätselhafte mit dem völlig Verständlichen. Peer Hultberg ist ein Sprachvirtuose und ein Menschenkenner. Er hat das in seinem Roman Requiem (1991) gezeigt, wo er in 537 Szenen ein Blatt im Leben ebenso vieler Menschen aufschlägt, ein blitzartiges Licht auf sie wirft, aber vielleicht ist es nur ein einziges Leben, das von uns allen. Der Roman Eines Nachts wurde früher geschrieben, er spielt, man merkt es an manchen Stellen, in den siebziger Jahren und ist im Anspruch weniger gewaltig als das Requiem, dafür weit zugänglicher, ein erstaunliches, großes, bewegendes Buch, glänzend übersetzt von Angelika Gundlach.   

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