Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz, 2005, Suhrkamp1.) - 2.)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.
Roman von Amos Oz (2005, Suhrkamp - Übertragung Ruth Achlama).
Besprechung von Marie-Luise Bott in freitag vom 25.11.2005:

Ein Traum, der nicht wahr wurde
Zu Amoz Oz’ jüngstem Roman »Geschichte von Liebe und Finsternis«

Was also ist denn nun autobiographisch« – »und was ist erfunden?« Das fragt sich in Amoz Oz’ neuem Buch der Autor auf Seite 48 selbst. Zur Antwort zitiert er die Dichterin Rachel:
»Nur von mir selbst weiß ich zu erzählen. / Eng ist meine Welt …« Und er wünschte sich einen Leser, der nicht zwischen Text und Autor, sondern sich selbst und den Figuren »den Kern der Geschichte« suchte: »Frage dich selbst. Über dich selbst.« Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, so der Titel von Oz’ Buch, ist eine Geschichte der Familie des 1939 in Jerusalem geborenen Künstlers und eine über die Anfänge seines Landes. Reine Autobiographie also oder mehr und warum dies beides zusammen?

Elke Schmitter urteilte im Spiegel, Oz habe sich nicht entscheiden können, »was für ein Buch« er schreiben wollte: Familiengeschichte, politischer Essay oder Autobiographie eines werdenden Schriftstellers. Ja, er habe sogar vergessen, »was auf dem Weg vom Manuskript zum Buch eigentlich passieren soll«. Das ist zwar forsch geurteilt, aber durchaus kriegsblind und ästhetisch taub. Denn das Buch erzählt von einem doppelt gescheiterten Traum: dem der 1934 aus Prag nach Palästina eingewanderten Mutter, die sich 1952 mit 38 Jahren das Leben nahm; und dem des 1948 mit so viel Hoffnungen gegründeten Staates Israel, der sofort Kriegsschauplatz wurde und eben nicht »bald, in ein paar Jahren« der ganzen Welt »ein Beispiel geben« würde, »wie mustergültig wir mit unserer Minderheit, mit den Arabern, umgehen: Wir, die wir immer eine unterdrückte Minderheit gewesen sind«. Dass Amos Oz beides parallel und ineinander verschlungen erzählt, ist das ästhetisch Aufschlussreiche dieses autobiographischen Romans. Denn das Scheitern des einen Traumes hat mit dem des anderen etwas zu tun. Gab es für beide Hoffnungsträume tatsächlich keinen Ort in der Wirklichkeit oder lag es auch an der Beschaffenheit dieser Träume, dass sie nicht wahr wurden?

Lebenstraum des Vaters Jehuda Arie Klausner, Sohn eines Textilkaufmannes und Sonntagsdichters, war es, Buchgelehrter und Literaturdozent zu werden. So wie es sein in Wilna umgekommener Bruder David war und sein berühmter, 1919 aus Odessa eingewanderter Onkel Joseph, der an der 1925 gegründeten Jerusalemer Universität eine Professur für Hebräische Literatur erhielt. Beide verfochten eine »tolerante und liberale europäische Aufklärung« in intoleranter Zeit. Arie hatte in Wilna ein Literaturstudium absolviert und nach seiner Einwanderung nach Jerusalem 1933 noch ein zweites. Joseph Klausner nannte ihn seinen besten Schüler. Aber er machte den Neffen nicht zu seinem Assistenten, um sich nicht Nepotismus vorwerfen zulassen.

So arbeitete Arie Klausner nicht mit als »kühner Pionier bei der Erneuerung des hebräischen Geistes«, sondern blieb 20 Jahre lang Bibliothekar in der Zeitschriftenabteilung der Nationalbibliothek. Allnächtlich verzettelte er seine Lektüre, publizierte ein wenig und ermüdete seine Nächsten mit gelehrten Wortherleitungen oder einem etwas angestrengten Witz. Der ebenso enthusiastische wie sentimentale Pedant promovierte schließlich mit fast 50 Jahren an der Universität London über Jitzchak Leib Perez. Doch auch danach erhielt er keine Dozentur in seinem Land, in dem ein Überangebot an promovierten Buchgelehrten und Ärzten aus allen Teilen Europas herrschte. 1971 widmete Amos Oz der Seele seines verstorbenen Vaters die Erzählung Späte Liebe und eine Parabel über die zweifach destruktive Macht eines Feindbildes namens Dem Tod entgegen.

