Eine frivole Geschichte über die Armut.
Erzählungen von Elsa Morante (2003, Wagenbach - Übertragung Maja Pflug).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 18.12.2003:

Engelsflügel, versteckt
Frühe Erzählungen von Elsa Morante

Das Meisterstück dieses Bändchens mit frühen Erzählungen der Italienerin Elsa Morante heisst «Der Beichtvater». Ein Arzt wird von seiner Frau verlassen; das Kindermädchen Olimpia phantasiert sich in die Rolle einer Lückenbüsserin hinein. Der Adressat ihrer zunächst noch platonischen, später obsessiv-sexuellen Phantasien ist Olimpias Beichtvater. Dann kommt die Ehefrau Caterina plötzlich zurück, schliesst Mann und Kind in die Arme. Olimpia fühlt sich zurückgesetzt und reagiert mit Eifersucht und Wahn. «Ein zugleich fleischlicher und mystischer Hass verzehrte sie.» Im Traum vereint sie den Padre und den Dottore zu einer Art Überfigur, die ihr mit süsser Stimme den Mord an der «Sünderin» befiehlt. Die süsse Stimme hallt «in ihrem Hirn wider, zerfrass es und zappelte wie ein wahnsinniges Insekt. Und mit immer entschlossenerem, blinderem Willen erreichte Olimpia Caterinas grosses Bett.»

Hier zeichnen sich die Qualitäten der späteren grossen Romanautorin in nuce ab: der Blick in Abgründe menschlicher Existenzen, die präzise Erfassung seelischer Nuancen, die doppelte Optik von Fleischlichem und Mystischem. Die vierzehn Erzählungen stammen aus Morantes erstem, 1941 erschienenem Erzählband, «Il gioco segreto»; in einer späteren Neuausgabe wurden sie weggelassen. Vermutlich deswegen, weil sie der Autorin nun zu spekulativ und überpointiert vorkamen. Denn darin liegt die Schwäche der meisten dieser Texte: Sie stehen zu deutlich im Dienst ihrer Pointen. «Der blasse Schüler» etwa, der seinen Lehrer bis aufs Blut reizt - obwohl dieser Schüler, wie sich herausstellt, gar nicht existiert.

Das Gespenstische interessiert die junge Autorin, es gibt den Erzählungen einen gewissen surrealen Thrill. Die Nahtstelle zwischen Fleischlichem und Mystischem nimmt häufig skurrile, gelegentlich aber auch höchst originelle Formen an. In der «Frivolen Geschichte über die Anmut», die dem nun auf Deutsch vorliegenden Band den Titel gab, lehnt sich ein erwachsen gewordener Mann gegen seinen eigenen Schutzengel auf und schickt ihn sozusagen in die Wüste oder genauer wohl in den Himmel; doch nur wenig später nimmt derselbe Mann denselben Engel in der Rolle einer ebenso schüchternen wie aufmerksamen Haushälterin wieder in seine Dienste. Ohne Engel lässt es sich eben schlecht leben, besonders wenn man unverheiratet ist und besonders auch dann, wenn es um die Anmut geht, die manchen buchstäblich zufliegt, während andere ein Leben lang ohne sie auskommen müssen....Fortsetzung

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