Eine Kindheit in Warschau von Isaac Bashevis Singer, dtvEine Kindheit in Warschau.
Erinnerungen von Isaac Bashevis Singer (
2000, dtv - Übertragung Karin Polz).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 24.02.2004:

Ein Blick zurück auf die Krochmalna

Isaac Bashevis Singer ist erst drei Jahre alt, als er mitsamt Eltern und Geschwistern von Radzymin ins nahegelegene Warschau umzieht. Hier, mitten im jüdischen Viertel, in der Krochmalna Nr.10, will der Vater einen rabbinischen Gerichtshof einrichten. Schon während der Fahrt in den neuen Wohnort kommt der kleine Junge, dessen Neugier grenzenlos ist, nicht aus dem Staunen heraus, und noch am Tage der Ankunft wird er mit einer umwerfenden Neuigkeit bekannt: Stimmen, die aus riesigen Schalltrichtern kommen. „Mein Bruder wusste auch schon, wer dies erfunden hatte: Edison in Amerika". Vom Grammophon ist die Rede. Man schreibt das Jahr 1908. In 16 Kurzgeschichten, die jede für sich gelesen werden können, schildert der spätere Nobelpreisträger das Alltagsleben und die Leute, die zu jener Zeit in der Krochmalna wohnen. Unter ihnen finden sich „Schneider, Schuster, Kürschner, Bürstenbinder und andere Handwerker", aber auch eine Unzahl „arme Ladenbesitzer oder Arbeiter (...) Gelehrte ebenso wie Tagediebe, Verbrecher, Leute aus der Unterwelt". Indes geht mitten durch die Familie Singer ein Riss, der mit der Zeit immer offener klafft: Während für den tief gläubigen Vater die Thora und der Talmud das A und O bedeuten, vertritt der elf Jahre ältere Bruder Israel Joshua, der lieber weltliche Bücher liest - auch er wurde Schriftsteller -, immer öfter „fortschrittliche Ansichten", weswegen es zwischen ihm und dem Vater zu immer größeren Spannungen kommt. Zwischen beiden vermittelt die Mutter, selbst Tochter eines Rabbiners. Doch auch sie, die als „Verstandesmensch" gilt, möchte lieber, dass Isaac Bashevis Rabbi wird, denn: „Juden werden immer Juden sein, und sie werden immer Rabbis brauchen" . Was sie wohl nicht weiß: Dass ihr Sohn zu jener Zeit, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, angefangen hat, sich „vom Glauben abzuwenden". Dies hindert ihn jedoch keinesfalls daran, jüdischen Geist in vollen Zügen aufzunehmen. Ja, welche noch so belanglose Geschichte er auch erzählen mag, Isaac B. Singer erzählt immer mit Witz und Herzenswärme und lässt erkennen, was schon in jungen Jahren den Hauptzug seines Wesens ausmacht: die Welt sowohl mit Gefühl als auch mit Geist zu begreifen - welches mit einem schier unersättlichen Drang nach Lernen einhergeht. Als der Weltkrieg 1914 ausbricht, die Russen weichen müssen und die deutsche Besatzung immer wahrscheinlicher wird, setzt er deshalb in die künftigen Besatzer originelle Erwartungen: „Wir Jungen beschlossen (...) eine deutsche Besatzung würde alle Juden in kurze Jacken stecken, und der Besuch eines Gymnasiums wäre Pflicht. Was könnte für uns schöner sein, als weltliche Schulen zu besuchen, in Uniform und mit verzierter Mütze?". Aber stattdessen herrscht in Warschau - insbesondere unter der verarmten jüdischen Bevölkerung - bald so viel Not, Elend und Hunger, dass die Mutter beschließt, mit dem jüngeren Bruder Mojsche und Isaac Bashevis ins österreichisch besetzte Bilgoraj auszuweichen, wo ihr Vater Rabbiner ist. Ihr Mann soll später nachkommen. Was Israel Joshua angeht, der jetzt Artikel und Geschichten in jiddischen Zeitungen veröffentlicht, so will er lieber in Warschau bleiben. Als die Mutter mit den zwei Kindern in Bilgoraj eintrifft, ist es indes zu spät, um ihre Eltern noch einmal lebend anzutreffen. Des weiteren erzählt Isaac Bashevis in drei abschließenden Geschichten, wie er sich mitsamt Mutter und jüngerem Bruder in Bilgoraj trotzdem erholen konnte und wie er dort auf eigene Faust, jede Menge europäische und jiddisch schreibende Autoren verschlingend, seine Bildung fortsetzte. In der letzten Geschichte wird erzählt, wie er in den dreißiger Jahren Polen verließ und in die Vereinigten Staaten aufbrach, nicht ohne zuvor einen letzten Besuch in der Krochmalna zu machen, die ihn fürs Leben geprägt hat. Isaac B. Singer erzählt schön und bewegend, ohne jemals zu beschönigen. Lehrreich ist es mitzuverfolgen, wie die gegensätzlichen Strömungen, denen er ausgesetzt war, statt ihn zu schwächen, ihn letztlich gestärkt haben. Weshalb er trotz starker Zweifel doch tief im Judentum verankert blieb. Darin weist er eine auffallende Ähnlichkeit mit seinem galizischen Zeitgenossen Manès Sperber auf, dessen autobiographischer Band „Die Wasserträger Gottes" eine empfehlenswerte Ergänzung zu Singers „Kindheit in Warschau" abgibt.

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