Die Mutter Fania Mussmann, im ukrainisch- polnischen Rowno in herrschaftlicher Umgebung als Tochter eines zu Wohlstand gekommenen Mühlenarbeiters aufgewachsen, besuchte mit ihren Schwestern das jüdische Gymnasium. Abitur machte sie auf einem polnischen Privatgymnasium. Um dem Antisemitismus in Polen auszuweichen, ging sie Anfang der dreißiger Jahre zum Studium der Philosophie und Geschichte nach Prag.

Während ihr Vater, durch die Inflation mittellos geworden, 1933 mit der Familie nach Palästina auswanderte, ließ sie erst Ende 1934 die kulturelle Moderne Prags und eine unglückliche Liebe hinter sich. In Jerusalem setzte sie ihr Studium fort, begegnete Arie, heiratete und gebar ihren einzigen Sohn Amos.

Der Traum der vollständig unaufgeklärt aufgewachsenen Fania war einer von romantischer Liebe, Kunst und edlen heroischen Taten. Als verheiratete Frau lebte sie in der Banalität und Not des Alltags schweigsam, mit unterdrückten Gefühlen und einer unerfüllten Sehnsucht, die der Sohn »russisch« nennt. In der Enge des tschechowschen Kleinbürger-Viertels Ker Avraham und dem konservativen, enthusiastisch pedantischen Milieu der Familie Klausner erstickte ihre stille Rebellion. Nur ein Bekannter ihres Mannes, der Ironiker Samuel J. Agnon, nahm sie wahr und übersetzte sie in die Erzählung Im Mittag ihrer Tage.

Dazu kam der große »israelische Traum« von einem eigenen Staat all derer, die sich aus Europa hierher geflüchtet hatten. »Dort im Land, das den Vätern so kostbar, werden alle Hoffnungen wirklich ... dort laßt uns schaffen ein Leben in Reinheit, ein Leben in Freiheit«, sangen die Einwanderer. »Mustergültig« würden sie mit der arabischen Minderheit im Land umgehen, ein Problem, auf das niemand sie eigentlich vorbereitet hatte. Es würde im neuen Israel vielleicht »etwas weniger jüdische Spießbürgerlichkeit und mehr moderne Gepflogenheiten« geben, »weniger groben Materialismus und mehr Idealismus, weniger fieberhafte Redseligkeit und mehr Besonnenheit«.

1947 schien die Erfüllung des Traumes zum Greifen nahe, als die Palästina-Kommission der Vereinten Nationen den Vorschlag einer Zwei-Staaten-Lösung machte. Nur für das Problem Jerusalem hatte sie keine Lösung anzubieten. Der heilige Ort zweier Religionen sollte eine »separate, neutrale Einheit« unter internationaler Verwaltung zwischen dem arabischen und dem jüdischen Teilstaat bilden. Das lehnte die Arabische Liga ab. Ende November 1947 stimmte die UNO in New York dennoch mehrheitlich für die Gründung eines jüdischen Staates im britischen Mandatsgebiet. In dieser Nacht war Ker Avraham erfüllt von einem einzigen Freudenschrei, von Tanz und Tränen. Doch es war »sentimentales Wunschdenken«, meint der Erzähler Oz, zu glauben, dass die Verfolgten sich mit den Unterdrückten solidarisierten, dass Juden und Araber sich gemeinsam gegen ein sie unterdrückendes Europa zur Wehr setzten. Die Araber sahen in den aus Europageflüchteten Juden »einen neuen überheblichen Ableger des technologisch überlegenen, ausbeuterischen kolonialistischen Europa«.

Und die Juden sahen in ihnen nicht »Brüder in der Not, sondern pogromlüsterne Kosaken«. Als am 14. Mai 1948 der Staat Israel gegründet wurde, begann tags darauf der Krieg der umliegenden arabischen Staaten gegen ihn. Seither haben, unter furchtbarer Radikalisierung beider Seiten, die gegenseitigen Verletzungen nicht aufgehört. Der von romantischen Hoffnungen und Orthodoxien beschwerte Traum wurde nicht Wirklichkeit.

