Eine Reise von H.G.Adler, 1999, Zsolnay1.) - 2.)

Eine Reise.
Roman von H.G. Adler (1999, Zsolnay, Nachwort Jeremy Adler).
Besprechung
von Ivette Löcker im Literaturhaus-Buchmagazin www.literaturhaus.at, 19.5.1999:

H. G. Adler begibt sich in seinem Roman auf einen leidvollen Weg.
"Eine Reise" ist der Versuch, den Holocaust zu vergegenwärtigen. Das Erinnern, dem wir auf seinen verschlungenen Pfaden folgen, wird zur Suche nach einem möglichen Sinn.

Mit der Ausweglosigkeit, diesen zu finden, beginnt der Roman: "Niemand hat euch gefragt, es wurde bestimmt. Man hat euch zusammengetrieben und keine lieben Worte gesagt. Viele von euch haben versucht, einen Sinn zu finden, so wart ihr es selbst, die fragen wollten. Doch es war keiner da, der geantwortet hätte."

Der Holocaust wird für den 1910 in Prag geborenen und 1947 nach London emigrierten (dort 1988 verstorbenen) deutschsprachigen Juden H. G. Adler zum zentralen Thema seiner wissenschaftlichen wie literarischen Auseinandersetzung. Über diese Ereignisse zu sprechen und zu schreiben - und damit über sich selbst, sich zum eigenen "Werk" zu machen - bedeutet für ihn die Grundvoraussetzung für eine neue Welt. Der Roman ist auch ein Beitrag zur Frage, ob und wie Überlebende der Judenvernichtung sich öffentlich machen und das eigene Leiden mitteilen sollen. Oft genug wurden diese Versuche zurückgewiesen, wie das Beispiel H. G. Adler zeigt. "Eine Reise" erschien zum ersten Mal 1962 in Deutschland. Der Roman fand kein Interesse in der Öffentlichkeit - die breite Anerkennung als Schriftsteller und Lyriker bleibt dem Soziologen, Historiker und Philosophen zeitlebens versagt. Aber eine Art von Besessenheit und "Unersättlichkeit, die nur wieder wir selber sind", bringt den Autor, wie er bekennt, immer wieder dazu, sich zu erinnern und zu schreiben.

H. G. Adler hat einen Text geschaffen, der sich einer oberflächlichen Lektüre verweigert. Erst nach und nach erschließt er sich über mehrere Ebenen. Da ist zum einen die Erzählung über die Familie Lustig, die deportiert wird, einzelne Familienmitglieder werden ausgelöscht, wenige überleben. Der Leser begleitet die einzelnen Familienmitglieder auf verschiedenen Stationen ihres Lebenswegs. Der labyrinthische Weg der Reise endet aber immer tragisch. Dr. Leopold Lustig, der Arzt, will die Realität der Ausrottung der Juden nicht wahrhaben und verschließt sich selbst noch im Lager dieser Erkenntnis.
Zum anderen bestimmt die philosophisch-abstrakte Ebene den Roman: Reflexionen über Unmenschlichkeit, Verzweiflung, Einsamkeit, das Terrorsystem, die Würde des Menschen durchziehen den Text. Die Menschen sind Geister geworden, sind namenlos - sind "ehemalige Menschen". Der Erzähler gibt keine Auskunft über die nationale und religiöse Zugehörigkeit der Porträtierten, diese Zuschreibungen bleiben unbenannt und erwecken so den Eindruck von Anonymität. Damit wird auch die Monströsität der nationalsozialistischen Ideologie, die sich ja gerade auf diese Zuschreibungen und Diskreditierungen, auf das Herausgreifen bestimmter Gruppen, stützt, herausgestrichen. Die Absurdität und Unmenschlichkeit wird nicht begreifbarer, nur größer.

Eine Reise in die Erinnerung und eine durch die Erinnerung: Das Denken an die grausamen Ereignisse während der NS-Herrschaft bleibt ständig in Bewegung und findet nur in der Bewegung zur Ruhe. Wohin die Bewegung führt, läßt der Autor offen. Ein Urteil über Fortschritte will er sich nicht anmaßen. "Doch weil wir die Augen offen halten und nicht nur leiden, sondern uns auch beteiligen, so lasset uns diesem erinnerungsvollen Wandel den einzig geziemlichen Namen geben - die Reise."
Der Neuauflage im Zsolnay Verlag ist es zu verdanken, einen fast vergessenen Schriftsteller zu entdecken.

