Einen Stein werd ich lieben von Antonio Lobo Antunes, 2006, Luchterhand1.) - 2.)

Einen Stein werd ich lieben.
Roman von Antonio Lobo Antunes (2006, Luchterhand - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 11.04.2007:

Magisches Zentrum der Verschwiegenheit
Alle halten sich an das Tabu: Der Portugiese Antonio Lobo Antunes hat eine zeitgenössische Form für den alten, ehrwürdigen Familienroman gefunden

Was hat es eigentlich mit dem klapprigen Vehikel des Familienromans heute auf sich? Im Familienroman erlebte das bürgerliche Zeitalter ganz und gar sich selbst. Ein souveräner Erzähler hielt Ordnung, er wusste, dass jedem ein bestimmter Platz in der Welt zukam, und wer aus der Reihe tanzte, brachte nicht nur sich, sondern das gesamte Gesellschaftsgefüge in Gefahr. Die schwarzen Schafe fielen auf in diesem strengen Konzept. Ein Hanno Buddenbrook wurde zwar von einem toleranten Autor mit Achtung gebietender Aufmerksamkeit bedacht, aber er brachte eine ehrwürdige Tradition, in der in einem Staffellauf der Generationen selbstverständlich das Erreichte weiter gegeben und vermehrt wurde, wenig ehrenvoll an ein Ende.

Jeder Vorfahr ein Denkmal, jedes Familienmitglied ein Pionier der Leistungsgesellschaft. So wohnt solchen Romanen, die die Geschichte des konsequenten Fortschritts erzählen und dabei plötzlich und unerwartet ins Stocken geraten, etwas Mahnendes inne. Sie halten die Familienehre hoch, auch dann noch, wenn sie in ihrem tiefsten Inneren um die Brüchigkeit des ganzen Systems wissen. Wie heimelig fühlt es sich doch an inmitten der Geborgenheit der den Umbrüchen der Geschichte trotzenden Familienbastion, wie eisig umwehen die Stürme der Einsamkeit doch jene, die nicht länger "Wir" sagen wollen, sondern trotzig ihr Ich behaupten.

Und da erscheint der Portugiese Antonio Lobo Antunes auf der Bildfläche, einer der unerreichten, wenn nicht überhaupt unerreichbaren Giganten der Gegenwartsliteratur, ein einsamer Kämpfer, der die literarische Form so ernst nimmt, dass sie ihm das eigentliche Abenteuer seiner Romane bedeutet. Was leistet also die literarische Form im Roman Einen Stein werd ich lieben, der in der Originalausgabe 2004 in Lissabon erschienen ist?

Eine Familie steht im Mittelpunkt. Doch nie darf sie zurückblicken auf eine Geschichte, die Halt bietet und Vorbildcharakter annimmt, sie wirkt wie eine Zwangsgemeinschaft unglücklicher Charaktere, die der blinde Zufall aneinander gekettet hat. Sie kommen voneinander nicht los, auch wenn sie miteinander nicht viel zu schaffen haben wollen. Um einen Patriarchen, der gar nicht mehr das Zeug dazu hat, tatsächlich einer zu sein, dreht sich alles. Ein Geheimnis, von dem jeder weiß und über das niemand spricht, bildet den Kern der Familiengeschichte. Der alte Mann traf sich regelmäßig über Jahre und Jahrzehnte mit seiner Geliebten, und niemand wagte an das Tabu zu rühren. "Wir leben zwischen Lug und Trug, es lohnt nicht, darüber zu streiten, ich jedenfalls streite nicht darüber, es ist so", resümiert eine der zahlreichen Stimmen die Lage. Die Frau des Patriarchen fand sich ab mit der Version, dass er sich jeden Mittwoch mit Freunden in einem anderen Stadtteil treffe. Sie stellte keine Fragen, schluckte das Unvermeidliche. Schlimm müssen die Strandurlaube gewesen sein. In Sichtweite der Familie hielt sich jeweils diese ferne, nahe Geliebte als "Sonnensegelnachbarin" auf, in eine Arbeit über ein Häkeldeckchen vertieft. Als schrullige Dame, nicht ganz ernst genommen, erregte sie Aufsehen, brannte sich ins Gedächtnis eines jeden, der sie verloren und einsam eine Sparversion von Urlaub verbringen sah.

Lug und Trug erzeugen die literarische Form bei Lobo Antunes. Ein wunder Punkt schmerzt im Herzen dieser Familie, und jeder weiß seine eigene Fassung darüber zu erzählen. Alle gehen gezeichnet aus dieser Affäre hervor, eine Serie von Leidensgeschichten entwickelt sich aus dem magischen Zentrum der Verschwiegenheit.