Die Einwanderer lebten zerrissen zwischen Jerusalem, dem Ort ihrer utopischen Sehnsucht, und dem tödlichen Sehnsuchtsort Europa. In jener Nacht im November 1947 aber lag neben dem achtjährigen Amos ein Vater, der unter Tränen zum ersten und einzigen Mal von den erlittenen Misshandlungen und Demütigungen als Schüler und Student in Wilna erzählte, deren Ende er für sich und seinen Sohn nun für immer gekommen sah. Was aber macht ein Sohn, der in eine solche Last unerfüllter Träume hineingeboren wurde?

Schon als Kind fasste er zwei scheinbar gegensätzliche Entschlüsse. Einer lautete: »Ein Buch werden«. Das war die Strategie der Schwächeren. Schriftsteller, jüdische zumal, waren sterblich. Aber ein Buch konnte in einigen Exemplaren hier oder da überleben. Auch hatte sich das Erzählen schon als Überlebensstrategie gegen die Prügelangriffe der Mitschüler bewährt.

Der andere, fast erbitterte Vorsatz lautete: Realist sein, wirklichkeitsnah, ohne romantische Gefühle und sehnsüchtige Träume; ein braungebrannter sozialistischer Pionier werden, der das Land bebaut, seine Kraft spürt und eine befreite, glückliche Sexualität lebt.

Es war so etwas wie Max Nordaus Idee des »Muskeljudentums«, was der 15-jährige Amos zwei Jahre nach dem Tod der Mutter in die Tat umsetzte, als er den Namen Klausner ablegte, sich den Namen Oz (Kraft) gab, mit der Gelehrtenwelt des Vaters brach und in einen sozialistischen Kibbuz ging.

Gerade diese Überlebensstrategie führte ihn aber zurück zu seinem ersten Vorsatz.

Um mit dem Schweigen des Vaters nach dem Tod der Mutter und mit deren Schöpfungsbefehl, dem stummen Schrei ihres Selbstmordes, fertig zu werden, begann er zu erzählen.

In der späten umfangreichen Bar-Mizwa, die sich der Autor in den 63 Kapiteln dieses Romans zu seinem 63. Geburtstag erlaubte, dankt er eben nicht nur wie in unserer kommerziell gefühligen Medienwelt all denen, »die ihn so weit gebracht haben«, sondern vor allem denjenigen, von denen er sich so überaus plastisch abzugrenzen lernte. Da sind etwa die Schreckensehen der Großeltern Schlomit und Alexander und Itta und Herz, die Jahrzehnte lang eisern mit zusammengebissenen Zähnen durchgehalten werden, dabei aber soviel an Charakterschliff erhalten, dass sie dem betrachtenden Kind schon wieder reiche Lebenseinsicht schenken.

Die Geschichte einer gelungenen Selbstwerdung inmitten gescheiterter Träume bewegt sich an ihrem Ende – nach der Schilderung des ersten unschuldigen Schuldigwerdens im israelisch-arabischen Dialog (das Mädchen Aischa in der Villa Salwani), nach der sexuellen Befreiung im Kibbuz, dem Tod des Vaters, der Versöhnung mit ihm und der befreienden Lektüre von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio, das Oz die eigene Welt als die beschreibenswerte entdecken lässt – mit immer größerer Dynamik auf das Schwerste zu: den Selbstmord der Mutter, von dem der Autor zum ersten Mal erzählt. Hier, auf Seite 725, erscheint wie eine Gegenbeschwörung ihres Lebens auch eine Photographie dieser drei Menschen, die sich liebten und dennoch eine Katastrophe herbeilebten.

Für Elke Schmitter gibt die immer wiederkehrende Leitmotivik den zahlreichen Figuren des Buches den Charakter von »Untoten«, die, täuschend lebensecht, in dieser Erzählweise doch nie zum Leben erwachen würden. Es wäre aber der Überlegung wert, ob die Leitmotivik nicht nur Ausdruck der permanenten Präsenz all dieser Personen im Gedächtnis des Autors ist, sondern auch den Stillstand ihres rückwärtsgewandten, büchernen Lebens enttäuschter Hoffnungen übermitteln will. Einen Zustand also, der die Dynamikdes Ausbruchs provoziert.

