Eine sehr kleine Frau von Peter Henisch, 2007, Deuticke1.) - 2.)

Eine sehr kleine Frau.
Roman von Peter Henisch (2007, Deuticke
).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 15.10.2007:

Fortschreibung der Kindheit

Und immer wieder die Frauen: 2005 war es "Die schwangere Madonna", die ihm einen Platz auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis sicherte, was nun noch einmal mit "Einer sehr kleinen Frau" gelang. Peter Henisch erzählt in diesem neuen Roman von dem Literaturwissenschaftler Paul Spielmann, der nach 20-jähriger Abwesenheit in seine Wiener Heimat zurückkehrt. Während eines Streifzuges durch die ihm teils noch vertraute, teils fremd gewordene Stadt, sichtet er in einem Antiquariat einen Flügel, der in ihm Erinnerungen an seine Großmutter weckt; eine Frau, die nur schwerlich die Pedale ihres Klaviers erreichte und die im Kino stets auf dicken Telefonbüchern saß.

Es ist eine dreifache Rückkehr, die Henisch schildert. Spielmann kommt heim in seine Geburtsstadt, heim zu den familiären Wurzeln und letztlich heim zur hassgeliebten Schriftstellerei. Er besucht Orte, zu denen er einst mit der Oma spazierte; Plätze, an denen sie Geschichte und Geschichtchen vortrug, wo Dichtung und Wahrheit vor seinen Nachkriegskinderaugen ineinander flossen.

Die Sprache wurde zum Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz - eine Saat, die die Großmutter auf ihren Literatouren verstreute, und die Paul nicht selten als Bürde empfand: Seine frühe Bekanntschaft mit Goethe und Schiller machte ihn zu einem Außenseiter unter Mickey Mouse lesenden Gleichaltrigen. Ein erfolgloser Roman veranlasste seinen Aufbruch in die USA, die Unfähigkeit seinen amerikanischen Studenten die Werke des Wiener Schriftstellers Doderer nahe zu bringen, besiegelte seinen Rückzug in die alte Welt.

Während die ersten Nachrichten an den in Maine gebliebenen Freund Harry auf englisch abgefasst sind, gleitet der tiefer und tiefer in die Gefilde seiner Kindheit versinkende und sich von den USA in gleichem Maße distanzierende Paul immer häufiger in die deutsche Sprache ab. Auch wenn er mit der Schriftstellerei und dem Literaturbetrieb hadert, drängt es ihn, diese Frau, die ihm in frühester Kindheit die Fenster zu Musik und Dichtkunst öffnete, schwarz auf weiß zu verewigen.

Einfach war es nicht, ihr Leben - das zeigen ihm sein gereifter Blick und die Distanz eines halben Jahrhunderts. Durch zwei große Kriege und zwei glücklose Ehen manövrierte sich die Oma, ihre jüdischen Wurzeln verbarg sie gezwungenermaßen - verloren hat sie sie nie. Auch Paul trägt dieses Erbe; zuckt innerlich zusammen, wenn er aktuelle Schlagzeilen über Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen liest.

"Und plötzlich bricht wieder aus, was überwunden schien."

Von Überwindung kann auch bei Henisch keine Rede sein: 30 Jahre nach Veröffentlichung von "Die kleine Figur meines Vaters" blättert er erneut in der eigenen Familiengeschichte und entwickelt eine faszinierende Reise zwischen gestern und heute. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1207 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Eine sehr kleine Frau von Peter Henisch, 2007, Deuticke2.)

Eine sehr kleine Frau.
Roman von Peter Henisch (2007, Deuticke).
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 21.02.2008:

Auf der Suche nach dem Glück
Das Genre »Familiengeschichte« ist in der Krise: Peter Henisch erzählt von seligen Kindertagen und scheitert auf hohem Niveau

Ein Roman, der auf der ersten Seite seinen Icherzähler um Mitternacht durch Wien spazieren, bei einem Antiquitätenhändler vorbeikommen und durch das Schaufenster einen Stutzflügel entdecken lässt, der ihn augenblicklich an das identische Instrument seiner Großmutter erinnert  ein solcher Roman legt unmissverständlich die Richtung fest, in die die Reise geht: in die Vergangenheit. Wien/Antiquitätengeschäft/ Klavier/freudianisches Aha−Erlebnis/Großmutter; mit diesem Signalbündel hat der Romaneinstieg von Peter Henischs Buch Eine sehr kleine Frau sogar gute Chancen, den Jackpot literarischer Vergangenheits− und Nostalgiesymbolik zu knacken. Allerdings hat er auch Chancen, ins Sentimentale, ja schlimmstenfalls ins Triviale zu kippen.

