Eine liebe am Tiber von Jan Koneffke, 2004, DuMont1.) - 2.)

Eine Liebe am Tiber.
Roman von Jan Koneffke (2004, DuMont).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Wer überlebt, hat Recht
Unordnung und Herzenswärme: Jan Koneffke lässt die siebziger Jahre in Rom auferstehen

Rom ist eine hektische Stadt: Es kracht und dampft und zischt allerorten. Am Bahnhof knallen Koffer laut auf den Boden, gegen die Rippen und Knie der Ankömmlinge und Hunderte von Menschen packen und umarmen einander, schluchzend und schreiend vor Wiedersehensfreude. Durch Trauben von angriffslustigen Dienstmännern scheucht der Vater, jetzt Lehrer an der deutschen Schule in Rom, seine verstörte westdeutsche Kleinstadtfamilie zu einem winzigen Taxi. Er hat sich dem hiesigen Ton schon angepasst: "Servianische Stadtmauer, Elinor, kreischte er, Diokletiansthermen, Feelein!" Die Ankunft im Inferno der Statione Termini, mit der Jan Koneffkes Eine Liebe am Tiber beginnt, gibt Ton und Rhythmus des ganzen Romans schon vor und ist mit gebieterischer Wucht geschildert; man denkt unwillkürlich an eine lebengefährliche Expedition - als müsste eine kleingeistige deutsche Familie ihre Überlebensintelligenz unter Beweis stellen.

Jan Koneffke, nach mehreren Gedicht- und Prosabänden und zwei wunderbaren Romanen ein gewandter Erzähler, lässt seinen klugen und dünnhäutigen Helden Sebastian in Rom eine fast unerträglich intensive Pubertät erleben; und der Tod der Mutter vier Jahre später scheint fast die zwangsläufige Folge dieses Überflusses an praller Körperlichkeit.

Vorsichtig ist Sebastian nur am Anfang, als ihn die ausgeprägte Sinnlichkeit des römischen Alltags einschüchtert; aber bald genießt er die wechselnden Gerüche von Basilikum, Steinpilzen und Kernseife von Frau Beatrices Busen, ekelt sich nicht mehr vor der stets gefüllten Rattenfalle im Hausflur und besucht den gnomenhaften Schuster im Nebenhaus, einen gläubigen Kommunisten und leidenschaftlichen Hobbytenor, der aus dem Zustand der Schuhsohlen weissagt. Sebastian stolpert nur so über skurrile und traurige, absurde und ergreifende Begebenheiten - aber Jan Koneffke ist ein viel zu guter Erzähler, um seinen jugendlichen Helden nicht nur zu einem durchtriebenen Beobachter, sondern auch zum Manipulateur der Erwachsenenwelt zu machen. Um deren Moral muss er sich nicht scheren - tut sie es doch selbst nicht. Skrupellos stürzt er sich in kleinkriminelle Abenteuer und erpresst erotische Begegnungen, die er in einer Mischung aus Neugier und Trauer, Angst und Unbefangenheit genießt; und diese rückhaltlose Sehnsucht und kindliche Entdeckerfreude sind seine Stärke.

Fellinische Figuren

War in Jan Koneffkes letztem Roman (Paul Schatz im Uhrenkasten, 2000) der heranwachsende Paul eher ein magischer Vermittler zwischen Phantasiewelt und beklemmender Realität im Berlin der dreißiger Jahre, so erlebt Sebastian im Rom der Siebziger vor einem hysterischen politischen Hintergrund eine Familientragödie, die um so schrecklicher ist, als sie gleichzeitig überflüssig und zwangsläufig scheint: aus den in der deutschen Kleinstadt wohlgepflegten Vorlieben und Hobbys werden, von den vitalen Kräften der Stadt unendlich beschleunigt, allesverschlingende Leidenschaften und Süchte, in denen die Eltern sprach- und hilflos versinken.

