Eine Liebe ohne Widerstand von Gilles Rozier, 2003, DuMont1.) - 4.)

Eine Liebe ohne Widerstand.
Roman von Gilles Rozier (2003, DuMont -
Übertragung Claudia Steinitz).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 26.2.2004:

Bilder aus der Provinz
Gilles Rozier: "Eine Liebe ohne Widerstand"

"Zurzeit spreche ich Jiddisch, ich habe das Deutsche verlernt, um die Sprache von Moyshe, meines in Auschwitz ermordeten Großvaters, zu lernen. Dennoch spreche ich die Sprache von Goethe und Goebbels gut. Mein Großvater väterlicherseits war Deutschlehrer." - Gilles Rozier, der exzellente Kenner deutscher Literatur, ist Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris.

Und er ist der Autor des soeben erschienenen kleinen Romans "Eine Liebe ohne Widerstand". Ein Buch, das im vergangenen Jahr in Frankreich gewisse Furore gemacht hat. Denn hier wird ein Thema aufgegriffen, das im Land der Résistance lange als Tabu galt: das Fraternisieren französischer Frauen mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs.

Gilles Rozier bindet die Geschichte, die in den 40er-Jahren in einer französischen Kleinstadt spielt, in einen aktuellen Rahmen. Der Ich-Erzähler lädt sozusagen den Leser zum Tee und "zeigt" ihm ein Familienfoto: die Mutter, seine Schwestern Isabelle und Anne und natürlich er selbst.

Fotograf der Aufnahme, klärt uns der Erzähler auf, war Volker Hammerschimmel, ein deutscher SS-Mann, der Liebhaber Annes. Der ging ein und aus in dem Haus, in dem die Familie damals wohnte, in dem die resolute Mutter das Regiment führte, die aber eisern dazu schwieg und darüber hinweg sah, dass sich ihre liebestolle Tochter Anne mehrfach am Tag dem Deutschen hingab, dass die Wände wackelten.

"Sie glich ihrem Land: leicht zu haben", urteilt der Autor und Ich-Erzähler, und es liegt auch Mitleid in diesem Satz. So wie überhaupt die Grundstimmung des Romans nicht Hass oder Verachtung sind, sondern Liebe und Erbarmen in einer erbärmlichen Welt. Das wird gleich zu Beginn des Romans vermittelt, wenn der Leser erfährt, dass nach der Befreiung wegen Einlassung mit dem Feind die nackte Anne mitten auf der Straße geschoren und unter dem Beifall der Menge vom Nachbarn vergewaltigt wurde.

Die Geschichte, die Gilles Rozier nun zu erzählen beginnt, indem er eintaucht in die Erinnerung an jene Kriegsjahre, ist so unglaublich kolportagehaft, wie es nur das Leben selbst sein kann. Auf der einen Seite die schändliche, vaterlandslose Leidenschaft seiner Schwester zum SS-Mann Volker; auf der anderen der Ich-Erzähler selbst, der ja auch geprägt ist durch eine deutsche Liebe: "Ich unterrichte Deutsch, ein schöner Beruf. . .

Ich liebte die deutsche Literatur." Und er liebte einen polnischen Juden, den schönen jungen Schneider Hermann, den er vor dem Abtransport ins Vernichtungslager retten kann. Im Keller des Elternhauses, hinter der Bibliothek der verbotenen Bücher, hinter Lessing, Heine, Thomas Mann, fristet der Flüchtling eineinhalb Jahre lang die öden, einsamen Tage und genießt in höchster Lust zusammen mit seinem Retter die Nächte, diesen sich immer wiederholenden Tanz auf dem Vulkan.

So malen diese Erinnerungen nicht nur ein ungeschöntes Bild von der französischen Provinz jener Zeit, von Anpassung, Judenhass und Kollaboration sowie von der Schwierigkeit oder auch dem glücklichen Zufall, dennoch ein anständiger Mensch geblieben zu sein. Dieser Roman ist auch das anrührende Denkmal einer Liebe, an deren Ende der Tod stand.

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Eine Liebe ohne Widerstand von Gilles Rozier, 2003, DuMont2.)

