Einer winkt von Gernot Burgeleit, 2011, GokiEiner winkt.
Gedichte von Gernot Burgeleit (2011, Goki Verlag, mit Illustrationen von Renate Schmidt-V.).
Besprechung von
Horst Kniese für die LYRIKwelt.de, 02/2012:

Der Poet, der jedes Wort auf die Briefwaage legt
Poet schaut hinter die Dinge

 

Anne Frank in der Paulskirche

Vom Goethehaus, sagten sie,
ein kurzes Stück. Judenzeit
in Paulskirche und Bergen-Belsen.
Sonnenbaden in Hinterhöfen
Amsterdams. Auf Riesenblättern
tausend Jahre Totleben, sagt es
aus mir. Ja, Blätter. sagt der
Mann aus Texas neben mir,
Lindenblätter für Siegfried-
shoelders und bohrt grinsend
den Zeigefinger in meinen Rücken.
Harte Nägel, sage ich, was hätte
ich sonst sagen sollen
Und grinse auch..

Gernot Burgeleit,

Mutig: Der Autor ist selbst in die Offensive gegangen zusammen einer Schriftstellerin, die auch Verlegerin ist. Er sammelte eine Auswahl seiner Gedichte vom 1980 bis 2010. Sie nutzte die besondere medientechnische Begabung des Schriftstellerkollegen Wilfried Diener, namhafter Chronist des Sauerlandes und des Raumes Iserlohn, der die Stoff-Fülle fast in Brieftaschenform brachte. Wahrscheinlich haben Gernot Burgeleit, Annette Gonserowski, die Auch-Verlegerin und Wilfried Diener überörtlichen Erfolg damit. Verbunden sind sie ohnehin. Er als Ehrenvorsitzender, sie als gegenwärtige Vorsitzende des Autorenkreises Ruhr Mark, Wilfried Diener als technischer Koordinator auf vielen Feldern. Die stilgerechte Einbettung kam von "Gefährtinnen" im Autorenkreis aus Gevelsberg: Brigitte Riechelmann und Renate Schmidt V. Seltene Schriftsteller-Solidarität wie aus dem Bilderbuch.

Moderne Lyriker wie Gottfried Benn und Ernst Meister, die auch posthum noch weiter wirken, denen geschmeidige Reime ein Ekel waren, die jedem Wort Bedeutung gaben, geben immer auch Rätsel auf. Manchmal kokettieren sie mit einem Rest von Geheimnis. Gernot Burgeleit, der sich zuchtvoll schreibend vor allem dem verstorbenen Ernst Meister in Respekt näherte und der so ähnlich fühlt, legt seine Rätsel unwahrscheinlich offenherzig an. In dem kleinen Heft mit der geballten Ladung Lyrik und dem lockenden Titel "einer winkt", enthüllt er von sich und seiner "Schreibe" mehr als seine modern angestrengt dichtenden verstorbenen "Zeitgenossen" je preisgaben. Er macht es seinem Publikum leicht, ihn als politischen Menschen und wägenden Zeithistoriker zu orten. Vor allem lässt er Aktualität in seine Kompositionen des Grübelns hineinträufeln. Einen frischen Luftzug der jeweiligen Gegenwart. Das kompakte Heftchen ist fast schon
ausverkauft.

Diesen vorherigen Text, der Anne Frank zugedacht. will man zerlegen, grübelnd analysieren, mal wieder auskosten. Er äußert Ratlosigkeit im Gedenken. Man spürt sie mit.

Annette Gonserowski als Leiterin des Goki-Verlags in Kierspe, und ihre Schriftstellerkollegen machen es dem Leser des schmalen Heftchens, das fast das ganze Lebenswerk Burgeleits zusammenpresst, leicht, immer wieder solche Texte wiederholend zu inhalieren. Sie schufen ein Format der leichten Zugänglichkeit. Handlich und übersichtlich. Gernot Burgeleit widerlegt mit im Inhalt dieser kompakten Sprengladung philosophischer Aussagen, die unbedachte These, seine der Art des Schreibens sei am Wegesrand aufgelesen. Doch gibt es auch den spontanen Einfall, wenn er ihn dem Lokalredakteur eine sprachliche Kostbarkeit anbietet. Er bietet dem Gedanken des Augenblicks der von der Aktualität lebt, den "Denkmalschutz"des Dichters: sprachlich gemeißelt wie vom Bildhauer.

Tschernobyl

Werft nur Zement
aufs Morgenrot!
Auf Wanderschaft
geht unverletzt
der frühe Tod.

Gernot Burgeleit

Der sensible Dichter konnte Tschernobyl nicht beiseite schieben ebenso wie er hartnäckige Traumata, geimpft in den Untergangswirren des letzten Weltkrieges, nicht ausspart. Aus seinen Zeilen sprüht überall ein kämpferischer demokratischer Geist.

Die frühe Episode "Korrektor" in seinem Leben ließ er bei seinen biographischen Bruchstücken unererwähnt. Doch ein Bestandteil dieses anfängliche Bades in einem Teich der Grammatik und sprachlichen Algebra begleitete ihn ein literarisches Leben lang. Die absolute Genauigkeit. Bei jedem Wort spürt man, dass es vorher auf der Briefwaage lag.

Den Pädagogen - auch in der Vielfalt dieses Berufes hatte er bemerkenswerte Erfolge - kann er nicht verleugnen. Er träumt immer von einer besseren Welt. Er will immer noch wirken in dieser Zeit, um ein Wort der Kollwitz zu missbrauchen.

Kein Gleiches

Von Gernot Burgeleit

Zwei Menschen
träumen
vom Essen.
Der eine
kaut Wurzeln,
der andere
Schlankmacher.

Hungern
nach Art
zweier Welten.

*
Burgeleit, der sich auch Jahrzehnte lang als überzeugter Hohenlimburger erwies, fahndet immer nach dem Kernpunkt der Probleme. Wenn er einen Stein aufhebt, schaut er darunter. Wie auch hier. Autor , Verlegerin und schriftstellerische Helfer suchen nach der Überörtlichkeit. Sie haben Chancen Und müssen sich alle sputen. Burgeleit ist Jahrgang 1937. Als Lyriker ist er geistig jung. Und seine Ungeduld ist greifbar,.


Ernst Meister liest

Von Gernot Burgeleit

Wartet und schweigt
überm Lesepult,

bebrütet Gedrucktes,
entziffert es schwer,

die Augen des Sehers
sind müde geworden.

Bedenkt seine Verse,
liest stockend, verweilt,

bringt Sätze hervor,
wie im Sagen erdacht,

von der Welt und vom Nichts,
wo die Fragen hausen,

steht staunend im Kreis
vom Bewunderern.

Uns aber
bleibt er im Buch.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0212 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Horst Kniese/LYRIKwelt.de