Eine kleine Stadt in Deutschland von John Le Carré, 2006, Klartext1.) - 2.)

Eine kleine Stadt in Deutschland.
Roman von John Le Carré (2006, Mediathek/Klartext Verlag).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 6.04.2007:

Das Knistern des Kalten Krieges in Bonn
Band 30 der NRW-Mediathek ist ein Klassiker des Thriller-Genres: John le Carre's "Kleine Stadt in Deutschland". 

Das Deutschland der Nachkriegszeit ist für John le Carre?, den Autor, der aus der Kälte kam und aus der Eiszeit zwischen West- und Ostblock Bestseller-Funken schlug, stets ein Brennglas gewesen. Hier, in dem Land, das der Eiserne Vorhang mitten entzweigeteilt hatte, liefen sich die Spione der einen wie der anderen Seite unweigerlich über den Weg, hier war die Konfrontation unvermeidbar. Und das bot die besten Voraussetzungen für den Mann, der als David John Moore Cornwell im englischen Dorset geboren wurde, seine feinen, realistischen Grau-Schattierungen der üblichen Schwarz-Weiß-Zeichnung des Agenten- und Thriller-Genres entgegenzusetzen wusste.

Und: Le Carre?, der englischer Konsul in Hamburg war, und bis 1963 als Zweiter Botschaftssekretär der Briten in Bonn arbeitete, kannte die deutsche Szenerie aus eigener Anschauung. Allerdings wussten seinerzeit nicht viele in seiner Umgebung, dass er gleichzeitig als Offizier für den britischen Geheimdienst MI6 arbeitete.

Kein Wunder also, dass auch sein Bonn-Roman "Eine kleine Stadt in Deutschland" einige intime Kenntnisse der diplomatischen und geheimdienstlichen Gepflogenheiten ausbreitet, ja mit Spott und Satire bedenkt. Man schreibt das Jahr 1968, ein unbedeutender Botschaftsangestellter verschwindet mit bedeutenden Papieren, London schickt einen Spionageabwehr-Spezialisten auf seine Spuren - und plötzlich sind beide die Gejagten.

Dass Le Carre' im Hintergrund eine gespenstische Zukunftsvision heraufbeschwört und eine nationalbolschewistische Führerfigur in Deutschland aufsteigen lässt, wo sich Neonazis mit Apo-Studenten verbrüdern, sagt viel über Ängste und Irrationalismen der Zeit - und über ein "Schreckgespenst im Unterbewusstsein Englands", wie es die Schriftstellerin Hilde Spiel seinerzeit nannte. Dass über derlei Horrorszenarien die Zeitläufte hinweggegangen sind, mindert nicht die Spannung, die "Eine kleine Stadt in Deutschland" entwickelt.

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Eine kleine Stadt in Deutschland von John Le Carré2.)

Eine kleine Stadt in Deutschland.
Interview mit John Le Carré (2006, Klartext Verlag).
Von Hendrik Bebber in den Nürnberger Nachrichten vom 2.06.2007:

«In Bonn lernte ich, wie käuflich Deutsche sind»
Interview mit Schriftsteller John Le Carré über seine Zeit beim britischen Geheimdienst und sein neues Buch

«Eine kleine Stadt in Deutschland» von John Le Carré gilt als Schlüsselroman über die «Bonner Republik», an die sich die «Berliner Republik» dieses Jahr anlässlich des 40. Todestags von Konrad Adenauer erinnert. Der Autor hat sich mittlerweile literarisch weit von Bonn entfernt. Sein letzter Roman «Geheime Melodie» handelt von der Ausbeutung des Kongo. Doch Bonn behält in Le Carrés Leben einen hohen Stellenwert. Er arbeitete hier als junger Diplomat für den britischen Geheimdienst und bekam dadurch einen besonderen Einblick in die Adenauer-Jahre. Unser England-Korrespondent traf den weltberühmten Schriftsteller zu einem seiner seltenen Interviews.

«Eine kleine Stadt in Deutschland» ist ein nebliges, tristes Kaff mit ständig geschlossenen Bahnschranken. War es wirklich so schlimm?

John Le Carré: Das Buch ist eine Fiktion. «Eine kleine Stadt in Deutschland» spielt mit der Vorstellung vom Schlimmsten, das passieren könnte. Die Alliierten teilten in den Jahren der jungen Bundesrepublik die Angst, ein kapitalistisches, rechts gerichtetes Deutschland zu unterstützen und damit die Pandorabüchse des Nazismus zu öffnen. Es gab eine ungeheure wirtschaftliche und soziale Dynamik als Ersatz für politische Freiheit. Deutschland hatte keine Souveränität außerhalb der von den USA bestimmten Vorgaben. Aber die jungen Menschen damals waren wohl ideale Demokraten.

Im Rückblick auf die Bonner Republik schwingt oft Nostalgie mit. War die Politik in Deutschland damals einfacher und überschaubarer?

Le Carré: Auf den ersten Blick schon: Es bestand eine harte Abgrenzung zwischen West- und Ostdeutschland. Auf den zweiten Blick lebte man in einer komplizierten Welt der Fantasie. Dieselben Kräfte, die diese harte Linie gezogen hatten, sprachen von der Wiedervereinigung und Gesamtdeutschland. Es war eine schizophrene Situation, so schizophren wie die junge Bundesrepublik und die DDR. Und so grotesk wie das geteilte Land war auch das politische Gehabe. Die Komödie, die die Geheimdienste dabei spielten, war schier unglaublich. Wir wussten um die Nazi-Vergangenheit Globkes und Achenbachs, und manche von uns hatten das mulmige Gefühl, dass in einem Land, in dem diese Leute politische Macht bekommen, etwas diabolisch schief gehen kann. Man muss sich diesen historischen Moment einmal vorstellen: Reinhard Gehlen zog mit seiner Organisation, die wie er zu Hitlers Abwehr an der Ostfront gehörte, in Martin Bormanns Villa in Pullach, um dort den BND aufzubauen.

Wie empfanden Sie damals Adenauer und seine Politik?

Le Carré: Wir wussten, dass er eine große Abneigung gegen uns Briten hatte. Das hing wohl auch damit zusammen, wie wir ihn behandelt hatten. Er konnte nie vergessen, dass ein idiotischer englischer Major ihn daran hinderte, seine todkranke Frau zu besuchen. Er hielt unseren Botschafter auf Distanz, während dessen französischer Kollege bei ihm ein- und ausging. Ich sah Adenauer oft auf der Autofähre über den Rhein und machte mir einen Spaß daraus, herauszufinden, welche Zeitungen er gerade las. Einmal überraschte er mich, wie ich in sein Auto starrte und schenkte mir ein amüsiertes Lächeln. Ich will nicht auf meine damalige Arbeit für den britischen Geheimdienst eingehen. Doch damals in Bonn empfand ich die geheime Welt eigentlich als die Überwelt. Es wurde viel spioniert und normale Diplomatie war der Deckmantel dafür. Es war ein gewaltiges Possenspiel. Aber letzten Endes hat es sich bei der deutschen Einheit wieder einmal gezeigt, wie völlig nutzlos dieses Spionagespiel ist. Die Mauer fiel ohne Zutun irgendwelcher Agenten, sondern durch die Macht der Menschen.

Und wie sehen Sie Deutschland seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin?....

Den vollständigen Artikel von Hendrik Bebber finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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