Eine lange Nacht.
Roman von Martin Mosebach (2000, Aufbau).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 8.3.2001:

Zwölf Nudelsorten
Martin Mosebach las aus seinem Roman "Eine lange Nacht"

Ganz schlimm muss es auch in Hofgeismar zugehen. Der Kreisveterinärrat von Hofgeismar zum Beispiel ist ein ungekrönter König, der illegale Schlachtungen in Notschlachtungen umwandeln und mit Baronen und Grafen auf die Jagd gehen darf. Wenn der Kreisveterinärrat von Hofgeismar auf einen Bauernhof kommt, um eine künstliche Befruchtung vorzunehmen, wäscht die Bäuerin der Kuh zuvor sorgfältig den Hintern, damit der Kreisveterinärrat sich nicht gar zu sehr ekeln muss bei der Befruchtung.

Erna Klobig stammt aus Hofgeismar. Jetzt wohnt sie, die mit einem "breiten, platten Mopsgesicht" geschlagen ist, im Frankfurter Bahnhofsviertel, zusammen mit ihrer Tochter Bella und Fidi Lopez, dem Schwiegersohn, der aber nun gar nichts taugt, mit Hütchenspielen die Leute übers Ohr haut und sowohl mit seinen Plänen für ein Sonnenstudio als auch in seiner Karriere als Automatenpächter kläglich gescheitert ist. Wenn Fidi wütend ist, wirft er Tassen aus dem Fenster, was Erna keine Angst macht, Bella aber wohl. Und so weiter.

Ein einziges scheinbar banales Gerede war es, was der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach bei seiner jüngsten Lesung seinen Zuhörern präsentierte. Mosebach las auf Einladung des Lions-Clubs Frankfurt-Römer im Holzhausenschlöss- chen aus seinem aktuellen Roman Eine lange Nacht. Der Erlös des Abends soll der Kinderherzstation der Uniklinik zugute kommen.

Auf liebenswerte Weise wirkt der Autor ein wenig altmodisch in seiner Cordhose, dem rustikalen Jackett und den teuren braunen Schuhen, und genau so schreibt Martin Mosebach auch: Stilsicher, gebildet und auf nicht weiter störende Weise konventionell - ein Erzähler der alten Schule eben.

Genauer zu erklären, wie und warum es seinen Protagonisten Ludwig nun gerade in die Wohnung von Erna Klobig, der Mutter seiner Sekretärin Bella, verschlagen hatte, war dem Autor zu mühsam und auch gar nicht nötig, denn das Romankapitel, das Martin Mosebach mit äußerst angenehmer Lesestimme vortrug, besaß beinahe Novellencharakter.

Das mal ungeheuerliche, mal amüsante, mal anrührende Geschwätz, das Erna Klobig von sich gibt, verdichtet Mosebach gekonnt zu einer indirekten Charakterstudie: Von Ernas Idee eines Spaghetti-Restaurants mit Namen Sacco & Vanzetti und Fotos von deren Hinrichtung an den Wänden erfahren wir, einer Gaststätte, in der in Schlachthof-Atmosphäre zwölf verschiedene Nudelsorten zur Auswahl für den Kunden auf einem Regal mitten im Raum präsentiert werden sollten. Wir hören von der deprimierenden Eckkneipe, die aus dieser Idee geworden ist, was Erna aber nicht daran hindert, trotzdem in der Aldi-Filiale 38 in der Eschersheimer Landstraße für das Sacco & Vanzetti einzukaufen, manchmal ohne zu bezahlen, weswegen sie Hausverbot hat, was sie sich aber keineswegs gefallen lässt. Oder von Bellas Vater Reinhold, den, wie Erna behauptet, nicht sie, sondern seine Doktorarbeit über die Handlungstheorie in den Tod getrieben hat: "Was passiert, wenn ich meinen Kopf in den Gasofen stecke und den Hahn aufdrehe ?" Ganz klar - das Haus explodiert.

Kein Wunder, dass Ludwig die Münchner Straße nach diesem Besuch plötzlich kurzfristig wie ein in kräftigen Farben gemaltes, wunderschönes Bild vorkommt. Die Perspektiven sind noch verschoben.

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