Eine Frau griechischer Herkunft.
Lyrik von Tzimon Barto (2001, Radius - Übertragung Antje Ellermann und Christoph Eschenbach).
Besprechung von Florian Malzacher in der Frankfurter Rundschau, 26.8.2003:

Wenn die Bilder übers Ufer schwappen
Tzimon Bartos Lyrik als effekthascherische Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf mit Bettina Kaminski

Genug kann nie genügen. So hieß das bei Konstantin Wecker, und schon da ließ sich ahnen, dass das ästhetisch gesehen keine allzu gute Maxime ist. Aber es scheint der Leitspruch von Tzimon Barto zu sein - zumindest was seine Lyrik angeht, die der bekannte Pianist seit etlichen Jahren schreibt und die 2001 in einem ersten Band beim Radius-Verlag erschien.

Genug kann nicht genügen, das zeigt der Text schon optisch: typografische Varianten von kursiv, unterstrichen bis hin zum Typenwechsel, verwischte Buchstaben, optische Rhythmisierungen mal wie bei Hölderlin, mal wie in der konkreten Poesie. Genug kann nie genügen.

Eine Frau griechischer Herkunft heißt der Band, übersetzt von Antje Ellermann und Christoph Eschenbach: Der Anlass für diesen Zyklus war Bartos Begegnung mit einer Amerikanerin im Bahnhofsviertel, griechischer Abstammung und Hölderlin lesend, drei Kinder verloren, vom Mann verlassen, am Ende. Starker Tobak, schicksalsmäßig aber auch künstlerisch, wenn man das Anliegen hat, diese Tragik lyrisch zu toppen.

Und so flutet Bartos Text nicht nur formal jede Grenze, auch die Metaphern schwappen oft übers Ufer, während der Dichter knietief im Klischee watet oder im bildungsbürgerlichen kulturellen Erinnerungsschatz: griechische Mythologie, Hölderlin, Rilke, Konfuzius, Platon, Villon und die Bibel.

Genug kann nie genügen. Postmoderne als Supermarkt des Möglichen. Tzimon Barto wählt nicht aus, gewichtet nicht und lässt so alles im aufgesetzten Pathos versuppen.

Dabei gibt es schöne, schlaue Passagen, anrührende Formulierungen, vor allem da, wo Barto nicht primär auf Effekt setzt: Denn meistens scheint ihn die Sorge zu treiben, man könnte die Kunst überhören. Vielleicht deshalb ist diese Lyrik fast durchgängig zu laut, zu marktschreierisch. Wie ein Neureicher, der will, dass man sieht, was er hat.

Aber fast schlicht und schnörkellos wirkt der Text verglichen mit Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung, die sich im Mousonturm eingemietet hatte.

Die Effekthascherei von der Stange beginnt schon mit dem ersten Ton, einer leicht vibrierenden, salbungsvollen Männerstimme aus dem Off - dann leuchten die weißen Tasten eines Klaviers aus dem Dunkel auf, das zu spielen beginnt, ohne sichtbaren Spieler: Wolfgang Rihms Klavierstück No. 6.

Das Licht dämmert herein und bringt die mit weißen Kreidestücken wie Steinen bedeckte Bühne zum schimmern. Neben dem Klavier wird eine Frau erkennbar, steht noch wie eine Sängerin angelehnt mit dem Rücken zum Publikum.

Dann dreht sie sich um, und ein fast anderthalbstündiger Mimik- und Gestenhagel prasselt auf das Publikum ein, so dass man geraume Zeit braucht, um durch das spielerische Dickicht hindurch erst eine Art Haltung und dann etwas vom Text fassen zu können: Bettina Kaminski, Schauspielerin am Freien Schauspielensemble, gibt die Frau griechischer Herkunft als Diva mit dem Bewegungsmaterial eines Bahnhofsvierteljunkies und einer klassischen Tragödin.

Doch alles ist Effekt, die Rührung über sich selbst am größten. Und auch hier vor allem hierarchieloses Alleswollen, Alleszeigen: Genug kann nie genügen. Dabei kann Bettina Kaminski auch anders, und die eindrucksvollen Passagen sind jene, die kaum bemerkt im lauten Actionacting untergehen.

So wächst neben dem ästhetischen Unbehagen das schale Gefühl, dass hier ein Bahnhofsviertelschicksal nichts ist als ein Sprungbrett für die Selbstdarstellung dreier Künstler. Genug ist jedenfalls genug, und etwas Geiz wäre geil.

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