Eine Liebe ohne Widerstand.
Roman von Gilles Rozier (2003, DuMont -
Übertragung Claudia Steinitz).
Besprechung von Martina Meister aus der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:

Wackelnder Leuchter
Wie Frankreich: Gilles Roziers Liebesakteure sind keine Helden

In dieses Buch gerät man hinein wie in ein Familienfoto: ohne Umwege. Der Ich-Erzähler breitet es gleich zu Beginn vor dem inneren Auge des Lesers aus: Alle, fast alle sind darauf versammelt. Die Dicke in der Mitte, das ist die Mutter. Ihr zur Linken steht Tochter Isabelle mit Familie. Die andere, zur Rechten, ist Anne. Ohne Ehemann. Auch der Vater fehlt. Er ist "der große Abwesende dieses Krieges". Annes Mann ist zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits von der Résistance liquidiert worden. Aber sie hat ihre ganz eigene Art zu trauern: "Sie findet es herrlich, den Feind in sich eindringen zu lassen". Der Kristallleuchter wackelt unter ihrer deutsch-französischen Kopulation, sie schreit laut ihre Lust heraus. Der Ich-Erzähler formuliert es so: "Sie glich ihrem Land: leicht zu haben".

Der Feind, das war in diesem Fall Volker Hammerschimmel. Ein Deutscher, ein Soldat, einer von der SS. Auf dem Foto ist er nicht zu sehen, weil er es war, der es geschossen hat. Und dann muss da natürlich noch der Ich-Erzähler erwähnt werden: "Das bin ich", sagt er lakonisch, weil er uns mehr offensichtlich gar nicht verraten will, weil er uns neugierige Leser vor allem über eines im Unklaren lassen will: über sein Geschlecht. Sind es drei Schwestern, die auf diesem Familienfoto posieren? Oder doch zwei Schwestern und ein Bruder? Hier schon verlässt der Autor die Parallelwelt der Bilder und überlässt den Leser dem Reich der Literatur, die ihre Wahrheit dort entfaltet, wo sich die Wirklichkeit der Plausibilität des Lichtbildes verweigert, wo sie rätselhaft und verschwommen bleibt.

Nun müsste das Geschlecht des Erzählers nicht unbedingt interessieren, wenn es hier nicht um Eine Liebe ohne Widerstand ginge, um eine heimliche Liebe in einem Erdloch, eine Liebe zwischen einem französischen Kollaborateur, männlichen oder weiblichen Geschlechts, und einem verfolgten Juden, zu deren einzigem Augenzeugen der Leser wird. Zugegeben, das klingt nicht nach einer sehr originellen Konstellation. Aber es ist die Machart des Romans, die besticht. Denn der Leser will Bilder finden für diese unerhörte Liebe, damals in Frankreich zu Zeiten der deutschen Okkupation. Er will sich eine Vorstellung von ihm oder ihr machen können. Und deshalb wird er wie im Kriminalroman unweigerlich zum Spurensucher; er wird Ausschau halten nach den kleinen Fehlern, die den Täter verraten, nach den grammatikalischen Indizien, die den Erzähler entlarven könnten. Dummerweise ist dieser Fehler nicht dem Autor, sondern der Übersetzerin unterlaufen. Gilles Rozier wird an keiner Stelle verraten, ob hier eine Frau erzählt oder ein Mann. Er wird nur behutsam die Hinweise verdichten, dass die Liebesgeschichte, die er erzählt, eine zwischen Männern ist. Er erzählt sie, das macht die schlichte Eleganz dieses Romans aus, wie die Liebe selbst: sonderbar, rätselhaft und letztlich unentzifferbar.

In eben dieser Grauzone der Liebe hat er seinen Ich-Erzähler auch als Menschen angesiedelt. Er ist Deutschlehrer in der französischen Provinz. Menschen seiner Sorte machen die große Masse aus: Mitläufer. Sie gehen nicht in den Widerstand, sind aber auch keine überzeugten Kollaborateure. Sie opponieren höchstens im ganz Kleinen, gehorchen, wenn auch widerwillig. Sie sind niemals das Sandkorn im Räderwerk.

