Eine Sache
wie die Liebe.
Roman von Hans
Bender (1954, Zsolnay).
Besprechung von Hugo
Ernst Käufer aus Lesezeichen, 2002, Grupello-Verlag:
»Romeo und Julia« 1954
Zu Hans Bender: »Eine Sache wie die Liebe«
(1954)
Die Worte des Novalis:
»Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge«, weisen
treffend auf die innere Problematik des Buches hin. Doch halten wir uns zunächst
an den Inhalt: Robert, der Sohn eines geldraffenden und konservativ denkenden
Gastwirts, lernt in einem süddeutschen Dorf das Flüchtlingsmädchen Margret
kennen. Sie, ihre Mutter und die Schwester hatten nach der Flucht - der Vater,
Arzt, ist 1943 gefallen - Unterkunft in der »Kelter« gefunden, die der Bürgermeister
provisorisch ausbauen ließ, als immer mehr Flüchtlinge ins Dorf kamen. Bei
ihrer ersten Begegnung - Robert hatte Wein zur Hochzeit von Margrets Schwester
Marie mitgebracht - sieht er die Armut der Familie vor sich: ein notdürftig gekälkter
Raum, zwei ärmliche Betten und auf dem Tisch ungleiche Teller und Bestecke. Während
eines späteren Spaziergangs - Robert hatte von der früheren Bedeutung der
Kelter gesprochen - sagt Margret zu ihm: »Nun werden die Menschen darin
gekeltert ... Glauben Sie, es lebt sich leicht in der Kelter? Die vielen
Menschen in den vielen engen Zimmern. Keiner fühlt sich daheim, keiner hat die
Stellung, die er früher hatte.« Mit dieser Formulierung trifft Bender
haarscharf eines der größten Probleme, die wir heute in der Bundesrepublik
kennen: die Heimatlosigkeit der Vertriebenen in der neuen »Heimat«, zehn Jahre
nach dem Krieg. Trotz aller großen Reden und löblichen Bemühungen wird sich
dieser Zustand auch nicht ändern lassen. Dieses »Nicht-daheim-sein« wird sich
auch dadurch nicht aus dem Weg räumen lassen, daß man die Flüchtlinge in
wohlbestellte Wohnungen einweist: Die alte Heimat lebt stärker in den
vielleicht zufällig geretteten Alben fort. Hinzu kommen die Schwierigkeiten,
die sich die Flüchtlinge gegenseitig bereiten. Da sind in Benders Buch
Menschen, die früher Bürgermeister eines Dorfes waren oder hohe Stellungen in
der Industrie bekleideten und nun nachts an den Holzstoß des Nachbarn
schleichen, um einige Scheite hiervon auf ihren eigenen zu legen. In dieser Welt
des Verfalls menschlicher Werte lebt Margret. Robert, der eigentlich ein Träumer
ist, bedeutet Zukunft für sie, gute, anständige Zukunft, nach der auch Robert
verlangt, wenn er sagt: »Es war nicht nötig, daß man viel Geld hatte, nur
sein eigenes Leben mußte man leben können.« Doch hier beginnen die
Schwierigkeiten und hier ist auf das Wort von Novalis
zurückzuverweisen: Robert sucht das Unbedingte in der Liebe, er will körperlich
und seelisch gleich stark lieben. Er will so lieben, wie er es bei Margrets
Schwester Marie und deren Mann Franz feststellt: unkompliziert und mit dem
ganzen stürmischen Drang seiner Jugend. Doch Margret - eine »Gretchenfigur«
-, schüchtern, seelisch zerbrechlich und noch mit jener Naivität ausgestattet,
die in der seelischen Vereinigung das Höchste der Liebe sieht, entzieht sich
ihm: »Sie hatte Angst vor diesen Dingen, von denen man nicht weiß, wie sie
enden.« Das »Problem der Einsamkeit in der Liebe« wird schonungslos
aufgeworfen. Roberts Vater ist durch die Klatschbase des Dorfes, Anton Lauer, in
das Verhältnis zwischen Robert und Margret eingeweiht worden. Er ist gegen die
Flüchtlinge, wenn er während einer Auseinandersetzung zu Robert sagt: »Ich
kenne keine anständigen Leute, die in der Kelter wohnen.« Er drängt Robert
zum Studium, das er vom nächsten Semester an in der Stadt (Heidelberg?) als
Student der Rechtswissenschaft beginnen soll.
