1.) - 2.)
Eine Liebe
am Tiber.
Roman von Jan
Koneffke (2004, DuMont).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:
Wer überlebt, hat Recht
Unordnung und Herzenswärme: Jan Koneffke
lässt die siebziger Jahre in Rom auferstehen
Fellinische Figuren
War in Jan Koneffkes letztem Roman (Paul
Schatz im Uhrenkasten, 2000) der heranwachsende Paul eher ein magischer
Vermittler zwischen Phantasiewelt und beklemmender Realität im Berlin der
dreißiger Jahre, so erlebt Sebastian im Rom der Siebziger vor einem
hysterischen politischen Hintergrund eine Familientragödie, die um so
schrecklicher ist, als sie gleichzeitig überflüssig und zwangsläufig scheint:
aus den in der deutschen Kleinstadt wohlgepflegten Vorlieben und Hobbys werden,
von den vitalen Kräften der Stadt unendlich beschleunigt, allesverschlingende
Leidenschaften und Süchte, in denen die Eltern sprach- und hilflos versinken.
Unmittelbar und direkt schildert Sebastian diesen Niedergang; und der Reigen
fellinischer Figuren, der ihn umtanzt, leuchtet seine Tragik grell aus: Da gibt
es den Anarchisten Luca, der aus einem bitterarmen Dorf stammt und in den die
Mutter sich wegen seiner Geschichten vom archaischen Leben verliebt; Frangipane,
den adligen Aussteiger, der in einem bizarren Amt vor sich hin dümpelt und Luca
bemuttert; und den Hausbesitzer Sassolino, großmäuliges Muttersöhnchen und
skrupellosen Geschäftemacher, der den biederen Vater zum Grabräuber abrichtet.
Wilde Geschichten also, die nicht nur stark und kontrastreich erzählt sind,
sondern auch so schnell und in solcher Fülle aufeinander folgen, dass dem Leser
ganz schwindlig wird. Dieses Erzählen hat sich den hektischen Bewegungen der
Stadt unterworfen, und am Ende des Romans scheinen die Handlungsfäden wild
auszuschlagen - entsprechend unglaubwürdig fällt der Schluss aus, der zu allem
Überfluss noch ein ungesühntes Kriegsverbrechen aufbietet.
Aber trotz der stellenweise dick aufgetragenen Dramatik sind die beiden Protagonisten in ihrer verletzlichen, verzweifelten Widersprüchlichkeit äußerst sympathisch. Wie Ludwig Wieland vom idealistischen und begabten, von seinen Kindern heißgeliebten Dorflehrer zum Einsiedler wird, der in seinem vollgestopften Wohnwagen alle Reliquien eines unruhigen Lebens mit sich schleppt und von Frau zu Frau flieht, ist großartig prägnant und mit genauem Gespür für Details erzählt. Überhaupt ist dieser Autor ein Meister der grellen und grotesken, aber auch der melancholischen und leisen Bilder. Er lockt seinen Helden so unbeirrbar und nachdrücklich, Bild für Bild, aus seinem gruftigen Institutskeller zurück in die Stadt am Tiber, zu Unordnung und Herzenswärme - dass wir ihm sofort folgen würden.
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2.)
Das Chaos des Lebens und die Ordnung des Erzählens
Die Ewige Stadt als Bühne für einen Tanz mit der Vergangenheit. In Jan Koneffkes Roman Eine Liebe am Tiber wird der Topos von der Italien-Sehnsucht der Deutschen zum Anstoß für die Erinnerung.
Rom 1968, und Berlin, ein Vierteljahrhundert später.
Das pulsierende, laute Leben damals und die stille Stagnation der Existenz
jetzt. Sebastian Wieland, Assistent am Archäologischen Institut in
Berlin-Dahlem, wo er sich im staubigen Dienstzimmer vor Institutsklatsch und
einer unvollendeten Habilitationsschrift verbirgt, flüchtet vor der lähmenden
Gegenwart in die Erinnerung an eine bewegte Vergangenheit in der Ewigen Stadt.
Als Elfjähriger übersiedelte er gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester und
seiner Mutter aus Deutschland kommend dorthin. Der von unstillbarer
Italien-Sehnsucht erfüllte Vater Ludwig Wieland war seiner Familie mit
Winckelmann, Gregorovius und Goethe im Gepäck bereits vorausgereist, um sich
der verherrlichten Antike nicht länger nur ideell, sondern endlich auch
leibhaftig zu ergeben.