Für beides indes ist der 64−jährige österreichische Dichter, Romancier, Zeitschriftenherausgeber und Bluessänger Peter Henisch nicht bekannt. Die Merkmale seines in dreieinhalb Jahrzehnten entstandenen Werkes sind vielmehr skurriler Witz, einfallsstarke Fabulierlust und Gegenwartsinteresse. Henisch ist der Glücksfall eines Autors, in dessen literarischen Gebäuden die Türen zwischen Politik und Fantasie, zwischen Ernst und Schrägheit offen stehen. In einem seiner schönsten Romane, Vom Wunsch, Indianer zu werden aus dem Jahr 1994, treten Franz Kafka und Karl May eine gemeinsame Schiffsreise an. Um eine legendäre Figur, den Sänger der Doors, geht es auch in Henischs schwungvollem Schauerroman Morrisons Versteck, der 1991 erschien. In Steins Paranoia, 1988, befasste sich Henisch mit altem und aktuellem Antisemitismus, in Bali oder Swoboda steigt aus mit den Abenteuern und Merkwürdigkeiten moderner Eskapismuskultur. Ende der Siebziger bilanzierte er die Rebellion von 68 in einem Roman mit dem bündigen Titel Der Mai ist vorbei.

Bekannt wurde Peter Henisch zu Beginn der Siebziger, als sein Prosaband Baronkarl erschien. Dieser Band trug den Untertitel Peripheriegeschichten. Ein Begriff, den man durchaus als poetisches Programm verstehen, ja, auf Henischs ganzes Werk beziehen kann. Denn aus diesem ergibt sich nichts weniger als eine Phänomenologie der Eigenwilligkeit. Sie erweist sich in den Örtlichkeiten, den Charakteren, den Plots und Episoden, die der Österreicher literarisch bevorzugt. In seinen Büchern weht der Wind liebenswerter Verwegenheit und schelmischer Provokation. Der Idealtypus dieser Geisteshaltung ist wohl Pepi Prohaska, ein selbst ernannter Guru und konsequenter Spinner aus der Wiener Vorstadtwelt. Pepi Prohaska Prophet erschien vor 20 Jahren zum ersten Mal und wurde im vergangen Jahr noch einmal veröffentlicht.

Kurzum: Es spricht wenig dafür, dass Peter Henischs neues Buch von jenen Qualitäten im Stich gelassen wird, die vorangegangene Bücher auszeichnen, von Eigensinn und Eigenwilligkeit. Und doch ist es so. Denn in dem Roman über Eine sehr kleine Frau folgt das Erzählen  hart und ungern gesagt  einem konfektionierten Erzählcode. Es ist der Code des derzeit erfolgreichsten und populärsten Literaturmodells: des autobiografischen, retrospektivischen Familienromans, mitsamt seinen tüchtigen und tapferen Müttern und Großmüttern, seinen angeschlagenen Vätern und Großvätern, die ihr Lebensschiffchen durch die Orkane des 20. Jahrhunderts steuern oder in ihnen untergehen. Schaut man sich in Buchhandlungen und Verlagsprospekten um, sieht es tatsächlich so aus, als bestünde die Hälfte der Gegenwartsliteratur aus Familienepen und Familiengeschichten. Als nähmen Erzähler und Helden bevorzugt die Rolle des Nachfahren ein, der Zeugnis ablegt vom Schicksal der Vorfahren.

So auch Paul Spielmann. So heißt der nicht mehr junge Mann, den der Anblick des Klaviers beim Wiener Antiquitätenhändler zurück in die Kindheit schickt. Paul Spielmann kehrt zum Anfang zurück, in zweifacher Hinsicht, das heißt, auf den zwei Zeitebenen, die der Roman verschränkt und verspiegelt. Denn während sich der Wiener Stadtwanderer Kapitel um Kapitel um das Leben seiner Großmutter bewegt, die ihm in der Kindheit näher und lieber war als die eigenen Eltern, entsteht in seinem Kopf und auf dem Bildschirm seines Computers Passage für Passage ein Text jener Sorte, von der er zwei Jahrzehnte lang die Finger ließ: Erzählung.