Hier, in seiner neuen Umgebung, lernt Robert Bertram,
den Spielleiter der Studentenbühne, kennen. Wichtig sind des weiteren noch
Jessica, Olga und Slick, die ihre Namen aus Sartres Stück »Schmutzige Hände«
beziehen, weil Robert infolge dieser Begegnung seine Zurückhaltung zunehmend
aufgibt. Er wird gewandter, erlernt ihren Jargon, wird schließlich von Bertram
für das Stück »Der Gärtner von Toulouse« gemanagt. Aber er muß bald
erkennen, daß seine neuen Freunde - vielleicht mit Ausnahme von Slick - nicht
seinem Ideal entsprechen. Zwischendurch fährt er in sein Heimatdorf, trifft
Margret, die sich die Bücher amerikanischer Schriftsteller ausleiht, um ihre »Bildungslücken«
aufzufüllen. Eines Tages begegnet er hier Annette, Margrets Schwester,
angehimmelte Studentin und Dame von Welt. Diese Begegnung trägt dazu bei, daß
sich Robert entschließt, nachdem er von Bertram bestohlen worden ist und sein
Debüt als Schauspieler mehr guten Willen als Talent offenbarte, die Universität
zu wechseln und in die Stadt zu gehen, in der Annette wohnt. Er will mit seiner
fragwürdigen Existenz brechen, zumal er das Studium, das er bisher weder als
Notwendigkeit noch als Erfüllung ansah, intensiver betreiben will.
Margret teilt in ihrer rührenden Naivität Annette
Roberts Ankunft mit. Er erfährt bei seinem Wiedersehen mit ihr, daß sie das
Studium längst aufgegeben hat. Sie will ungebunden leben, döst in den Tag
hinein, liest in Magazinen und verziert ihre Wände mit den Bildern
amerikanischer Filmschauspieler. Nachdem Robert sich vergeblich gemüht hat, ein
Zimmer zu bekommen, bietet ihm Annette ihre Wohnung an. Er kommt mit ihren
Freunden zusammen, die sich durch nichts von ihr unterscheiden. Da ist Henry,
der Mixer in einer amerikanischen Bar ist, hin und wieder mit Annette schläft
und seine dunklen Geschäfte treibt. Robert trifft Lilo und Kurt, die Jazz-Fans,
und streift mit ihnen durch das Nachtleben der Stadt, erlebt ihre skurrilen
Schnapsfeste (die Szenen erinnern manchmal an Hemingways »Fiesta«) und trägt
selbst alles dazu bei, daß er »frecher« wird. Das Bild Margrets - »die die
schwierigen Dinge durch ihre Scheu noch schwieriger machte« - verblaßt mehr
und mehr. Robert, der Liebe körperlich und seelisch als Selbstverständlichkeit
erfahren will, findet in diesem Kreis Zuspruch und Aufmunterung, seine letzte
Zurückhaltung aufzugeben, um so weit zu kommen, daß auch er die Liebe wie eine
Sache betrachtet, die getan werden muß, wenn der Körper drängt. So geht auch
er jetzt nachts in das Zimmer der Annette, die sich ihm nicht verwehrt, bei der
er aber wiederum nicht das Unbedingte findet, weil er nur ihren Körper besitzt.
Die Wendung kommt dann, als Annette von ihrer Mutter ein
Telegramm erhält, selbst aber unterwegs ist und Robert den Umschlag öffnet. Er
liest: »Komme sofort. Margret tot. Mutter.« Später erfährt Robert, daß
Margret beim Abbrennen der »Kelter« durch den Versuch der Rettung eines
Kindes, das auch Robert hieß, ums Leben kam, und er erkennt, daß seine
Begegnung mit Margret die wirkliche, wahre und echte Liebe war. Er meldet sich
freiwillig zum Einsatz auf die griechischen Inseln, als diese vom Erdbeben
heimgesucht werden. Annette schreibt: »Ich bleibe noch einige Wochen bei
Mutter. Dann fange ich ganz von vorne an.«
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