In jedem Kapitel beginnt einer sich zu erinnern, arbeitet für sich private Geschichte auf oder gibt eine Standortbestimmung seines geistigen und emotionalen Befindens. Das geht so: "Und da sitzen wir beide nun wieder, wie nervtötend, ich auf einem Stuhl mit zwei Armlehnen auf dieser Seite des Schreibtisches und auf der anderen Seite die Frau auf einem kleineren Stuhl ohne Armlehnen, auf dem ich hin und wieder selber gern sitzen möchte, um mit mir selbst zu reden…" Der Psychiater, den die Geliebte aufsucht, nachdem ihr Liebhaber in ihrem Beisein verstorben ist, hebt auf diese Weise an. Ihm scheint die ältliche Dame so kläglich wie allen anderen. Widerwillig entledigt er sich seiner Pflicht, ihr Gehör zu schenken. Einer beginnt, dann schießen andere Stimmen quer. Ein Assoziationsgewitter und Stimmencrescendo bricht über den Leser herein. Erinnerungen, Wahrnehmungen und Gedanken der verschiedenen Figuren laufen einander den Rang ab, sehen sich einem heftigen Verdrängungswettbeweb ausgesetzt. So sieht ein Roman aus, der aus reinem Bewusstsein besteht. Er erzählt nicht, wie etwas war, er erzählt, wie sich etwas im Rückblick für jemanden darstellt. Ein Foto - und schon läuft ein holprig ratternder Film ab, der weitere Erinnerungen abspult und von den Beobachtungen der anderen ergänzt oder unterlaufen wird. Eine Therapiesitzung - und schon tauchen Szenen aus der Vergangenheit auf, die sich eingebrannt haben, nicht chronologisch, nicht ordentlich, ganz den Querschüssen des Augenblicks untergeordnet. Eine Begegnung - und schon drängen die Kapitel einer unter Verschluss gehaltenen Vergangenheit ans Licht, stürzen über eine Person herein, jeder Widerstand dagegen ist zwecklos. Worauf kommt es an in einem Leben? Das steht als Grundfrage über jedem Kapitel, das den Schmerzpunkten der Menschen Raum gibt.

Einmal in Schwung gekommen, gibt es kein Halten mehr. Für jedes Kapitel ist ein einziger, 20 Seiten und länger ausschwingender Satz vorgesehen. Eine Stimme löst nicht abrupt die nächste ab, die Übergänge sind fließend, verschwimmen ineinander. In jedem Kapitel stößt man auf eine Gemengelage der widersprüchlichsten, einander heftig attackierenden Gefühle: "aus welchem Grund wollten Sie mir immer weh tun, Vater, meine Schwester haben Sie immer mehr wahrgenommen, mir haben Sie nie geantwortet, mich haben Sie nicht beachtet, aus welchem Grund", klagt eine der Töchter, die später bekennt, als Kind "fast ohnmächtig vor Angst vor den Sünden, vor der Hölle" gewesen zu sein.

Der Roman bildet den Kerker der Verschwiegenheit ab. Was nie zur Sprache gebracht werden durfte, bricht sich Bahn in den intensiven Selbstgesprächen, Selbstvergewisserungen, inneren Anklagen und Vorwürfen. Nach außen wird die Contenance bewahrt, die, wie das eigene Ich weiß, aber durch die Zeitläufte schon längst kaputt geschlagen wurde. So treibt eine Unruhe all diese Stimmen um, die Unruhe, die aus dem Wissen um ein jeweils verkorkstes, verborgenes, ungelebtes, ungeliebtes Leben kommt. Jede Stimme steht für Leidenschaften, Sehnsüchte, Wünsche, die nicht sein durften. Das zerstört die Substanz jedes einzelnen Lebens. Einer stand in aller Heimlichkeit zur Liebe seines Lebens und verletzte damit die anderen. Alle anderen verzehren sich nach ihren ungestillten Heimlichkeiten und verletzen sich damit selbst. Das ist die eigentliche Tragödie, um die es in diesem Roman geht. Es gibt kein Leben, das keine seelischen Wunden schlägt. Damit muss man erst einmal fertig werden.

Nach Lektüre dieses Romans sieht vieles von dem, was heute geschrieben wird, wie brave Kinderliteratur aus.

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Einen Stein werd ich lieben von Antonio Lobo Antunes, 2006, Luchterhand2.)

Einen Stein werd ich lieben.
Roman von Antonio Lobo Antunes (2006, Luchterhand - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Fritz Popp aus Rezensionen-online *bn*, 02/2007:

Ein außenstehender Vater als Familientrauma. (DR)

Der Kern des vielschichtigen, vielstimmigen und voluminösen Romans ist schnell erzählt: 50 Jahre trifft sich ein verheirateter Familienvater jeden Mittwochnachmittag mit seiner Geliebten in einem Stundenhotel. Dort stirbt er auch. Alle in der Familie scheinen davon gewusst zu haben. Viel schwerer schon ist es, die "Handlung" des Romans wiederzugeben: Es gibt zwar eine Vielzahl von Geschichten, Motiven und Handlungsstrangähnlichem, aber Lobo Antunes erzählt nicht geradlinig-chronologisch. Vielmehr setzt sich der Roman aus EinzelerzählerInnen zusammen, einem ganzen Stimmenchor, der in monologischen Kapiteln und in langen Sätzen insistierend, immer wieder bestimmte Motive und Erfahrungen aufführend, die komplizierte Beziehung zur Hauptfigur, zum Vater, thematisiert. Auch dessen Position und Geschichte kommen zur Sprache, seine Traumata, Enttäuschungen und Wünsche. Alle Personen formulieren die Schwierigkeit zu lieben, ihre enttäuschten Erwartungen und kurzen Glückserfahrungen. - Herausfordernde Weltliteratur. Nur für literarisch versierte und ausdauernde LeserInnen.

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