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Eine Reise von H.G.Adler, 1999, Zsolnay2.)

Eine Reise.
Roman von H.G. Adler (1999, Zsolnay, Nachwort Jeremy Adler).
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue Zürcher Zeitung:

Buch der Verwüstung
H. G. Adlers Roman aus dem Innern der Konzentrationslager

H. G. Adlers Buch «Eine Reise» ist von seiner Geschichte unabtrennbar: von der, die seiner Erzählung zugrunde liegt, und von der Historie seiner eigenen Rezeption. Der Roman basiert auf Erfahrungen des Autors in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des Dritten Reiches. Erstmals erschien er 1962, elf Jahre nach seinem Entstehen, in einem kleinen Bonner Verlag, erhielt einige glänzende Kritiken und Lob von Schriftstellern wie Böll, Doderer und Canetti und verschwand dennoch wieder in der Versenkung: Für eine breite Wirkung fehlten der kleinen «bibliotheca christiana» die Mittel.

Jetzt kann Adlers Roman über Verfolgung und Deportation, in einem namhaften Verlag neu aufgelegt, auch im Kontext anderer Werke der sogenannten Holocaust-Literatur wiedergelesen werden. Abgesehen vom Mangel an Publizität und Aufnahmebereitschaft mögen den Widerständen, denen es zur Zeit nach seiner Entstehung 1950/51 begegnete, auch die stilistische Machart in die Hände gespielt haben. Wie sonst sollte, Adlers Sohn berichtet im Nachwort davon, Peter Suhrkamps «Wutanfall» nach der Lektüre zu erklären gewesen sein? «Solange ich lebe», soll Suhrkamp gesagt haben, «wird dieses Buch in Deutschland nicht gedruckt.»

«Eine Reise» verweigert sich der realistischen Nacherzählung, ist weit entfernt von einem mehr oder weniger sachlichen Erlebnisbericht. Die beschriebenen Umstände werden lyrisch verschleiert; Orts- und Personennamen sind erfunden. Oft werden die Gegenstände und Vorgänge von aussen beschrieben, als seien sie namenlos und noch nie gesehen worden. So entsteht eine Atmosphäre albtraumhafter Unwirklichkeit, gemäss einem der an mehreren Stellen wiederholten Schlüsselsätze: «Das ist alles nicht wahr.» Darin mischen sich Ungläubigkeit und Entsetzen und ein Widerstand gegen das Erlebte, der sich im Unwillen, es als letztgültige Wirklichkeit zu akzeptieren, äussert. Adler schildert eine Welt, in der nichts mehr selbstverständlich oder überhaupt noch verständlich ist. Alles ist in einem Zustand der Auflösung begriffen, nicht nur die Dinge, sondern auch die Menschen. Als wesen- und identitätslose Fremde erinnert er die, welche die Reise in die Lager antreten müssen. Sie werden als Geister bezeichnet, verwandeln sich in Ameisen, Heuschrecken oder Kaninchen oder leblose Gegenstände: «Man hat uns aus dem Abfall gescharrt, die Frauen haben den Mörtel von uns abgekratzt. Man hat uns aus der Mauer gestückelt, so wie wir damals waren, als wir noch waren, und jetzt verwendet man uns, nachdem man unseren Willen ausgetrieben hat. Nun sind wir nichts mehr als Werkzeuge einer endlosen Reise, denn von unserem Wesen hat man uns verabschiedet . . .»

Auch die gespenstisch diffundierende Erzählperspektive spiegelt die unablässig umkreisten Auflösungsprozesse: Manchmal werden ein «Du» und ein «Ihr» angesprochen, manchmal ein «Wir», dann wieder distanziert sich der Erzähler und kommentiert die Geschehnisse als Aussenstehender. Viele Stimmen laufen zusammen; nur die erste Person Singular kommt nicht vor. Adlers Stil ist pathetisch, rhapsodisch strömend, von Ironie und Sarkasmus durchsetzt: eine provozierende Mischung, die beim Lesen klammes Entsetzen auslösen kann und wohl auch soll. Die schroffe Gegeneinandersetzung des leisen, weich fliessenden Stils und der Abgründe des Inhalts, dem unerbittlichen Ausloten des Leidens, ist schwere Lektüre.