Vergessene Modelleisenbahn
In der Erinnerung, angestoßen durch den Tod des Vaters, werden dem Ich-Erzähler
die Jahre in Rom bis zur Rückkehr nach Deutschland im Herbst 1972 zu einer
turbulenten Szenenfolge des reichen Lebens in einer zunächst beängstigend
fremden, bald aber herausfordernden Umgebung, die das anfängliche Heimweh nach
deutschem Kinderzimmer samt Modelleisenbahn bald vergessen macht. Die bleibt
unausgepackt im Umzugskarton, denn der Ich-Erzähler entdeckt anderes,
Aufregenderes für sich: den ausladenden Busen der Signora Beatrice etwa, dessen
Düfte er nach einmal überwundener Befangenheit so gerne atmet; den
anarchistischen Studenten Luca, der der Mutter Sebastians verblüffend
effektiven Italienisch-Unterricht erteilt; und Lili, die Tochter der römischen
Nachbarn, die Sebastian lange Zeit mit der Verachtung und dem Hochmut der um
zwei Jahre Älteren straft, bis er ihr Interesse weckt mit einem zwar
unverstandenen, aber umso wirksameren Vortrag über die Vorzüge der freien
Liebe.
Koneffkes Roman ist gespickt mit einer Vielzahl atmosphärisch dichter und
ereignisreicher kleiner Erzählungen, die oftmals bis ins Detail die Lust des
Autors am ausschweifenden Fabulieren bezeugen. Es sind vor allem diese Erzählminiaturen,
die liebevoll nicht nur einen Reigen personal prägnanter Figuren etablieren,
sondern auch ein lebendiges Stimmungsbild der italienischen Hauptstadt in den
politisch turbulenten Jahren um 1970 entstehen lassen. Darin ähnelt Eine Liebe
am Tiber Koneffkes Roman Paul Schatz im Uhrenkasten aus dem Jahr 2000. Dort ist
es das Berliner Scheunenviertel der dreißiger Jahre mit seinen skurrilen
Bewohnern, das in unzähligen Episoden anschaulich wird. Und hier wie dort
platziert Koneffke inmitten all der haltlos wuchernden Geschichten lakonisch,
aller Sentimentalität und allen Manierismen enthoben die menschlichen Tragödien
und individuellen Katastrophen als das eigentlich zu Erzählende mit leichter
Hand und wie im Vorübergehen.
Arie des verzweifelten Lebens
Im neuen Roman ist es, ähnlich wie im vorangegangenen, das Schicksal der
Mutter, das bestimmend ist für die Erinnerung des Sohnes. Von Beginn an umgibt
sie die Aura der Verlorenheit, erweist sie sich gerade nicht als Wiedergängerin
der pragmatischen, den Vorgaben der Vernunft folgenden Romanheldin Elinor aus
Jane Austens Sense and Sensibility, nach deren Vorbild ihr der Vater den Namen
gab. Unbeirrbar hält sie an jenem einmal empfundenen Gefühl uneingeschränkter
Liebe fest, das allein ihrem Leben Ziel und Richtung gibt; gerade auch dann, als
der Ehemann über der Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Hingabe an
seine Sammlung antiker Grabbeigaben die lebendige Gegenwart, seine Frau,
vergisst. Die erstarrt in der Vernachlässigung und verzehrt sich gleichzeitig
in Sehnsucht nach erfüllter Liebe. Im selben Maß wie der Vater, der sich im
angemieteten Keller zwischen antiken Tonscherben vor seiner Frau verkriecht, dem
Sohn, dem Ich-Erzähler, aus dem Blick gerät, werden andere Männer für das
Leben der Mutter wichtig. Mit keinem wird sie glücklich, und früh schon in der
Geschichte wird der Arien schmetternde Schuster Fabrizio zum Seher der Tragödie:
„Sie sind nicht mit dem Boden verbunden, Signora, Sie schweben! Und das mit
einem starken Willen, einer Entschiedenheit, die Sie gegen Vernunft und
Warnungen taub machen. Sie werden es nicht bemerken […], wenn Sie vorm Abgrund
stehen.“ Davon will Elinor nichts wissen, bittet Fabrizio stattdessen, eine
Arie zu singen: „Disperato morirò! Verzweifelt werde ich sterben!“ Später
wird der Sohn aus der Plattensammlung seiner Mutter eine zerkratzte Aufnahme
dieser Arie wieder und wieder hören. Da ist sie längst ertrunken im Hochwasser
führenden Tiber. Dass es Selbstmord war, können wir vermuten. Gewissheit gibt
es keine.
