Eine Frau besorgen von László Darvasi, 2003, SuhrkampEine Frau besorgen.
Geschichten von László Darvasi (2003, Suhrkamp - Übertragung Heinrich Eisterer, Terézia Mora, Agnes Relle).
Besprechung von Hansjörg Graf in Neue Züricher Zeitung vom 15.04.2004:

Eine Literatur der Extreme
László Darvasis «Kriegsgeschichten»

Es sind starke Stücke, die László Darvasi uns mit seinen «Kriegsgeschichten» vorsetzt. Schon der Titel «Eine Frau besorgen» verspricht eine Provokation. Nach seinem Ausflug in das China von Konfuzius und Laotse («Die Hundejäger von Loyang», 2003) ist der ungarische Autor, Jahrgang 1962, wieder in die Region von Mittel- und Südosteuropa zurückgekehrt, die schon in seinem Roman «Die Legende von den Tränengauklern» Schauplatz kriegerischer Ereignisse und «übernatürlicher Sachen» war. Was während des Bosnien-Krieges und danach zwischen dem Amselfeld, Sarajewo und der serbischen Batschka, aber auch an imaginären Orten passiert ist, bildet die Folie des erstmals 2000 erschienenen Erzählungsbandes «Eine Frau besorgen».

Lebende und Tote

Wo Vernunft, Humanität und Toleranz Fremdwörter geworden sind und die Welt aus den Fugen geraten ist, melden sich die Erzähler der siebzehn «Kriegsgeschichten» zu Wort. Hinter wechselnden Namen und Funktionen versteckt sich ein Chronist, der «Beobachtungen macht» und sich als ein «Dokumentar» zu erkennen gibt, für den «die Erinnerung die intensivste Form der Auslegung» ist. Darvasi schöpft aus einem Fluss, der die Hierarchie der Tempora hinwegschwemmt. Das Massengrab von Jakulevo und die Truppe der legendären Partisanin Milenka Carica haben in diesen Geschichten den Stellenwert eines Refrains; er macht bewusst, dass bei Darvasi die Toten die in Wahrheit Lebenden und die scheinbar Lebenden die unwiderruflich Toten sind.

Worauf es dem Autor ankommt: Die historischen Varianten einer «kranken Welt» haben letzten Endes nur den Zweck, auf die Omnipräsenz eines «gleichgültigen, die Welt dem Verderben preisgebenden Gottes» hinzuweisen. Der Bosnien-Krieg, die Vertreibungen in Kosovo und die Bombardierung Serbiens liefern das Material, aus dem der Erzähler seine Lektionen bezieht. Der Plural ist wichtig: «Man kann so vieles behaupten, erklären! Und warum sollte man sich nur auf eine einzige Lösung versteifen?» Ohne Frage: Wer sich auf Darvasi einlässt, setzt sich Konfusionen aus; doch folgt aus der Logik des Widerspruchs, dass der Chronist täglicher Tragödien sich auch als «Geschichtskomiker» und «Bluthumorist» begreift und den komödiantischen Kern des Grauens freilegt: «Ich habe begriffen, sagte ich, dass der Ulk in gewissem Sinne der Grundstoff der Geschichte ist.» Im Spiegel einer Diktion, in der die Übergänge von der Prosa in die Poesie fliessend sind, erscheint das Schreckliche auch als das Schöne, wie es sich etwa dort offenbart, wo der «Engel des Krieges» die Augen öffnet und eine Frau die «Sprache des Grases» versteht... Fortsetzung

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