Einen solchen Himmel im Kopf von Stephanie Gleißner, 2012, AufbauEinen solchen Himmel im Kopf.
Roman von
Stephanie Gleißner (2012, Aufbau).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 30.8.2012:

Johanna des Hinterlandes
Eine Provinzjugend zwischen Furor und Klischee: Stephanie Gleißners Debütroman „Einen solchen Himmel im Kopf“

Aus diesem Buch spricht Wut. Ein Furor, der aus Verzweiflung geboren ist. Es ist ein Debüt, dem eine eher konventionelle Konstellation zugrunde liegt, das dann aber nicht so hoffnungslos versandet wie vergleichbare Romane junger deutschsprachiger Autoren in den vergangenen Jahren: Eine junge Frau, Annemut, hat das Dorf ihrer Kindheit und Jugend hinter sich gelassen, ist in die Welt hinaus gegangen, und kehrt nun, zunächst in der Imagination, dann tatsächlich zurück, zurück ins Hinterland, wie es heißt; dorthin, wo noch die Eltern leben und wo es als Ideal gilt, dass alles so bleiben möge, wie es schon immer war.

Wut und Verachtung als Antriebe einer Erzählfigur haben auch im Fall der 1983 in Garmisch-Partenkirchen geborenen und in Mittenwald aufgewachsenen Stephanie Gleißner einen zweischneidigen Effekt. Zum einen setzen sie einen Rhythmus und erwecken eine sprachliche Energie, die bemerkenswert ist: „Ich wusste, dass es nicht ewig so weitergehen konnte, dass es bald knallen würde. Als es dann so weit war, nützte mir dieses Wissen nichts. Meine Hände, die ich, seit ich zehn war, immer zu Fäusten geballt mit mir herumtrug, um die abgekauten Fingernägel zu verbergen, hingen schlaff neben dem Jerseystoff meiner Jogginghose, während einen Meter weiter oben die Fresse poliert wurde.“ Das sind gute, kraftvolle Sätze; es gibt davon nicht wenige.

Eine andere Jugendfreundschaft

Im Zentrum des Romans steht eine Jugendfreundschaft: Annemut und Johanna. Wenn sie nicht tatsächlich anders sind als alle anderen, dann fühlen sie sich zumindest so, und das genügt in einem solchen Umfeld ja bereits, um zu provozieren. Johanna, die Exzentrikerin, die sich intensiv mit den Heiligenlegenden beschäftigt; nicht etwa, weil sie Trost sucht, sondern weil sie sich auf Augenhöhe wähnt. Eine Märtyrerin des Landstumpfsinns, die Frösche rettet und als Angestellte in der örtlichen Krankenkasse endet. Und Annemut, die mit- und dann herausgerissen wird. Ein Gutteil dessen, was sie verbindet und was die Vehemenz, mit der sie der Welt begegnen, antreibt, ist ihre Misandrie, ihr Menschenhass. Das Zerwürfnis, das schon von Beginn an angelegt ist, hat dementsprechend mit Verrat zu tun.

Was also macht man aus der Provinz, was über die Flucht aus der Enge und das Auskotzen darüber hinausgeht? Das ist die Kehrseite des Wutstandpunktes. Wenn Annemut über die komplizierte Binnenstruktur einer Freundschaft und über sich selbst, ihre Störungen, ihre somatischen Reaktionen auf die Welt erzählt, ist „Einen solchen Himmel im Kopf“ ein starker, komplexer Text. Wenn sie über andere spricht, produziert sie punktgenau Klischees und Stereotypen: Die duldsame Mutter, der strenge Vater, die Alten auf den Bänken im Dorf, die sich das Maul zerreißen. Es ist ein grundsätzliches Problem dieser Art von Anti-Heimat-Literatur, die ihre Kraft aus der Heimat zieht – sie erzählt nicht aus der Provinz heraus, sondern über sie hinweg und bildet so das passgenaue Gegenstück zu jener Ignoranz, die sie eigentlich anprangert.

„Dieser ganze Ironie-Scheiß“

Bemerkenswert an Stephanie Gleißners Roman ist allerdings, dass er keinen positiv besetzten Raum, keine vermeintlich befreiende urbane Gegenwelt eröffnet. Ganz gleich, wohin Annemut flieht, ins Ausland, in ein Studium, in die Einsamkeit oder in die Ausweglosigkeit einer vertrackten Beziehung – sie bleibt zurückgeworfen auf sich selbst. Bei allen Einwänden: Man hat den Eindruck, dass hier jemand Ernst macht. „Dieser ganze Ironie-Scheiß“, wie es einmal heißt, kann Annemut gestohlen bleiben. Uns, ehrlich gesagt, auch.

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