Vor zwei Jahrzehnten begrub Paul Spielmann die Schriftstellerei, ging nach Amerika und arbeitete an einer Universität als Dozent für literarisches Schreiben. Der Leser des Romans Ein sehr kleine Frau schaut Paul Spielmann buchstäblich bei seinem schriftstellerischen und biografischen Comeback zu. Denn Spielmann hat alles hinter sich gelassen, die Universität, den Job, eine gescheiterte Beziehung, den amerikanischen Kontinent. In seiner alten Heimat, im Herzen des alten Europas, in Wien, steht er am Punkt null. Er lebt fast ohne eigenen Besitz in einer Übergangswohnung, hat nicht die geringsten Zukunftspläne, kennt kaum Menschen, lässt sich durch die Wiener Vorstadt treiben und: schreibt an einem Text, bei dem es sich um den Anfang eines Romans mit dem Titel Eine sehr kleine Frau handeln könnte.

Ein schöner Lebenszustand, offen und versunken zugleich, der nur einen Nachteil besitzt: Er ist aus Dutzenden Schriftstellerromanen der letzten Jahre und Jahrzehnte bestens bekannt. So bekannt wie die sich selbst zum Gegenstand werdende Erzählung, die ihre Produktionsgeschichte und deren Vorgeschichte einführt. Der Eindruck des Originalitätsdefizits aber beschädigt, selbst wenn er nur von Teilelementen des Romans ausgeht, diesen im Ganzen. Auch die Großmutter, diese wundervolle Person, die als junge Frau von einem Hallodri mit einem Kind sitzen gelassen wurde, über Jahrzehnte eine demütigende Ehe mit einem Nazi ertrug  diese kleine, mit großer Liebe porträtierte Frau von stiller Stärke, leisem Stolz und lebenskluger Zähigkeit hat es schwer, sich gegen den Sog von Erzählmotiven und Erzählideen durchzusetzen, die wie aufgegossen wirken.

Sind nicht die Großmütter am großmütterlichsten, wenn sie ihre Enkel an die Hand und auf den Schoß nehmen und ihren unerschöpflichen, Scheherazade−haften Schatz an Geschichten, Märchen, Familienanekdoten, Opern− und Filmszenarien ausbreiten? So ist es, bilderbuchhaft, auch in diesem Roman.

Sitzen Kinder nicht am liebsten unter dem Klavier? In unbewusster Wiederholung uterinen Glücks? Genau so saß auch Paul Spielmann, als er Kind war, unter dem Bösendorfer seiner Großmutter, die sich im Alter einen Traum erfüllte, zum Erstaunen der gesamten Familie ein Klavier zwischen die Wände ihrer engen Wohnung zwängte und drauflosspielte, als habe man ihr nie das Glück verboten und vermiest.

Ist es nicht plausibel, dass eines Nachts ein Mensch an einem Antiquitätengeschäft vorbeikommt, das Klavier seiner Kindheit erkennt, mit einem Rutsch in die Vergangenheit gerät und als erneuerter Schriftsteller wieder aus ihr heraus? Natürlich ist es plausibel. Aber als Erzählmuster eben auch standardisiert, und erst aus der Abweichung vom Muster entstünde Neues und neue literarische Erkenntnis.

Mit dem Roman Eine sehr kleine Frau ist Peter Henisch zu dem 1975 erschienenen autobiografischen Projekt Die kleine Figur meines Vaters zurückgekehrt, einem Roman eben über seinen Vater, den Sohn der Großmutter. Rückkehr trägt das Risiko der Nostalgie. Diese das Risiko, die Fantasie im Vorgefertigten einzurichten. Das ist Peter Henisch wohl geschehen. Eine sehr kleine Frau ist ein Buch, das weitab von üblicher Trivialliteratur, auf dem Niveau anspruchsvoller, reflektierter, historisch intelligenter Literatur ins Trivialisieren gerät.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1108 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März