Unmittelbar und direkt schildert Sebastian diesen Niedergang; und der Reigen fellinischer Figuren, der ihn umtanzt, leuchtet seine Tragik grell aus: Da gibt es den Anarchisten Luca, der aus einem bitterarmen Dorf stammt und in den die Mutter sich wegen seiner Geschichten vom archaischen Leben verliebt; Frangipane, den adligen Aussteiger, der in einem bizarren Amt vor sich hin dümpelt und Luca bemuttert; und den Hausbesitzer Sassolino, großmäuliges Muttersöhnchen und skrupellosen Geschäftemacher, der den biederen Vater zum Grabräuber abrichtet.

Wilde Geschichten also, die nicht nur stark und kontrastreich erzählt sind, sondern auch so schnell und in solcher Fülle aufeinander folgen, dass dem Leser ganz schwindlig wird. Dieses Erzählen hat sich den hektischen Bewegungen der Stadt unterworfen, und am Ende des Romans scheinen die Handlungsfäden wild auszuschlagen - entsprechend unglaubwürdig fällt der Schluss aus, der zu allem Überfluss noch ein ungesühntes Kriegsverbrechen aufbietet.

Aber trotz der stellenweise dick aufgetragenen Dramatik sind die beiden Protagonisten in ihrer verletzlichen, verzweifelten Widersprüchlichkeit äußerst sympathisch. Wie Ludwig Wieland vom idealistischen und begabten, von seinen Kindern heißgeliebten Dorflehrer zum Einsiedler wird, der in seinem vollgestopften Wohnwagen alle Reliquien eines unruhigen Lebens mit sich schleppt und von Frau zu Frau flieht, ist großartig prägnant und mit genauem Gespür für Details erzählt. Überhaupt ist dieser Autor ein Meister der grellen und grotesken, aber auch der melancholischen und leisen Bilder. Er lockt seinen Helden so unbeirrbar und nachdrücklich, Bild für Bild, aus seinem gruftigen Institutskeller zurück in die Stadt am Tiber, zu Unordnung und Herzenswärme - dass wir ihm sofort folgen würden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1204 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Eine liebe am Tiber von Jan Koneffke, 2004, DuMont2.)

Eine Liebe am Tiber.
Roman von Jan Koneffke (2004, DuMont).
Besprechung von Doris Plöschberger aus dem titel-magazin, 2004:

Das Chaos des Lebens und die Ordnung des Erzählens

Die Ewige Stadt als Bühne für einen Tanz mit der Vergangenheit. In Jan Koneffkes Roman Eine Liebe am Tiber wird der Topos von der Italien-Sehnsucht der Deutschen zum Anstoß für die Erinnerung.

Rom 1968, und Berlin, ein Vierteljahrhundert später. Das pulsierende, laute Leben damals und die stille Stagnation der Existenz jetzt. Sebastian Wieland, Assistent am Archäologischen Institut in Berlin-Dahlem, wo er sich im staubigen Dienstzimmer vor Institutsklatsch und einer unvollendeten Habilitationsschrift verbirgt, flüchtet vor der lähmenden Gegenwart in die Erinnerung an eine bewegte Vergangenheit in der Ewigen Stadt. Als Elfjähriger übersiedelte er gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester und seiner Mutter aus Deutschland kommend dorthin. Der von unstillbarer Italien-Sehnsucht erfüllte Vater Ludwig Wieland war seiner Familie mit Winckelmann, Gregorovius und Goethe im Gepäck bereits vorausgereist, um sich der verherrlichten Antike nicht länger nur ideell, sondern endlich auch leibhaftig zu ergeben.