Es ist schwer, über das zu schreiben, was wir lieben. Beim Lesen der Geschichte von Liebe und Finsternis erinnerte ich mich an Bilder des Dokumentarfilms Ich kam nach Palästina von Monika Nolte und Robert Krieg (1998). Der Film porträtiert jene besondere Gruppe von deutschen und osteuropäischen Einwanderern der dreißiger Jahre, die im neuen Staat aus ihren Träumen ernüchtert erwachten und sich entgegen ihrer Regierung politisch zu engagieren begannen.

Diese vereinzelten Randfiguren von einst sind heute ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt und für die jüngere, politisch kritische Generation Israels von vitaler Bedeutung. Auch die Erzählung von Amos Oz hält dafür, dass ein Leben ohne Traum nicht lebenswert sei. Aber es kommt auf die Qualität des Traumes an.

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Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz, 2005, Suhrkamp2.)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.
Roman von Amos Oz (2005, Suhrkamp - Übertragung Ruth Achlama).
Besprechung von Stefan Sabin in Neue Zürcher Zeitung vom 5.03.2005:

Die schreibende Hand am Ort ihres Schreibens
Amos Oz verknüpft Autobiografie und Staatsgeschichte

Als Roman bezeichnet Amos Oz seine «Geschichte von Liebe und Finsternis»; tatsächlich handelt es sich um ein breites, stark von der eigenen Biografie und Familiengeschichte inspiriertes Panorama, welches die Lebenswelt der osteuropäischen Juden ebenso einbegreift wie das komplexe Verhältnis des Autors zu seiner Heimat Israel.

Hatte die Theorie der immanenten Textinterpretation es für unzulässig erklärt, Parallelen zwischen Leben und Werk eines Autors zu ziehen, so machten dann die postmodernen Mischgattungen die Interaktion zwischen Fakten und Fiktionen geradezu zum Gestaltungsprinzip: In Tatsachenromanen, Erfahrungsberichten und fiktionalisierten Autobiografien funktionierten die Dichter die Wirklichkeit zur Literatur und das Leben zur Romanhandlung um. Während sie aber durch realistisches Erzählen der Verwechslung von Leben und Werk regelrecht Vorschub leisteten, warnten sie zugleich durch die Offenlegung der Fiktionsleistung davor, dem Anschein des Realen auf den Leim zu gehen. Denn realistisch ist nicht real - Dichter seien weniger an Realität als an Wahrheit interessiert, meinte William Faulkner. Der Wahrheitsanspruch und das Verhältnis zwischen Erlebtem und Erdachtem sind in einer Autobiografie besonders prekär, weil darin eine Lebensgeschichte entworfen wird, die, obwohl sie sich an einem Gerüst von Fakten orientiert, dennoch auf der Fiktion eines kohärenten Handlungsverlaufs basiert. Eine Lebensgeschichte, so der Literaturwissenschafter Paul DeMan, ist kein Leben, sondern eine Geschichte.

«Jede Geschichte, die ich geschrieben habe, war autobiografisch», erklärt der Erzähler Amos Oz schon kurz nach Beginn seines neuen Romans und wehrt sich zugleich gegen jede direkte Projektion der fiktionalen Geschehnisse auf die Realität. Diese diene zwar als Sprungbrett zur Literatur, aber die Literatur schaffe ihre eigene Realität. Nur der «schlechte Leser» - der also, welcher der Wahrheit der Literatur nicht traue - frage mit voyeuristischer Neugierde nach der «Geschichte hinter der Geschichte». Der «gute Leser» dagegen folge dem Autor in die fiktionale Welt und entdecke sie für sich: «Der Raum, den sich der gute Leser bei der Lektüre erschliesst, ist nicht der zwischen Text und Autor, sondern der zwischen dem Text und ihm selbst.»

DAS LEBEN, EIN ROMAN

Während Amos Oz in den frühen Romanen und Erzählungen diesen Raum zwischen Text und Leser leicht zugänglich machte, indem er sich an Regeln des realistischen Erzählens hielt, baute er in den späteren, psychologischen Romanen komplizierte narrative Architekturen, in denen der Leser einen labyrinthischen Weg geführt wurde. Nachdem er in «Allein das Meer» schon den Erzähler als Romanfigur hat auftreten lassen, treibt Oz nun das Verhältnis zwischen der Realität der Fiktion, die er entwirft, und der Fiktion der Realität, aus der er schöpft, auf einen prekären Höhepunkt: Er rekonstruiert die Lebensläufe seiner Eltern und Grosseltern als ein breit angelegtes Panorama des jüdischen Lebens in Osteuropa, in Palästina und in Israel; zeichnet ein Selbstporträt des Schriftstellers als junger Mann; bezieht systematisch das geschriebene Werk auf das eigene Leben - und nennt dieses erzählerische Konstrukt «Roman.»