Adler beschränkt sich nicht darauf, nur den Opfern eine Stimme zu geben, sein polyperspektivisch gebrochener Text lässt ebenso die Täter in ihrer Mordgier zu Wort kommen: An diesen Stellen gelangt seine Aussage zu äusserster Radikalität. Eine andere Form der Radikalität erreicht er, wenn sich die Sprache angesichts der Verstörung und des Leidens passagenweise dem Verständnis verschliesst: eine mögliche literarische Übersetzung des in der Wirklichkeit Unfassbaren, denn, wie es im Roman heisst, «die Sprache gehört uns nicht mehr».

Canetti hat über Adlers Buch geschrieben, es sei «jenseits von Groll und Bitterkeit, Ausdruck einer essentiellen Läuterung»; ein Urteil, dem nicht jeder Leser zustimmen wird. Denn unterhalb der Sanftmut sind Groll und Bitterkeit, Wunden, Verletzungen und Trauer durchaus in jeder Zeile spürbar. Vielleicht könnte man gerade die verfremdenden Stilmittel als Versuch einer Distanzierung vom Erlebten lesen: Mit Hilfe der auf diese Weise verwendeten Sprache dokumentiert, so scheint es, der Erzähler seinen Willen, sich von den Schrecken nicht beherrschen zu lassen, obwohl er prophezeit: «Selbst wenn du diese Reise beendest, ohne auf der Strecke liegen zu bleiben, wirst du gestört sein. Abgründig wirst du von der Welt getrennt, magst du auch mit Händen und Füssen ihren Boden berühren.»

Zugrunde liegen dem Roman Adlers eigene biographische Erfahrungen. Er wurde 1910 in Prag geboren, wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf, studierte Literatur, Philosophie und Psychologie und promovierte mit einer Dissertation über «Klopstock und die Musik». 1938 plante er seine Emigration aus Prag, das Vorhaben scheiterte. 1941 kam Adler in ein Arbeitslager zum Eisenbahnbau, 1942 folgte die Deportation nach Theresienstadt, im Oktober 1944 nach Auschwitz. Zwei Wochen später wurde er nach Niederorschel gebracht, ein Nebenlager von Buchenwald, dann in die unterirdische Fabrik des Lagers Langenstein, wo er im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Unter Umwegen führte sein Weg zurück nach Prag: eine Geschichte von Verfolgung und Deportation, vor deren Hintergrund der Romantitel «Eine Reise» als bittere Ironie erscheint. Der Titel benennt, so schreibt einleuchtend der Sohn im Nachwort, eine weglose Reise in einer sinnlosen Umwelt und, in Adlers eigenen Worten, «die Erinnerung selbst, die sich auf die Reise begibt und auch schon stets auf Wanderschaft gezogen ist». Elias Canetti kommentierte pointierter: «Es wird das klassische Buch dieser Art von ‹Reise› sein, jeder Entwurzelung und Verwüstung, wem immer sie geschieht.»

Adler begann noch vor seiner Emigration nach London im Jahr 1947 die Studie «Theresienstadt 1941–1945», die ihn nach siebenjähriger Verlagssuche bekannt machte und der erste Schritt seines Lebenswerks wurde: der literarischen und wissenschaftlichen Dokumentation des Holocaust, als dessen führender Forscher er in den sechziger und siebziger Jahren galt. In seinem wohl berühmtesten Werk, «Der verwaltete Mensch» (1974), einer fundamentalen Analyse zur totalitaristischen Bürokratie, beschreibt er den tödlichen Täuschungs- und Selbsttäuschungseffekt bürokratischer Euphemismen: In seinem Roman «Die Reise» – vier Romane hat er insgesamt geschrieben – entzieht er gerade und gezielt dieser Form des sprachlichen Betrugs den Boden.

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