Eine Handvoll Datteln von Tajjib Salich, 2000, LenosEine Handvoll Datteln.
Erzählungen von Tajjib Salich (2000, Lenos Verlag - Übertragung
Regina Karachouli).
Besprechung von Ingo Arend in freitag 37 vom 9.3.2001:

Palmherz. VOM MYTHOS ZUM LOGOS
Erzählungen des Sudanesen Tajjib Salich

Noch vor wenigen Jahren war er eine lebendige Zelle im festgefügten Körper des Stammes gewesen. Als er abreiste, hinterliess er eine Lücke, die leer bliebe, bis er einmal zurückkehrte." Ein Afrikaner aus London sitzt im Kreis seiner Familie in einem kleinen Dorf im Sudan. Die Verwandten sitzen um ihn herum, trinken Tee, fragen ihn aus. Der 1929 im Nordsudan geborene Schriftsteller Tajjib Salich hat einmal als Motiv seines Schreibens die "Suche nach der verlorenen Kindheit" genannt. Ihr Drama ist, dass sie wirklich verloren ist. Denn mit einem Mal verspürt der Erzähler eine unüberbrückbare Distanz. Die Umarmung der Verwandten ist zu überschwänglich. Schließlich ist er "ihnen zutiefst dankbar, dass sie von ihm abliessen".

Die Entfremdung, der sich der Erzähler immer stärker bewusst wird, sitzt ihm förmlich am Leib. Er freut sich, dass seine Frau ihm bügelfreie Hemden, eine rote Krawatte aus der Bond-Street eingepackt hat. Salichs Erzähler schreibt während seines zwiespältigen Besuchs in der Heimat, die keine mehr ist, an seine Frau Eileen in Großbritannien. Der seiner Herkunft und Kultur Entfremdete, Liebhaber der Klassiker des Westens, fällt in die mündliche Rede seiner afrikanischen Vorfahren, um seiner Frau zu beschreiben, was er zu Hause erlebt, beschwört seine Liebe zu ihr aber zugleich in Shakespeares Versen.

Der Zusammenprall von Orient und Okzident, das Schicksal des arabischen Intellektuellen, seine Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen - auch in seinen Erzählungen variiert Tajjib Salich das Grundmotiv, für das er in seinem atemberaubenden Roman Die Zeit der Nordwanderung (Freitag 30/1998) die eindrückliche Figur des Mustafa Said schuf, der nach Jahren in Europa ein Haus am Nil mit einem englischen living room gebaut hat.

Das Werk Salichs gilt als Markstein der modernen arabischen Literatur. In seiner Heimat ist er verboten. Im Westen ist er immer noch viel zu unbekannt. Die Dattelpalme verkörpert in diesen Geschichten die verlorene Ganzheit. Sie ist die Metapher für das Leben. Wer sie pflanzt, hat Glück. Wenn der Wind durch ihre Krone streicht, sind die Menschen glücklich. Sie ist der Ursprungsmythos, auf den sich alles zurückführen lässt. "Niemand hat sie gepflanzt, mein Sohn" erklärt der unbekannte Erzähler in der Geschichte Wadd Hâmids Dumpalme einem Besucher das Leben auf dem kleinen Dorf: "Jeder neuen Generation erscheint der Baum, als sei er zur selben Zeit wie sie geboren und mit ihr zusammen aufgewachsen." Die Einwohner verteidigen den heiligen Platz, zu dem sich die Kranken schleppen, gegen die Regierung. Ein Bild zähen Beharrens gegen die wechselnden Zumutungen der schleichenden Zivilisierung.

Und ein Bild der verlorengegangenen Einheit von Mensch und Natur. "Wir sind eins mit unseren Tieren, wir erwachen, wenn sie erwachen, wir schlafen, wenn sie schlafen, und unsere Atemzüge gehen im gleichen Mass" beschreibt der Erzähler den Lebenszyklus in dem ländlichen Mikrokosmos mit seinen belebten Dingen. Tiefe, unerklärliche Scham verspürt der Erzähler in der titelgebenden Geschichte Eine Handvoll Datteln, der sich an die Ermahnung seiner Kindheit erinnert, nicht in das "Herz der Palme" zu schneiden.

Es scheint, als ob mit der zunehmenden Distanz von Salichs Protagonisten zu dem eigenen Ursprung auch die Erzählperspektive immer weiter weg rückt. Bis sie schließlich auf eine "Farbbarriere" trifft. In solchen Geschichten wandelt sich sein Stil der schlichten Schönheit zu absurder Strenge und schockierender Härte. In So, meine Herren betritt ein Farbiger eine Cocktailparty. Der innere Monolog, in dem er gleichsam hinter einem heruntergelassenen Visier erzählt, wie die Konversation mit ihm, dem attraktiven, unterschwellig aber als Ausländer abgelehnten Fremden eskaliert, zeigt die Distanz zu sich selbst und den Menschen der westlichen Zivilisation. Schließlich stehen sich zwei Lager gegenüber: "Alle Leute standen in einiger Entfernung dicht beieinander, wie zu einer einzigen Masse verschmolzen." Vom Mythos der Einheit zum Logos der Ausgrenzung. Immer wieder kreist Salich in kleinen Liebesgeschichten um die rassistischen Trennlinien. Aber auch Homi Bhabhas postkolonialer Migrant ist in seinen Wanderern zwischen Nord und Süd als Typus vorgebildet. Unbarmherzig, unsentimental registriert Salich, wie die Zelle vom Stamm fiel.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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