Der Ich-Erzähler liebt die deutsche Sprache, er lebt in der deutschen Literatur. Sein ganzer Widerstand besteht darin, auf Thomas Mann nicht verzichten zu wollen und eine kleine Geheimbibliothek im Keller einzurichten. Als er eines Tages von der Gestapo vorgeladen wird, geschieht das nicht etwa, weil er etwas Verbotenes getan hätte, sondern weil man dort seine Übersetzerdienste benötigt. Er hat nicht den Mut, sie zu verweigern und wird alle Juden der Stadt durch die Flure der Gestapo defilieren und hinter schweren Türen verschwinden sehen. Er wird auch dabei zuschauen, tatenlos, wie die als Kind schon geliebte Madame Bloch verschwindet. Und mit ihr eine Mutterfigur, denn die Kurzwarenhändlerin, die Baumwolle und Garne verkaufte, aber vor allem Küsse und Zuneigung verteilte, gab dem Ich-Erzähler jenen "körperlichen Kontakt", den man ihm "zu Hause versagte".

Es ist folglich keine Heldentat, wenn er eines Tages Herman, den Warschauer Juden mit den schönen blauen Augen, rettet. Sein Mut verdankt sich in diesem Augenblick eher einem plötzlichen, sehr körperlichen Verlangen. Er rettet Hermans Haut, weil er sie berühren will. Zwei Jahre, drei Monate und zwanzig Tage wird er Herman im Erdloch im Keller verstecken, hinter der Wand mit Thomas Mann und Heinrich Heine. Zwei Jahre, drei Monate und zwanzig Tage wird er seine Essensration mit ihm teilen, seinen Nachttopf lehren, wird er deutsche Bücher mit ihm lesen, wird er Herman sein Herzensbuch besorgen, Heines Gedichte auf Jiddisch, das der selbst versteckt hatte in seinem Untermietszimmer im Haus der Mutter einer Schülerin seines Retters. Der wird dieses Buch wiederbringen, auf den Knien seines Herzens. Und die Zuneigung wird umschlagen in Leidenschaft: "Ich ließ mich verschlingen, weil es sein musste. Ich war ein lebendiges Wesen. Endlich."

Eine Leiche im Keller

Die Liebe ohne Widerstand, sie findet in diesem Buch auf allen Ebenen, in allen Etagen statt: In der Belle Etage lässt sich Schwester Anne lauthals vom Feind vögeln, während unten, im Kellerloch, ein Jude und ein Kollaborateur ihre Lustschreie in Lumpen, Stroh und feuchter Erde ersticken. Es sind Eros und Thanatos, die in diesem Haus unter einem Dach wohnen. Denn die Lust ist in beiden Fällen nur das Vorspiel auf den Tod: Der Ich-Erzähler wird den SS-Soldaten erstechen und im Keller verbuddeln. Herman wiederum wird es mit diesem Toten unter seinen Füßen nicht lange aushalten. In Volkers Uniform wird er sich wieder in die Welt hinaus wagen - eine Verkleidung, die ihm zum Verhängnis wird: Herman, der Jude aus Warschau, erfolgreich versteckt zwei Jahre, drei Monate und 20 Tage, wird kurz vor der Befreiung Frankreichs erschossen - liquidiert von der Résistance: als Nazi.

Rozier erzählt diese Geschichte schnörkellos und lakonisch, zugleich zärtlich und voller Humor. Es ist die Liebeserklärung eines namenlosen Ich-Erzählers an einen Juden, von dem nur der Name bleibt. Es ist aber auch die Liebeserklärung des Autors an das Jiddische, an die Sprache seines in Auschwitz ermordeten Großvaters, die Rozier in Jerusalem gelernt hat und für die er sich heute einsetzt als Direktor des Pariser Hauses für jiddische Kultur, das die größte jiddische Bibliothek Europas beherbergt.

Im Roman wird diese Sprache, die man für "verfälschtes Deutsch" hätte halten können, zur Sprache der Liebe. Sie sprengt die Grenzen zwischen Täter und Opfer, zwischen Kollaborateur und Widerständler, zwischen Liebe und Tod. Es ist eine Art mystische Union in und durch die Sprachen, die sich offiziell Feind waren. So wohnt diesem Buch eine schwache messianische Kraft inne: Als habe Rozier die jiddischen Wörter, die plötzlich auftauchten "wie Flaschenteufel" aus einer anderen Zeit, aus der Vergessenheit in die Gegenwart hinüber retten wollen. Und mit der sterbenden Sprache ihre gestorbenen Sprecher. Als leiste die Liebe niemals Widerstand. Nicht einmal der Zeit.

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Eine Liebe ohne Widerstand von Gilles Rozier, 2003, DuMont3.)