Vergessene Modelleisenbahn

In der Erinnerung, angestoßen durch den Tod des Vaters, werden dem Ich-Erzähler die Jahre in Rom bis zur Rückkehr nach Deutschland im Herbst 1972 zu einer turbulenten Szenenfolge des reichen Lebens in einer zunächst beängstigend fremden, bald aber herausfordernden Umgebung, die das anfängliche Heimweh nach deutschem Kinderzimmer samt Modelleisenbahn bald vergessen macht. Die bleibt unausgepackt im Umzugskarton, denn der Ich-Erzähler entdeckt anderes, Aufregenderes für sich: den ausladenden Busen der Signora Beatrice etwa, dessen Düfte er nach einmal überwundener Befangenheit so gerne atmet; den anarchistischen Studenten Luca, der der Mutter Sebastians verblüffend effektiven Italienisch-Unterricht erteilt; und Lili, die Tochter der römischen Nachbarn, die Sebastian lange Zeit mit der Verachtung und dem Hochmut der um zwei Jahre Älteren straft, bis er ihr Interesse weckt mit einem zwar unverstandenen, aber umso wirksameren Vortrag über die Vorzüge der freien Liebe.

Koneffkes Roman ist gespickt mit einer Vielzahl atmosphärisch dichter und ereignisreicher kleiner Erzählungen, die oftmals bis ins Detail die Lust des Autors am ausschweifenden Fabulieren bezeugen. Es sind vor allem diese Erzählminiaturen, die liebevoll nicht nur einen Reigen personal prägnanter Figuren etablieren, sondern auch ein lebendiges Stimmungsbild der italienischen Hauptstadt in den politisch turbulenten Jahren um 1970 entstehen lassen. Darin ähnelt Eine Liebe am Tiber Koneffkes Roman Paul Schatz im Uhrenkasten aus dem Jahr 2000. Dort ist es das Berliner Scheunenviertel der dreißiger Jahre mit seinen skurrilen Bewohnern, das in unzähligen Episoden anschaulich wird. Und hier wie dort platziert Koneffke inmitten all der haltlos wuchernden Geschichten lakonisch, aller Sentimentalität und allen Manierismen enthoben die menschlichen Tragödien und individuellen Katastrophen als das eigentlich zu Erzählende mit leichter Hand und wie im Vorübergehen.

Arie des verzweifelten Lebens

Im neuen Roman ist es, ähnlich wie im vorangegangenen, das Schicksal der Mutter, das bestimmend ist für die Erinnerung des Sohnes. Von Beginn an umgibt sie die Aura der Verlorenheit, erweist sie sich gerade nicht als Wiedergängerin der pragmatischen, den Vorgaben der Vernunft folgenden Romanheldin Elinor aus Jane Austens Sense and Sensibility, nach deren Vorbild ihr der Vater den Namen gab. Unbeirrbar hält sie an jenem einmal empfundenen Gefühl uneingeschränkter Liebe fest, das allein ihrem Leben Ziel und Richtung gibt; gerade auch dann, als der Ehemann über der Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Hingabe an seine Sammlung antiker Grabbeigaben die lebendige Gegenwart, seine Frau, vergisst. Die erstarrt in der Vernachlässigung und verzehrt sich gleichzeitig in Sehnsucht nach erfüllter Liebe. Im selben Maß wie der Vater, der sich im angemieteten Keller zwischen antiken Tonscherben vor seiner Frau verkriecht, dem Sohn, dem Ich-Erzähler, aus dem Blick gerät, werden andere Männer für das Leben der Mutter wichtig. Mit keinem wird sie glücklich, und früh schon in der Geschichte wird der Arien schmetternde Schuster Fabrizio zum Seher der Tragödie: „Sie sind nicht mit dem Boden verbunden, Signora, Sie schweben! Und das mit einem starken Willen, einer Entschiedenheit, die Sie gegen Vernunft und Warnungen taub machen. Sie werden es nicht bemerken […], wenn Sie vorm Abgrund stehen.“ Davon will Elinor nichts wissen, bittet Fabrizio stattdessen, eine Arie zu singen: „Disperato morirò! Verzweifelt werde ich sterben!“ Später wird der Sohn aus der Plattensammlung seiner Mutter eine zerkratzte Aufnahme dieser Arie wieder und wieder hören. Da ist sie längst ertrunken im Hochwasser führenden Tiber. Dass es Selbstmord war, können wir vermuten. Gewissheit gibt es keine.