Die Wahrheit der Erinnerung
Was also tun, wenn einen die Zumutung des Lebens lähmt statt befördert, in die
Knie zwingt statt animiert? Sich zu erinnern scheint nicht zuletzt in Koneffkes
Romanen ein probates Mittel, der Konfusion des Gegenwärtigen mit der Überschaubarkeit
des Vergangenen zu Leibe zu rücken. Letztere ist allerdings nicht
voraussetzungslos zu haben, sondern stellt sich ein – so lehren es das Leben
und die Literatur gleichermaßen – erst im ordnenden Zugriff des Erzählens.
„Man muß aus seinem Leben eine Geschichte machen, um bei Verstand zu
bleiben“, rät Paul Schatz im anderen Roman seinem Neffen. Und an diese
Empfehlung hält sich auch noch der Ich-Erzähler im neuen Buch. Ob das, was er
in der Erzählgegenwart erinnert, den Ereignissen entspricht, die ein
Vierteljahrhundert zurück liegen, vermag er selbst nicht zu sagen: „Ob das
mit der Eisenplatte stimmte? Mag sein, ich reimte mir das als Kind aus seinen
Bemerkungen zusammen“, heißt es an einer Stelle; und an einer anderen: „Wer
weiß, wann ich diese Geschichte erfuhr.“ Der Relevanz des Erzählten tut
diese Unsicherheit des Gedächtnisses ohnehin keinen Abbruch. Denn die
Erinnerung hat vorrangig anderes zu leisten, als die Authentizität des
Geschehenen zu verbürgen. Im richtigen Leben wie im Roman stiftet sie eine
narrative Wahrheit, die dem Ich-Erzähler Sebastian Wieland die Versöhnung mit
einem Leben erlaubt, in dem die Eltern mit ihren eigenen Ansprüchen, Hoffnungen
und Erwartungen gescheitert sind.
Schade nur, dass Koneffke ganz am Ende seines spannenden Romans offenbar das
Vertrauen in die eigene Geschichte verliert und ihr jene Wahrheit austreibt, die
er einer seiner Figuren in den Mund legt: „Kannst du mir sagen, was ich als
Historiker mit der Vergangenheit am Hut habe? Die ist nichts als chaotisches
Material, grauer Stoff, den wir unserem Verstand einverleiben, bis es halbwegs
plausibel und logisch klingt. Und was ist an der Geschichte plausibel? Was ist
an einem Lebenslauf logisch? Absolut nichts!“ Nichts veranschaulicht der Roman
besser als die Transformation der vielgesichtigen Vergangenheit in eine
narrative Ordnung, die erst recht das bisweilen chaotische Leben bezeugt und im
poetischen Ausdruck sinnfällig macht. Deshalb hätte es der nachgereichten
Logik gerade nicht bedurft, die am Schluss noch alles mit allem verknüpft, alle
Figuren miteinander in Beziehung setzt und Erklärungen und Auflösungen
abliefert, nach denen die innere Logik des Erzählten überhaupt nicht verlangt,
ja die sie geradezu unterläuft.
Etwas weniger an konstruierter Plausibilität hätte dem Roman nicht geschadet.
Genützt aber hätten ihm Figuren, die irgendwann gelernt haben zu brüllen, zu
schreien, zu plärren, meinetwegen auch zu heulen. Denn dies trübt das Vergnügen
an der Opulenz der Szenen, dass bei jeder sich bietenden Gelegenheit gekreischt
wird. Gleich zu Beginn „kreischt“ zunächst der Vater beim Anblick der
Servianischen Stadtmauer und der Diokletiansthermen, und unmittelbar darauf
„kreischt“ die Straßenbahn im Gleis. Ein nervtötender Ton, der bis zum
Ende des Buches nicht mehr abreißt.
Für Sebastian Wieland aber hat sich der Blick zurück gelohnt. Er muss das
chaotische Leben nicht länger mit der verstaubten und einer toten Vergangenheit
verpflichteten Ordnung des Dahlemer Archäologischen Instituts bändigen. Die
Erinnerung wird ihm am Ende nicht nur zum Trost, sondern verhilft ihm zur Rückkehr
dorthin, wo ihm das gelebte Leben wohl einmal schon Zumutung, aber immer auch
Inspiration war: In die Stadt am Tiber.
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