Ereignisse aus der Kindheit des Schriftstellers, die er im Jerusalem der vierziger Jahre verbracht hat, überlagern sich mit Anekdoten über Verwandte und über Freunde der Eltern, die alle der aschkenasischen Intelligenzia angehörten; Überlegungen zur politischen Lage gegen Ende der britischen Mandatszeit in Palästina und nach der Gründung des Staates Israel stehen neben Reflexionen über die Klassiker hebräischer Literatur wie Agnon und Bialik, an denen Oz sich sprachlich geschult hat. All dies fügt sich zur Entwicklungsgeschichte eines Jungen, der aus der Grossstadt aufs Land zog und aus dem bildungsbürgerlichen Milieu seiner Familie ausscherte, um ein einfaches naturverbundenes Leben zu führen. Der zentrifugale Punkt dieser Entwicklungsgeschichte ist der Selbstmord der Mutter, der den Jungen seinem Vater und der Familie entfremdet.

Tatsächlich hatte der Emigrantensohn Amos Klausner als Fünfzehnjähriger Jerusalem und die Familie von Dichtern und Gelehrten verlassen und sich in einem Kibbuz als Amos Oz neu erfunden - Oz bedeutet auf Hebräisch «Kraft». Der Abkömmling blasser Emigranten, die ihr intellektuelles Gepäck nie ablegen konnten und von Nostalgie nach Europa geplagt waren, wurde zum sonnengebräunten Israeli, der Traktor fuhr und in der Armee diente. Dem kräftigen Kibbuznik gelang es, aus seiner europäischen Herkunft eine israelische Identität zu formen und die ererbte europäische Vergangenheit mit der israelischen Gegenwart zu versöhnen; zugleich vermochte er die geistig-literarische Tradition der Familie weiterzuführen, indem er Schriftsteller wurde. In der scheinbaren Banalität des Kibbuz-Alltags, in der israelischen Gegenwart überhaupt erkannte er ein unverbrauchtes literarisches Motiv: Aus der unmittelbaren, konkreten Realität schreibend eine allgemein gültige, abstrakte Welt zu entwerfen, im Lokalen das Universelle auszumachen, wurde sein Ziel. Er begriff, dass «die geschriebene Welt . . . immer um die schreibende Hand am Ort ihres Schreibens kreist». Die Darstellung dieser Welt- und Selbst(er)findung, die mit der Entstehung Israels parallel verläuft, ist der autobiografische Rahmen des Romans von Amos Oz.

ENTFREMDUNG UND SELBSTRETTUNG

Innerhalb dieses Rahmens schlägt Oz weite Bögen zu den politischen und sozialen Umständen, die seine Grosseltern und Eltern zur Einwanderung nach Palästina bewogen hatten; er zeigt, dass ihre Entscheidung weniger von zionistischem Ethos als von Überlebenswillen bedingt war - und dass in Palästina und in dem dann neu gegründeten israelischen Staat das Leben wiederum zum Überleben wurde. «In Vaters Jugendzeit stand an jeder Wand in Europa: ‹Juden, ab nach Palästina›», wiederholt der Erzähler refrainartig. «Fünfzig Jahre später, als mein Vater Europa wieder besuchte, schrie es von allen Wänden: ‹Juden, raus aus Palästina›.» Führten der europäische Antisemitismus und der Mord an den Juden zur Emigration nach Palästina und zur israelischen Staatsgründung, lag in dieser wiederum die Quelle des israelisch-palästinensischen Konflikts.

«Ich erzähle in dem Buch nicht nur von meiner Familie», erklärte Amos Oz kürzlich in einem Interview, «sondern auch vom jüdisch-arabischen Konflikt als einem Zusammenstoss von richtig und richtig. Manchmal leider auch von falsch und falsch. Beide haben recht und manchmal auch unrecht.» Oz, der Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung und Mitverfasser der Genfer Initiative für ein Friedensabkommen im Nahen Osten ist, verwebt die Familiengeschichte mit der Staatsgeschichte, das Individuelle seiner Biografie mit dem Allgemeinen seines Landes....Fortsetzung

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