Eine Schachtel Streichhölzer von Nicholson Baker, 2004, RowohltEine Schachtel Streichhölzer.
Roman von Nicholson Baker (2004, Rowohlt - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:

33 Augenblicke des Behagens
Nicholson Baker, der Mystiker der Dinge, ist endlich wieder da - mit einer flugs verbrauchten "Schachtel Streichhölzer"

Jeden Morgen um fünf ist Paul Valéry aufgestanden, hat sich an den Schreibtisch gesetzt, geraucht und Notizen gemacht, die als das Monument seiner Cahiers in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker stellt jetzt eine in jeder Hinsicht weniger monumentale Variante des Valéryschen Morgendaseins vor, doch eine Variante ist es: Der Ich-Erzähler seines neuen Buchs steht jeden Morgen verdammt früh auf, oft weit vor fünf Uhr, um - ja, um was zu tun? Schreiben? Auch. Zweimal, allerdings wirklich nur zweimal, ist vom Klappergeräusch seiner tippenden Finger die Rede. Wir stellen uns Emmett - so heißt der Mann - also vor, wie er, den Laptop auf dem Schoß, ins gerade entfachte Kaminfeuer blickt und seinen verästelten Gedanken nachhängt. Denn dies Buch ist das Protokoll eines morgendlichen Zustands im Bann virtuoser Müdigkeit.

Assoziations-Wundertüte

"Guten Morgen, es ist 4.19 Uhr, und ich fasse es nicht, wie hell der Mond hier ist", lautet einer der ersten Sätze der insgesamt 33 Kapitel des schmalen Romans namens Eine Schachtel Streichhölzer. Die ersten Kapitelsätze beginnen immer nach diesem Muster: Begrüßung, Uhrzeit, erster Gedankensplitter, und los geht's. Schon in früheren Büchern hat Baker gern die Uhrzeit notiert, die er als Keim einer Assoziations-Wundertüte verwendet. Genauso behandelt er profane Gegenstände (eine löchrige Socke, das stinkende Katzenfutter, die Schramme in einer Aktentasche): Denn alles kann bei Baker zum Ausgangspunkt seiner mäandernden Artistik werden. Vorausgesetzt, den Gegenständen wird die Ehre der Übergenauigkeit zuteil. Doch für diese - gelegentlich ins Surreale oder Komische - umkippende Überaufmerksamkeit ist Nicholson Baker, der großartige Mystiker der Alltagsdinge, ja bekannt.

Während Claire, seine Ehefrau, die Emmett vor über zwanzig Jahren neben einem Geldautomaten zum ersten Mal küsste, seine vierzehnjährige Tochter Phoebe - im Klappentext nicht zu unrecht als "altklug" bezeichnet - und Henry, der Achtjährige, den Papa zum Haareschneiden zu Sheila mitnimmt, weil er die Kunden männlicher Friseure (besonders kahlrasierte Matrosen) nicht mag - während also seine kleine Familie in der oberen Etage des soliden, alten Ostküstenhauses im Bundesstaat Maine noch schläft, schleicht sich Emmett hinunter, um seinen Morgenzustand auszukosten. Er genießt die Stille und Menschenleere, die Tupfer von Licht, die nicht immer vom Mond herrühren müssen, sondern auch mal von der versehentlich angelassenen Innenbeleuchtung des draußen in der Eiseskälte geparkten Vans hereinschimmern können. "Ich bin die Welt", denkt er in einem selten pathetischen Anflug.

Das Ritual sieht vor, dass Emmett Kaffee aufsetzt, wobei sein Ehrgeiz darin besteht, niemals das Licht anzuknipsen - einmal muss er es tun, weil er sich heillos mit der Maschine verheddert hat, und sofort ängstigt er sich, in seinen Zustand nicht wieder zurückzufinden. Das Kaffeepulver zu ertasten und in die Tüte zu füllen, den Keramikbecher aus dem Regal zu angeln, mit der Zunge gegen eine aufgebrochene Stelle zu stoßen - all das füllt bei Baker Seiten. Doch hat er nicht recht? Besteht aus diesen banalen Tätigkeiten und ihren begleitenden Sensationen nicht das ganze Leben? Emmett beißt in einen knackigen Apfel und zündet den Kamin an, mit einem Streichholz natürlich, ein täglich wechselndes Schauspiel.

Wenn das Feuerchen endlich lodert, hat er Zeit, seine Zeit, bis die anderen aufstehen und er Phoebe zur Schule und danach selbst zur Arbeit fährt. A propos Arbeit. Aufgrund einer zufälligen biographischen Disposition (sein verrückter, tyrannischer Großvater schrieb Fachbücher über das Handwerk der Obduktion, die der kleine Emmett Korrektur las) wurde er Lektor für medizinische Lehrbücher und verdient damit 70 000 Dollar. Sorgen muss man sich um diese Familie also keine machen.

