Einer bleibt übrig,damit er berichte von Christoph Meckel, 2005, HanserEiner bleibt übrig, damit er berichte.
Erzählungen von Christoph Meckel (2005, Hanser).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 11.06.2005:

Ruinenkunde im Weltunglück
Der Schriftsteller Christoph Meckel wird siebzig Jahre alt

Ein Lieblingsbild des Dichters und Zeichners Christoph Meckel zeigt einen verwundeten Engel. Es ist keine strahlende Lichtgestalt, kein prophetischer Verkündigungsengel, sondern eine erbarmungswürdige Gestalt mit verletztem Flügel, die von zwei Knaben auf hölzernen Stangen getragen wird. Dieser zerstörte Engel ohne Gottesnähe, den der finnische Künstler Hugo Simberg gemalt hat, könnte auch ein Protagonist in Christoph Meckels neuen Erzählungen sein. Seine einsamen Helden sind an einem Endpunkt der Menschheitsgeschichte angekommen, im Aussichtslosen verwitternder Ruinenfelder.

Traumatische Urszene

Die Zivilisation hat abgedankt, die Überlebenden des Weltbürgerkriegs streifen auf ziellosen Irrfahrten durch die letzten Refugien des Lebendigen. Marodeure und Söldnerbanden treiben im Schutt der Städte herum und plündern die Reste des verrotteten Reichtums. Als Kind hat der in Berlin geborene Meckel 1944 die Zerstörung seiner Kindheitsstadt Freiburg erlebt, eine traumatische Urszene, die sich in die katastrophischen Szenarien seiner Erzählungen eingeschrieben hat.

Bereits in dem erzählerischen Frühwerk «Im Land der Umbranauten» (1961) hatte Meckel in seinem phantastischen Fabulierbedürfnis einen despotischen Klassenstaat erfunden, eine «Weltmacht der Dämmerung», der nur mit Hilfe eines seltsamen Märchenerzählers zu entkommen ist. In seinen Erzählungen wie in seinen Gedichten finden sich seither immer wieder Traumgeschöpfe, schräge Vagabunden oder irrlichternde Weltenfahrer, die den finsteren Lauf der Geschichte aufzuhalten trachten.

Auch im neuen Band, «Einer bleibt übrig, damit er berichte», der Erzählungen aus den letzten dreizehn Jahren bündelt (drei davon wurden bereits als schmale Einzelwerke publiziert), behaupten sich noch Heilwünsche mitten in der Katastrophe. Meckels negative Schöpfungsgeschichten folgen einer paradoxen Bewegung: In seinen vergifteten Weltszenarien scheint es zunächst nur den kollektiven Willen zur Abschaffung alles Lebendigen zu geben. Auf dem Gelände einer verlassenen russischen Garnison erkundet ein Hausmeister, dem der Sinn seiner Beschäftigung abhanden gekommen ist, die funktionslos gewordenen Kasernen und Manöverplätze und vagabundiert dabei durch die gespenstische Leere einer irdischen Mondlandschaft.

In einer weiteren Geschichte besichtigt ein Architekt auf einer verlassenen Insel die verwitterten Überreste eines Regierungspalastes, den einst ein paranoischer Despot eines unterentwickelten Landes unter barbarischen Umständen errichten liess, bis er von seinen Feinden in Grund und Boden bombardiert wurde. Ein Spezialist einer obskuren Eingreiftruppe agiert in der Erzählung «Abraum» als williger Vollstrecker von gleichsam planetarischen Säuberungsaktionen – und versucht am Ende eine verwundete Frau aus den Trümmerlandschaften der Städte zu retten.

Der Schlaf der Vernunft gebärt bei dem Schriftsteller Meckel eben nicht nur Ungeheuer, sondern auch Figuren der Rettung. So tauchen aus all dem Qualm und Gestank der verrotteten Metropolen, aus den «Massengräbern im grossen Schutt» immer wieder Frauengestalten auf, die Aufbruch und Rettung verheissen. Die weibliche Schönheit erscheint bei Meckel als Antidot zum Todestrieb einer auf Gewalt gegründeten Moderne. Gegen die heillosen Visionen einer verseuchten Erde und einer für immer unbewohnbaren «Babylon-City» setzte der Autor von seinem ersten Buch an, dem Gedichtband «Tarnkappe» (1956), seine zauberischen Bilder der Utopie und der Liebe.

Phantastik des Unheimlichen

Für seine gelegentliche Neigung zum Preziösen und zur schwelgerischen Überstrapazierung der «Licht»-Metapher musste sich Meckel oft herbe Kritik gefallen lassen. Der Sohn des Schriftstellers Eberhard Meckel, der seinem Vater 1980 das grandiose Romanporträt «Suchbild» widmete, galt und gilt als «sinnenreicher Phantast», was nicht immer als Kompliment gemeint ist. Diese Schwächen hat er in seinen sieben motivisch eng verbundenen Geschichten vom Weltunglück abgestreift. In einem der schönsten Stücke des Buches, der Erzählung «Nachtmantel», verlässt ein Mann in mittleren Jahren seine Berliner Behausung, um auf seiner letzten Reise zu sterben. In fast hypnotischer Selbstbetäubung begibt er sich auf ziellose Fahrt durch eine «wesenlose» Welt und landet schliesslich an einer namenlosen Küste vor einem rätselhaften Koloss, einem riesenhaften amorphen Findling aus den Tiefen des Meeres. Der Koloss entpuppt sich als schauderhaftes Lebewesen, das nach einer vernichtenden Attacke von Terroristen seine fürchterlichen Gifte in die Welt verströmt.

Der Autor arbeitet hier mit Wiederholungen und einem feinen Netz aus Selbstzitaten und Anspielungen, das auf ältere Traditionen – etwa die Phantastik eines Jorge Luis Borges – zurückgreift. Einmal mehr verteidigt Christoph Meckel, der am Sonntag siebzig Jahre alt wird, «das Recht zu träumen». Der verstörenden Wirkung dieser Geschichten tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Mit seinen fliessenden Übergängen zwischen halluzinatorischer und realistischer Erzählung erzeugt Christoph Meckel eine Phantastik des Unheimlichen, der man sich kaum entziehen kann.

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