Einer von vielen.
Roman von Norbert Zähringer (2009, Rowohlt).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 28.9.2009:

Knirschende Räder der Weltgeschichte

Eine Theorie besagt, dass jeder Mensch auf der Welt mit jedem beliebigen anderen Menschen über höchstens sechs Zwischenstationen verbunden ist, also der Dönerbudenbesitzer in Berlin mit Mick Jagger oder der Frankfurter Apfelweinwirt mit dem Papst. Auf diesem Gedanken, auf der Idee, dass alles mit allem zusammenhängt und auf eine gänzlich dem Zufall überlassene Weise miteinander in Berührung kommen kann, basiert Norbert Zähringers neuer Roman.

Auch in seinem Fall sind es zwei Biografien, die zwar am selben Tag, dem 1. September 1923, aber an unterschiedlichen Enden der Welt ihren Anfang nehmen. In etlichen Kunstgriffen spiegelt Zähringer zwei Lebensläufe ineinander und lässt sie nach weltgeschichtlichen Verwicklungen und Wirrungen schließlich im wahrsten Sinne des Wortes aufeinanderprallen: Edison Frimm wird von einer esoterischen Sektiererin in der kalifornischen Mojave-Wüste zur Welt gebracht; Siegfried Heinze ist das Kind eines strammen Nazis, der nach einem Saufgelage am Abend von Siegfrieds Geburt unter mysteriösen Umständen erschossen wird. Das Bild des Führers bleibt über Siegfried Heinzes Kindbett hängen; Edison Frimms Vater macht sich bald aus dem Staub.

Das ästhetische Prinzip, das "Einer von vielen" zugrunde liegt, ist das der Gleichzeitigkeit; der Gedanke dahinter der, dass die Wege der Geschichte nicht im Großen und planvoll verlaufen, sondern in einem Wirbel chaotischer Ereignisketten sich sozusagen individuell Bahn brechen. Zähringers pynchonhaftes Vernetzungssystem ist die Stärke des Buches und zugleich auch seine Schwäche. Norbert Zähringer ist, das beweist vor allem sein Debütroman "So", ein ungeheuer einfallsreicher und überbordender Erzähler. Und so sprüht der Roman gerade zu Beginn von Einfällen und Pointen. Die Drehzahl ist hoch, und die daraus resultierende Rasanz besitzt großen Unterhaltungswert.

Edison Frimm, der mit seiner Mutter nach Los Angeles zieht, heuert bei einer Schwimmbadreinigungsfirma an, kommt auf diese Weise sowohl mit dem japanischen Gärtner Toshiro Koga (der die schweren Erdbeben am 1. September 1923, Edisons Geburtstag, überlebt hat) als auch mit Hollywoods Filmwelt in Berührung und landet schließlich in einer kuriosen Militäreinheit, die den Krieg zunächst nur zu Propagandazwecken simuliert, um urplötzlich Ernst machen zu müssen.

Das Problem an Zähringers im Grunde uramerikanischen Roman ist denn auch nicht die amerikanische, sondern die deutsche Seite, an der die Synchronizität an ihre Grenzen stößt. In einem parallelen Strang huscht ein biederer Ermittler namens Mauser durch das nationalsozialistische Berlin, auf der Suche nach jenem Serientäter, der auch Siegfried Heinzes Vater erschossen hat. Nicht nur, dass die Passagen über Mitläufertum und Widerstand vor Banalität nur so strotzen - spätestens mit Kriegsbeginn verwischen die Genres, und man kann sich nicht mehr sicher sein, was Zähringer eigentlich schreiben wollte: Eine Satire? Einen Kolportageroman? Einen Bericht aus dem Inneren des Schreckens? Oder gar alles zusammen?

Je größer die Zahnräder der Weltgeschichte sind, die hier gedreht werden, desto lauter knirscht es in der Mechanik: "Edison Frimm säuberte den Swimmingpool vor Gerald G. Hodges´ zweitem Haus, als die ersten deutschen Panzer sich ins polnische Unterholz wälzten. (...) Die Verteidiger sprachen letzte Gebete zu einem fernen, überarbeiteten Gott, während die Deutschen lachten, lachten in das Brummen ihrer Panzermotoren hinein, lachten über die schwachen polnischen Tankbüchsen, die flachen, nutzlosen Schützenlöcher" und so weiter. So geht das über anderthalb Seiten. Wenn das Satire sein soll, ist sie misslungen; wenn nicht, ist es hochpathetisch.

Norbert Zähringers Helden landen zum Schluss dort, wo schon so viele gelandet sind: Im Berlin des Jahres 1945, in den offenbar künstlerisch ungeheuer verlockenden Bunkerlabyrinthen, in einem Szenario von Zerstörung und Selbsterhaltungsversuchen, und zu allem Überfluss auch noch in einer kitschigen Geschichte von der Rettung eines jüdischen Kindes. Warum bloß noch einmal der Untergang light?

Wohlgemerkt - seinem Grundgedanken bleibt Zähringer bis zum Ende treu; sämtliche Kreise schließen sich, kein Erzählfaden bleibt ungeknüpft. Doch die Leichtigkeit und der Witz sind dem Roman bis dahin längst abhanden gekommen, verschüttet in den Trümmern des bombardierten Berlin. Schade.

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