Und die sozialen Unterschiede: Rassenkonflikte, postkolonialistischer Karneval, gender trouble, Arbeitslosigkeit, kurzum die ganze Welt da draußen? Pech gehabt, all das interessiert Nicholson Baker nicht, jedenfalls nicht literarisch. Nicht einmal konsumkritisch zeigt sich Mister Baker, der an der "Eastman School of Music" studierte und eine auffallend kammermusikalische Prosa schreibt. Das ist wahrscheinlich sogar das Amerikanischste an diesem, ästhetisch gesehen, ziemlich europäischen Schriftsteller: dass die Philosophie der Entfremdung ihm zutiefst fremd ist.

Dennoch darf man natürlich Bakers Objekt- und Ding-Mystizismus nicht mit Zustimmung zu jedem Mist verwechseln. O nein, sehr engagiert kann er beispielsweise die Veränderung eines Küchenkreppformats beklagen. Baker hat sich lediglich zur Aufgabe gemacht, den uns Europäern so teuren Unterschied zwischen Affirmation und Kritik zu ignorieren, ganz im Sinne Freuds, demzufolge das Objekt der Libido kontingent sei. Ins Literarische übersetzt: Nicht das Objekt ist wichtig, sondern die Zuneigung, und diese mitzuteilen gehört zu den eher schwierigen Aufgaben.

Der 1957 in Rochester geborene Baker ist definitiv ein Schriftsteller der Empathie, egal ob es sich um Sex und Pornographie handelt (Vox, 1992; Die Fermate, 1994), um verwegene Mädchenphantasien (Norys Storys, 1998, dt. 2000), um die Peinlichkeit des eigenen Fantums oder um echte literarische Größe (U & I, 1991, dt. 1998 - U steht für Updike, dem neben Proust und Nabokov von Baker am meisten verehrten Autor). Dass Baker der Topos "unwillkürlicher Erinnerung" (Proust) sympathisch ist, liegt auf der Hand. Doch das Erstaunliche ist, wie systematisch er das Unwillkürliche auszulegen versteht.

Der neue Roman knüpft mit der Fixierung aufs Unspektakuläre an Bakers ersten Roman Rolltreppe an (1988, dt. 1991). Eine echte Passion, ein herausgehobenes Talent oder Interesse oder gar eine perverse Neigung hat der morgendliche Kaminanzünder Emmett nicht. Im Gegenteil: Er ist ein denkbar durchschnittlicher Familienvater, freundlich, zufrieden, gelegentlich überwältigt von der Liebe zu Frau und Kindern. Sein "Stoff" ist das Magma der alltäglichen Sinnenreize. Den warmen Schlafanzughintern von Claire vor dem Einschlafen zugeschoben zu kriegen, wäre schon das anzüglichste Beispiel. Denn um eine falsche Erwartungshaltung gar nicht erst aufkommen zu lassen: Eine Schachtel Streichhölzer ist ein total harmloses Buch - und gerade in seiner Harmlosigkeit ist es sensationell.

Zurück ins Bett

Wer Bakers Romane verfolgt, dem entgeht nicht, dass die männlichen Erzähler parallel zum Autor "mitaltern". Emmett ist so alt wie Baker zum Zeitpunkt der Niederschrift, und ähnlich sieht er ihm auch (Brille, Vollbart, Glatze). Unverkennbar zieht sich, bei wechselnden Namen der Protagonisten, ein autobiographischer Faden durch die Bücher. Man meint, Bakers Familie beim Größer- und Älterwerden förmlich zuzusehen: von Zimmertemperatur (1990, dt. 1993), wo das Ich hingebungsvoll die winzigen Nasenflügel des Babys Floh betrachtet, über Norys Storys, dem genialen Buch über die Tagträume der neunjährigen Tochter, bis zu Eine Schachtel Streichhölzer, wo die jugendliche Phoebe ihrem Vater beibringt, dass man erst frieren müsse, bevor einem warm werden könne.

Denn nicht zu vergessen: Dies ist ein Winterbuch. Es schildert 33 Augenblicke des Behagens im klirrenden Januar, Emmetts Lieblingsmonat. Jeden Morgen treibt ihn die Sorge um die in einer Hundehütte ausharrende Ente Gerda hinaus. Gerda ist eine kleine Heldin des Buchs, und der Übersetzer Eike Schönfeld konnte bei dem Sujet der entenspezifischen Nahrungsaufnahme seinen Vokabel-Einfallsreichtum spielen lassen.

Eines Tages nimmt Emmett das letzte Streichholz aus der Schachtel. "Wissen Sie, was ich, glaube ich, jetzt mache? Ich glaube, ich krieche ins Bett zurück, sehr vorsichtig, damit ich nicht zu sehr wackle, ziehe die Decke über mich, entspanne alle Muskeln und schlafe noch ein Weilchen neben ihr und stehe dann zu einer normalen Zeit auf." Willkommen zurück!

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