Eine Liebe ohne Widerstand.
Roman von Gilles Rozier (2003, DuMont -
Übertragung Claudia Steinitz).
Besprechung von Steffen Richter in Neue Zürcher Zeitung vom 27.04.2004:

Liebe und Kollaboration
Gilles Rozier erzählt von Grauzonen

Am Ende der Liebe wird der französischsprachige Partner mit deutschem Akzent Jiddisch sprechen. Und die Überlagerung der sprachlichen Codes wird die politischen und emotionalen Verwerfungen spiegeln, an denen das 20. Jahrhundert so reich war. Das Jiddische speist sich aus dem Hebräischen und dem Deutschen, aus Einflüssen romanischer und slawischer Sprachen. Es gilt als umgangssprachliches Pendant zur hebräischen Hochsprache. Dass es auch zur Sprache der Liebe taugt, zeigt Gilles Rozier, Schriftsteller und Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris.

Doch natürlich geht es bei Rozier um viel mehr. Er schreibt die Facetten einer Geschichte aus, die sich Frankreich seit etwa einem Jahrzehnt erzählt: die vom bröckelnden Mythos der Résistance. Und die von der Kollaboration in den années noires zwischen 1940 und 1944. Der da erzählt, beugt sich im Alter über sein Leben. Doch schon hier beginnen die Ambivalenzen zu schillern. Das Geschlecht des Erzählers nämlich wird vorsätzlich verrätselt. Ein Mann oder eine Frau könnte die Figur sein, die in den vierziger Jahren in der französischen Provinz Deutsch unterrichtete. Ganz ohne Heldenmut. Während Schüler von der Besatzungsmacht verhaftet und erschossen werden, wird «Wandrers Nachtlied» deklamiert: «Der du von dem Himmel bist / Alles Leid und Schmerzen stillst . . .» Die Lektüre ist ein Schutzraum, Thomas Mann ein Hausgott. Nur manchmal irritiert die Ungeheuerlichkeit, die Goethe und Goebbels in der gemeinsamen Muttersprache vereint.

Die «winzige Kollaboration» des Erzählers - Übersetzungen für die Besatzer - wiegt leicht im Vergleich zur Schwester, die sich mehrmals täglich einem SS-Mann hingibt. Alles wird anders, als der Jude Herman ins Spiel kommt. Gerettet vor dem Abtransport durch die Gestapo, wird er im Keller des elterlichen Hauses versteckt. Für zwei Jahre, drei Monate und zwei Wochen teilt der Schneider aus Warschau den finsteren Raum mit Büchern, die vor den Nazis in Sicherheit gebrachten wurden: Heine, Horváth, Werfel, Schnitzler. Doch Roziers Lehrer (oder Lehrerin) wird auch jetzt nicht zum Heroen des Maquis. Das Motiv ist so menschlich wie egoistisch: Liebe; ob homo- oder heterosexuell, sei dahingestellt. Die Front zwischen beherzten Widerständlern und verwerflichen Kollaborateuren jedenfalls ist durchlässig. «Das war nicht leicht zu erklären, nach der Befreiung, der SS-Mann im Obergeschoss und der Jude im Keller.» Nicht leicht zu erklären ist auch die Diskrepanz zwischen der Rettungstat und den anfänglich dennoch wirkenden Ressentiments gegen Hermans Anderssein, seine religiösen Rituale, die hebräischen Schriftzeichen. Gerettet wird zwar auch ein Jude, vor allem aber ein abgöttisch Geliebter...Fortsetzung

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Eine Liebe ohne Widerstand von Gilles Rozier, 2003, DuMont4.)

Eine Liebe ohne Widerstand.
Roman von Gilles Rozier (2003, DuMont -
Übertragung Claudia Steinitz).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 24.06.2004:

Keine schönere Sumpfblume

Um es gleich zu sagen: Ob das erzählende Ich dieses Romans männlich oder weiblich ist, lässt sich bis zur letzten Zeile nicht eindeutig feststellen, jeder kann sich das Seine denken. Dies ist sowohl beabsichtigt als auch unbedeutend oder auch bedeutungsschwer. Wie man will. Aber davon mal abgesehen: Der - oder die - erzählt, hat Sinn fürs Musische: „Wenn ich Ihnen erzählen soll, legen Sie Schumann auf, Musik wird meine Erinnerungen wachrufen. Die Lieder...". Doch ob mit oder ohne Musik: Die Erinnerungen, die sich aus sechzigjähriger Rückschau zur Generalbeichte zusammendrängen, sind zunächst einmal wenig erhaben. Unvermittelt und unverblümt kommt etwa zur Sprache, wie Anne, die eine der beiden Schwestern, es herrlich fand, tagtäglich „den Feind in sich eindringen zu lassen" - gemeint ist der SS-Mann Volker Hammerschimmel - und wie sie somit dem Land glich: „leicht zu haben". Durch solche sehr reelle Niederungen waten denn auch eine Weile die Erinnerungen an das französische Vaterland zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, das insgesamt nur sehr bedingt vom Geist des Widerstandes beseelt war: „Die Résistance organisierte sich, aber das betraf mich nicht. Ich war weder jüdisch noch hing ich dem Kommunismus an. Mein Patriotismus war wie bei den meisten: flau". Wäre eine solche Beichte einige Jahrzehnte früher abgelegt worden, als das Land nur eine Wahrheit duldete, „die der Helden, der Sieger, der Widerstandskämpfer der ersten Stunde, die niemals so viele Anhänger hatten wie 1945", so hätte sie wahrscheinlich für böses Blut gesorgt. Wer sich an Heiligenbildern vergriff, kam nicht so leicht ungeschoren davon. Seither ist aber Zeit ins Land gegangen, und mit sechzigjährigem Abstand lässt sich über die damaligen Zeitläufte relativ ungestraft reden. Werden mit dieser Beichte also nur Erinnerungen wieder aufgefrischt und -getischt, die einer z.T. unrühmlichen Vergangenheit gelten und die niemanden mehr so recht interessieren, weil sie Sumpfiges, wenig Erkleckliches und doch langsam sattsam Bekanntes verbreiten? Eine durch und durch miese Geschichte also? Eben nicht. Denn je sumpfiger die Gegend, desto größer die Chance, auch mal eine Sumpfblume zu finden, die, unabhängig von ihrem Ursprung, diesmal wirklich und wahrhaftig erhaben ist. Und siehe da: Solch eine Blume entwächst tatsächlich den damaligen, ach! so argen und unglückseligen Verhältnissen, um die Form einer leidenschaftlichen, bis zur bitteren Neige ausgekosteten Liebe anzunehmen. Der Reihe nach erzählt: Der - oder die - berichtet und sich damals halbwegs gezwungen sah, sich „den Besatzern für verschiedene Übersetzungs- und Dolmetschtätigkeiten zur Verfügung" zu stellen, hat sich in einen jüdischen Häftling verguckt. Schlafwandlerisch wird ihm zur Flucht verholfen, und ohne viel zu überlegen, wird er in einem Weinkeller versteckt. Herman heißt dieser Häftling. „Herman schrieb sich mit einem n, darauf legte er großen Wert. Ich brauchte lange, ehe ich es einsah. Für mich war es ein deutscher Name. In Polen hießen viele Juden Herman. Herman war Jude". Beide entbrennen in leidenschaftlicher Liebe zueinander. Die genau zwei Jahre, drei Monate und zwei Wochen dauert. Und die sich nicht nur aus Fleischeslust, sondern auch aus Schöngeistigem nährt. „Herman las. Am Tage aß er meine Bücher, und mich verschlang er bei Nacht". Eine Liebe, in der die deutsche Literatur und das Jiddische keine zu knappe Rolle spielen. Und fürs Leben prägt, so dass am Ende nur noch der Wunsch und die Gewissheit zurückbleibt: „Mein Platz ist neben Herman, nirgendwo". So birgt denn auch, was sich zunächst wie eine abgeschmackte Geschichte liest, eine höhere, weniger konventionelle Dimension. Es ist die Stärke und das Verdienst des Romans, zwischen zwei gegensätzlichen Polen, zwischen sumpfigen Niederungen und strahlenden Höhenflügen, das Gleichgewicht zu halten und somit nicht ins Rührselige abzugleiten. Hierzu trägt auch der flüssige, zugleich warme und sachliche Erzählstil bei. Somit hat der Autor - keine geringe Leistung - auf vermintem Gelände einen lesenswerten, gefühlsstarken und aufwühlenden Roman hingelegt. Der u.a. nach dem Geschmack von Heinrich Heines Liebhaber/inne/n sein dürfte.

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