Die Wahrheit der Erinnerung

Was also tun, wenn einen die Zumutung des Lebens lähmt statt befördert, in die Knie zwingt statt animiert? Sich zu erinnern scheint nicht zuletzt in Koneffkes Romanen ein probates Mittel, der Konfusion des Gegenwärtigen mit der Überschaubarkeit des Vergangenen zu Leibe zu rücken. Letztere ist allerdings nicht voraussetzungslos zu haben, sondern stellt sich ein – so lehren es das Leben und die Literatur gleichermaßen – erst im ordnenden Zugriff des Erzählens. „Man muß aus seinem Leben eine Geschichte machen, um bei Verstand zu bleiben“, rät Paul Schatz im anderen Roman seinem Neffen. Und an diese Empfehlung hält sich auch noch der Ich-Erzähler im neuen Buch. Ob das, was er in der Erzählgegenwart erinnert, den Ereignissen entspricht, die ein Vierteljahrhundert zurück liegen, vermag er selbst nicht zu sagen: „Ob das mit der Eisenplatte stimmte? Mag sein, ich reimte mir das als Kind aus seinen Bemerkungen zusammen“, heißt es an einer Stelle; und an einer anderen: „Wer weiß, wann ich diese Geschichte erfuhr.“ Der Relevanz des Erzählten tut diese Unsicherheit des Gedächtnisses ohnehin keinen Abbruch. Denn die Erinnerung hat vorrangig anderes zu leisten, als die Authentizität des Geschehenen zu verbürgen. Im richtigen Leben wie im Roman stiftet sie eine narrative Wahrheit, die dem Ich-Erzähler Sebastian Wieland die Versöhnung mit einem Leben erlaubt, in dem die Eltern mit ihren eigenen Ansprüchen, Hoffnungen und Erwartungen gescheitert sind.

Schade nur, dass Koneffke ganz am Ende seines spannenden Romans offenbar das Vertrauen in die eigene Geschichte verliert und ihr jene Wahrheit austreibt, die er einer seiner Figuren in den Mund legt: „Kannst du mir sagen, was ich als Historiker mit der Vergangenheit am Hut habe? Die ist nichts als chaotisches Material, grauer Stoff, den wir unserem Verstand einverleiben, bis es halbwegs plausibel und logisch klingt. Und was ist an der Geschichte plausibel? Was ist an einem Lebenslauf logisch? Absolut nichts!“ Nichts veranschaulicht der Roman besser als die Transformation der vielgesichtigen Vergangenheit in eine narrative Ordnung, die erst recht das bisweilen chaotische Leben bezeugt und im poetischen Ausdruck sinnfällig macht. Deshalb hätte es der nachgereichten Logik gerade nicht bedurft, die am Schluss noch alles mit allem verknüpft, alle Figuren miteinander in Beziehung setzt und Erklärungen und Auflösungen abliefert, nach denen die innere Logik des Erzählten überhaupt nicht verlangt, ja die sie geradezu unterläuft.
Etwas weniger an konstruierter Plausibilität hätte dem Roman nicht geschadet. Genützt aber hätten ihm Figuren, die irgendwann gelernt haben zu brüllen, zu schreien, zu plärren, meinetwegen auch zu heulen. Denn dies trübt das Vergnügen an der Opulenz der Szenen, dass bei jeder sich bietenden Gelegenheit gekreischt wird. Gleich zu Beginn „kreischt“ zunächst der Vater beim Anblick der Servianischen Stadtmauer und der Diokletiansthermen, und unmittelbar darauf „kreischt“ die Straßenbahn im Gleis. Ein nervtötender Ton, der bis zum Ende des Buches nicht mehr abreißt.

Für Sebastian Wieland aber hat sich der Blick zurück gelohnt. Er muss das chaotische Leben nicht länger mit der verstaubten und einer toten Vergangenheit verpflichteten Ordnung des Dahlemer Archäologischen Instituts bändigen. Die Erinnerung wird ihm am Ende nicht nur zum Trost, sondern verhilft ihm zur Rückkehr dorthin, wo ihm das gelebte Leben wohl einmal schon Zumutung, aber immer auch Inspiration war: In die Stadt am Tiber.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin