Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman von Wilhelm Genazino, 2003, hanser1.) - 4.)

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
Roman von Wilhelm Genazino (2003, Hanser).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 22.3.2002:

Rätselhaftes Einverständnis mit der Peinlichkeit

Wilhelm Genazino zeichnet in seinem neuen Roman das wundervolle Porträt eines Künstlers als Lehrling des Lebens

Zwanzig Zeilen. Eine Bildunterschrift. Um einen so kurzen, belanglosen Artikel zu schreiben, dafür hatte der junge Reporter des Lokalanzeigers den ganzen Abend im Bürgerbräu-Keller verbracht. Ein sogenannter Je-ka-mi-Wettbewerb. Jeder kann mitmachen. Sänger, Zauberkünstler und Jongleure, Akrobaten, Clowns und Komiker. Kleine Leute, die auf ihre große Chance hoffen. Nach einem Sänger, dreiunddreißig, von Beruf Busfahrer, der Freddy Quinn nachahmte und das gut, kommt ein Komiker, zweiundvierzig Jahre alt, mit großkariertem Jackett wie Peter Frankenfeld angezogen, absolut unbegabt. Entsetzt muss dieser arme Mann feststellen, dass das Publikum keineswegs über seine Scherze lacht, sondern allenfalls über sein Ungeschick feixt.

Der Conférencier will den Auftritt abbrechen, reißt dem Mann das Mikrofon aus der Hand und beginnt nun selbst, mit derben Witzen, die Zuschauer zu unterhalten, während der Möchtegernkünstler im Hintergrund weiter versucht, seine Hauptnummer, das Zusammenklappen eines Liegestuhls, doch noch durchzuziehen. Soweit die Abfolge der Ereignisse. Dann, heißt es weiter, wurde der Mann kaum "mehr beachtet". Doch sofort folgt die Korrektur: "Nein, das stimmte nicht. Das Publikum beklatschte sein Scheitern. Die Grausamkeit der Szene war jetzt auf ihrem Höhepunkt. Ich hatte eine derart starke Peinlichkeit (und das rätselhafte Einverständnis mit ihr) nie gesehen. Ich blickte immerzu umher, weil ich zu wenig verstand."
Die Beschreibung geht jetzt in die Deutung über: "Es war ein Schmerz im Saal, der alle traf und gleichzeitig von allen geleugnet wurde. Am schrecklichsten war, dass der Dekorateur weiter spielte. Noch immer zeigte er Reste seiner Träume von einem anderem Leben als Humorist und Sänger." "Ich selbst", das spürte der junge Reporter, "wirkte, indem ich nur zwanzig Zeilen schreiben durfte, an dieser Vernichtung mit". Er versucht, mit seinem Redakteur darüber zu reden. Es sei, sagte der, nicht die Aufgabe einer Zeitung, "die Wahrheit mitzuteilen". Die Zeitung diene als Schaufenster, nicht als Gericht.

Der Ich-Erzähler dieses Romans ist gerade mal achtzehn Jahre alt. Er arbeitet, nur nebenberuflich, als Journalist. Im Hauptberuf ist er Lehrling, in einem Speditionsbetrieb. Er ist von der Schule geflogen und hat diese Lehrstelle nur mit Mühe und Not, nach einigen (äußerst komisch beschriebenen) Fehlschlägen gefunden. Tagsüber arbeitet er im Büro, oft auch, wenn erforderlich, in der Lagerhalle. Abends nimmt er die "Termine" für den Lokalanzeiger wahr, Dia-Vorträge über die norwegischen Fjorde, Autogrammstunden deutscher Schlagersänger. Der junge, ersichtlich frühreife Mann kommt sich einen Augenblick lang wichtig vor. Doch dieses Gefühl hält nicht lange an. Er ist bereits ein zu genauer Beobachter. Autobiographische Bezüge sind unübersehbar.

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren und aufgewachsen, hat Jahrzehnte in Frankfurt am Main gelebt. Dort sind die meisten seiner Romane entstanden, darunter die legendäre Abschaffel-Trilogie über das Leben des deutschen Angestellten, dann aber - nach seiner Stunde der wahren Empfindung - Bücher, in denen es fast mehr als um das Wahrgenommene um die Wahrnehmung selber geht. Darin unterscheidet sich, trotz ähnlicher Intention, Genazino von Handke. Er feiert nicht nur, wie Handke, die Dinge, die er beschreibt. Er fokussiert seinen Blick, springt von der Totalen in die vergrößernde Nahaufnahme und schärft dabei so sehr seine Beobachtung, dass die Beschreibung unmerklich in die Reflexion übergeht. Genazino ist ein genauer, ein geschulter Beobachter, mit einem seismographischen Gespür noch für die geringsten Erschütterungen.

Und er ist ein Flaneur, ein Robert Walser der Großstadt. Sein kleiner, fast perfekter Roman Ein Regenschirm für diesen Tag (2001) beschreibt das kümmerlich / reiche Leben eines "Probeläufers für Luxushalbschuhe" und verwandelt damit die Passion des Helden, das Flanieren, in eine steuerpflichtige Beschäftigung. Genazino zielt nicht auf Effekte, sondern auf Einsichten, und so kommt es - ob durch Ironie, Humor, bloße Reflexion, dürfte schwer zu entscheiden sein -, dass selbst das Bedeutungsschwere wieder ganz leicht und schwebend erscheint. Er hat immerhin einige Jahre für Pardon und Titanic gearbeitet und ist dergestalt auch in Henscheids Vollidioten verewigt. Diese Arbeit hat seinen Witz geschult. Genazino ist aber auch ein sehr belesener Schreiber, zum Beispiel ein Proust-Kenner von beachtlicher Reputation. Er ist aber vor allem ein genuiner Erzähler. Die Bilder, die er sieht (und beschreibt), verschlingen sich unversehens zu einer Geschichte. Zum Beispiel zu dem neuen Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.

Die Geschichte handelt tatsächlich von einer Frau, einer (eigenen) Wohnung und seinem (geplanten) Roman, genau in dieser Reihenfolge. Mit Gudrun ist er so gut wie verlobt. Die beiden besitzen schon ein gemeinsames Sparkonto und planen eine gemeinsame Zukunft, die sich in nichts von der Gegenwart unterscheidet. Sie haben beschlossen, keusch ihrer wahren Vereinigung entgegen zu sehen und so die Todsünde einer, wie sie den im Rausch der Sinne vorehelich vollzogenen Geschlechtsakt nennen, "Bauchhochzeit" zu vermeiden.

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Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman von Wilhelm Genazino, 2003, hanser2.)

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
Roman von Wilhelm Genazino (2003, Hanser).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 29.3.2003:

Hineinhorchen in die Wirklichkeit
«Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman» von Wilhelm Genazino

Es muss um das Jahr 1960 herum gewesen sein. Deutschland befand sich mitten im Aufbruch. Die Spuren des Krieges waren zwar nicht vollends verwischt, und noch immer konnte man in den Augen der Menschen das Entsetzen lesen. Der Terror der Nationalsozialisten hatte die Menschen «grob, stumm und müde gemacht». Und in den Strassen sah man noch «typische Nachkriegsgesichter: grau, einsam, mager, faltig». Manche Väter waren aus dem Krieg nicht zurückgekehrt, andere schon, aber es schien keinen Unterschied zu machen: Es war, als seien auch sie nicht zugegen. Von einer eigentümlichen «Geschichtsstille» berichtet der Erzähler: Von der Vergangenheit sprach niemand, und dankbar hielt man sich still in der Weltferne der Provinzstadt.

EINE ATEMPAUSE

Bieder und banal sah die Rückkehr in die Normalität aus: Plötzlich hatte man wieder Zeit für das Nebensächliche, und man beeilte sich, den Horror vacui mit Anspruchslosigkeit in Schach zu halten. In den Warenhäusern lockte man die Kunden mit italienischen Wochen an, die Kinos zeigten Filme mit Peter Alexander, die Mädchen schwärmten für Rex Gildo, in den Vororten sassen die Rentner in ihren Backsteinhäuschen mit Garten und bauten mit Streichhölzern den Eiffelturm nach, und die Gymnasiasten flogen wegen schlechter Leistungen wieder von der Schule - und schauten für einen Augenblick ins Leere.

An einem solchen Nullpunkt setzt Wilhelm Genazinos auf seltsame Weise fast schwereloses Buch «Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman» ein: Sein Ich-Erzähler wurde vom Gymnasium weggewiesen, nun drängen ihn die Eltern, zumal die Mutter, eine Lehrstelle anzunehmen. Er mag sich dabei so ungeschickt anstellen, wie er will, zuletzt findet sich doch eine Spedition, die ihn als kaufmännischen Lehrling anstellt. So hat ihn, nach einer Atempause und einem kurzen Innehalten, das Leben wieder im Griff, anders als zuvor und fester. Solches Ungemach würde manchem zusetzen. Er hält es sich vom Leib, indem er sich heraushält - mit den Mitteln der Sprache. An einzelnen Worten, die ihm zufliegen, klammert er sich fest, und allein durch die Aufzählung der Dinge verliert er «das Gefühl des Ausgeliefertseins».

Er schreibt die Worte auf und fügt sie zu Sätzen, die ihm zwar interessant vorkommen, von denen er aber nicht zu sagen wüsste, ob sie nun wahr und schön seien oder nicht vielmehr weder das eine noch das andere. Er beobachtet die Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen, die ihm wunderlicher scheinen, je länger und unbefangener er zuschaut. So entstehen Geschichten und Skizzen, denn in Wahrheit will er nur dies: «schreiben, hauptberuflich, und zwar sofort». Vorerst sendet er seine Texte an Zeitungen und Zeitschriften; einiges wird gedruckt, manches nicht. Dann - gerade hat man ihn, den Lehrling, in die «Arbeitsvorgänge in der Lagerabteilung» eingewiesen - wird ein Lokalredaktor der städtischen Zeitung auf ihn aufmerksam. Er schickt ihn zu einem ersten «Termin»: ein Dia-Vortrag über die norwegischen Fjorde. Es folgen weitere Aufträge, und unversehens spaltet sich seine Existenz auf, zunächst rein äusserlich: «Tagsüber war ich kaufmännischer Lehrling, abends Reporter.»

DER RISS IM LEBEN

Eine fast unerschütterliche Heiterkeit strahlen diese Szenen aus. Nichts lässt Genazino an seinen jugendlichen Erzähler herankommen, nur ganz gelegentlich wirft ein stilles Leid einen Schatten auf sein Gemüt; dann hilft er sich mit Lesen und Schreiben. Weder die Schwermut seiner Mutter kann ihm dauerhaft etwas anhaben noch die trostlose Arbeit in der Spedition. Und scheinbar ohne jeden Aufwand zeichnet Genazino dieses Porträt des Dichters als junger Mann, ganz zwanglos und ohne falsche Prätention, ohne Geheimniskrämerei. Auch schreckt er nicht davor zurück, dem jungen Mann manchen klugen Gedanken einzugeben und ihn so etwas abgeklärter erscheinen zu lassen, als man es vielleicht erwarten dürfte. So lernt man als Leser früh, dem immerhin noch nicht ganz volljährigen Ich-Erzähler manches komplizierte Gefühl zuzutrauen und manche subtile Überlegung. Er mag daher für sein Alter um eine Spur zu verständig sein, zu umsichtig in seinen Gedankengängen und zu vertraut mit sich selber, doch freilich ist er auch verletzlicher und empfindsamer, ja labiler, als es seine bisweilen demonstrativ zur Schau getragene Nonchalance vermuten lassen könnte.

Denn unversehens geht ein Riss durch seine Existenz. Zunächst noch wird er in einen Kreis von Literaten eingeführt, deren Glanz und Zauber er nur allzu schnell und ernüchtert durchschaut. So wächst ihm freilich ausgerechnet aus der Literatur und aus seiner journalistischen Arbeit ein bisher unbekannter Schmerz zu. Von seiner Freundin trennt er sich, als er mit Erstaunen feststellt, dass ihre Zärtlichkeiten ihn weniger interessieren als ein Radiogespräch mit, nun ja, Heinrich Böll. Eine Journalistin, zu der er sich hingezogen fühlt, begeht Selbstmord, noch ehe er sie richtig kennen gelernt hat. Von ihr, die unentwegt an einem Roman geschrieben haben will, hat er immerhin jene Sehnsucht geerbt, die ihn zuzeiten gegen die wiederholten melancholischen Anwandlungen stärkt: Er stellt sich dann vor, wie schön es wäre, wenn er «zu Hause ebenfalls einen angefangenen Roman liegen hätte».

Bis dahin aber soll er in die Vorstädte fahren und über Rentner schreiben, die besinnungslos mit Streichhölzern gegen die Leere kämpfen; über die peinliche Selbstentblössung von Jekami-Wettbewerben soll er berichten oder wohlwollend seichte Unterhaltungsfilme besprechen. Er ist zu jung, um zynisch zu werden angesichts solch trister Banalität. Eher überkommt ihn Trauer und Niedergeschlagenheit, weil er nicht nur teilhat an dieser Armseligkeit, sondern sie geradezu reproduziert, ja ihr Vorschub leistet. An solchen Veranstaltungen steht der Pressetisch immer etwas abseits; nun stellt er fest, dass er selber zunehmend ausserhalb steht, seine Rolle beschränkt sich aufs taxierende Zusehen und herablassende Berichten.

Er fürchtet, darob hochmütig zu werden, doch vielmehr quält ihn die Scham, anders zu sein. «Warum», so fragt er sich also erschrocken, «war ich von diesen Menschen so getrennt?» Halb ahnt er vielleicht, halb befürchtet er, es könne das, was ihn von den anderen trennt, auch mit dem Schreiben zu tun haben. «Ich wünschte nicht, von den anderen getrennt zu sein, und lebte doch schon in dieser Trennung. Ich verstand nicht einmal, warum es diese Trennung gab. In dieser Zeit hatte ich noch nicht den Mut, das Leben unverständlich zu nennen.» Ganz diffus erst stellt sich hier die Frage nach der Schwierigkeit der literarischen Existenz - und doch bringt sie ihn ernstlich in Bedrängnis. Was geschieht mit dem Leben, wenn es Schrift wird, und was mit der Existenz, die sich der Literatur verschrieben hat?

DOPPELLEBEN

Genazinos Buch ist der Versuch zu einer vielleicht sehr vorläufigen Antwort. «Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein.» Schon im ersten Satz fällt das Stichwort, das eine Fährte legt zu Benns intellektueller Autobiographie. Wo Benn indes im emphatischen Sinne vom «gesteigerten, provozierten Leben» sprach und im pathetischen Junktim «Dionysos - einschliesslich Krampfadern!» die beiden Sphären seines Doppellebens als Arzt und Dichter zusammenführte und doch auseinander hielt, da bleibt Genazinos Ich-Erzähler ganz nüchtern und zurückhaltend. Benns Snobismus liegt ihm fern; zwar lebt auch er in zwei Welten und führt auch er ein Doppelleben, eher aber leidet er daran, als dass er es feiern würde. Und doch will er der Spannung, die daraus entsteht, nicht vorzeitig entrinnen. Als man ihm eine feste Stelle bei der Zeitung anbietet, lehnt er ab.

Noch einmal also gewährt er sich einen Aufschub und zögert er die Entscheidung, wohin es mit seinem Leben gehen soll, hinaus. Denn dies hat er inzwischen erfahren: Er mag in die Wirklichkeit hineinhören, soviel er will, «beim Belauschen der Dinge und Ereignisse» kann er nicht hochmütig werden. Und bis er weiss, was er zu tun habe, müsse er «die Kühnheit haben, seine Zeit zu vergeuden und sich selber in der vergehenden Zeit zu belauschen». So erscheint denn zuletzt der kaufmännische Lehrling zugleich als Schüler der Dichtung, der in diesem Augenblick zweierlei gelernt hat: die Demut gegenüber den Erscheinungen des Lebens und das Verschwenderische als Voraussetzung aller Kunst.

Wilhelm Genazino schildert in diesem lichten Buch nicht nur die Erweckung des jungen Mannes zur Literatur, er hat der von einer milden Melancholie eingefärbten Geschichte ausserdem und in schönster Beiläufigkeit eine Reflexion auf das zutiefst Humane des Erzählens eingeschrieben, und er hat, zuletzt, ein wunderbares Selbstporträt geschaffen: Wilhelm Genazino erzählt uns, wie einer das Hineinhören und Hineinsehen in die Wirklichkeit gelernt hat, und er erzählt es uns wie einer, der nie etwas anderes getan hat, der immerzu die Erscheinungen des Lebens belauscht und befragt und alles mit nie erkaltender Zuneigung in Kunst verwandelt.

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***Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman von Wilhelm Genazino, 2003, hanser

3.)

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
Roman von Wilhelm Genazino (2003, Hanser).
Besprechung von Werner Rosenberger bei buecherservice.at vom 5.4.2003 (Kurier):

Schon der erste Satz fesselt
mit der Perfidie eines Neugier provozierenden Vokabulars: Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein.


Der jugendliche Held in Wilhelm Genazinos „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ fliegt vom Gymnasium. Seine Mutter sucht mit ihm nach einer Lehrstelle: Gartenbau, Süßwaren, eine Brauerei, alles kommt in Frage. Aber der Sohn interessiert sich nur für Bücher. Ein Träumer, der nur ans Lesen und Schreiben denkt. Und daran, endlich erwachsen zu werden, und die drei Dinge zu haben, die es dazu braucht: Eine Frau, eine Wohnung und einen selbst geschriebenen Roman. Er wird Lehrling in einer Spedition und abends Reporter, und ein wunderbares Doppelleben beginnt: Tagsüber schreibt er Lieferscheine, abends kleine Artikel für die örtliche Tageszeitung.

Wie immer bei Genazinos Protagonisten ist auch an diesem Ich-Erzähler einiges seltsam: Wenn er etwa die Freundin zu Hause auf der Couch links liegen lässt, nur weil im Radio ein Gespräch mit Heinrich Böll gesendet wird. Aber wie Genazino entdeckt er in allem Kleinen das Gewichtige, sieht überall und immer den Verweis auf eine tiefere Bedeutung. Der ironische Blick auf die Welt verhält sich wie die umgekehrte Funktion einer Kamera: Er lässt nicht nachträglich Belanglosigkeiten großartig erscheinen, sondern entdeckt liebevoll die Bedeutung in den kleinen Dingen und Menschen, so wie sie sind. Da kann’s schon passieren, dass man beim Lesen Tränen in den Augen hat. Meistens kommen sie vom Lachen.

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Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman von Wilhelm Genazino, 2003, hanser4.)

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
Roman von Wilhelm Genazino (2003, Hanser).
Besprechung von Michael Amon:

Eine herrliche Grundidee, ein wunderbar geschriebenes Buch. Warum läßt mich dieser (laut Klappentext) Entwicklungsroman so unbefriedigt? Ich weiß es nicht.

Da ich in letzter Zeit mehrer Bücher bzw. Romane gelesen habe, bei denen es mir ebenso ging, wie bei diesem Werk, stelle ich mir die Frage: liegt es an mir oder daran, daß Bücher, die so gar nichts über gesellschaftliche Wirklichkeit erzählen, einfach nicht mehr bieten können als gute Ideen, verpackt unter einer eleganten Oberfläche?

Weinempfehlung:
Château Belles-Graves 1999, Lalande-de-Pomerol.

Plattenempfehlung:
Joss Stone: The Soul Sessions, CD, Virgin 97153 22 - auch hier stimmt jeder Ton, alles ist richtig und an seinem Platz. Und nach dem Staunen bleibt Verwunderung: Soul, das war doch mehr als nur Perfektion ...

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Michael Amon.Literatur aus Österreich]

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