Eine fliegende Festung von Günter Herburger, 2002, A11.) - 2.)

Eine fliegende Festung.
Gedichte von Günter Herburger (2002, A1-Verlag).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 5.4.2002:

Lauf und Wahn eines Phantastikers. Die Eroberung der Luft
Zum 70. Geburtstag von Günter Herburger

Es gäbe, wenn ich nicht weiterliefe", so gestand Günter Herburger schon vor Jahren, "bald keine Heimat mehr." Die Heimat dieses Schriftstellers und seiner bewegungshungrigen Helden ist tatsächlich kein fester geographischer Ort. Sie liegt im Draußen, im panischen Aufbrechen und Davonlaufen, im endlosen Unterwegssein und ziellosen Vagabundieren quer über die Kontinente. Schon 1954 hielt es der zweiundzwanzigjährige Sanskrit-Student in der "formierten Gesellschaft" der Adenauerzeit nicht mehr aus, floh aus München und wagte den Aufbruch ins Unbekannte. In Nordafrika verdingte er sich als Straßenarbeiter, den Winter verbrachte er im Armenviertel von Madrid. Auf Umwegen gelangte der poesiehungrige Vagabund nach Paris, wo er durch Zufall den Schriftsteller und Multimillionär Joseph Breitbach kennen lernte, in dessen Salon der junge Autor zum ersten Mal mit dem Narzissmus des literarischen Milieus konfrontiert wurde.

Viel später schrieb Herburger eine Eloge auf Breitbach, der ihn in die "Schönheit des Konjunktivs" eingeführt habe. Sein erster Auftritt bei der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna im Jahr 1964 und die Publikation seines Prosa-Erstlings Eine gleichmäßige Landschaft schienen seine Karriere auf die Erfolgsbahn zu lenken, aber Herburger zog es vor, seiner gänzlich unpragmatischen Lust am Utopischen und an der exzentrischen Abweichung nachzugeben. Obwohl seine Unfähigkeit zum Dogmatismus schon früh notorisch war, trat er Anfang der siebziger Jahre in die DKP ein und träumte einige Zeit vom "Kommunismus der Sprache". 1973 begann er mit seiner Arbeit an der Thuja-Trilogie, einem epischen Großprojekt, das im ersten Teil, dem 1977 in zwei Teilbänden erschienenen Roman Flug ins Herz, noch mit einer naiven Revolutionsgläubigkeit kokettiert, die dann in den Folgebänden den wilden Imaginationen eines utopisch-phantastischen Entwicklungsromans weichen muss. Im Abschlussband Thuja (1991) frönt Herburger schon jener Lust an phantastischen Abschweifungen und erzählerischen Zickzackbewegungen, die auch den Stil seiner großartigen Laufbücher Lauf und Wahn (1988) und Traum und Bahn (1994) prägen werden.

Seit 1983 hat Herburger die Fluchtbewegung des Laufens zu einem Programm der Lebensrettung gemacht. Seit dieser Zeit durchmisst er als sich immerfort schindender Marathonmann alle Erdteile des Planeten und erprobt in seinen selbstquälerischen Exerzitien der Verausgabung eine neue Durchlässigkeit und Sensibilität der Wahrnehmung. Um die Albträume eines sich zunehmend verfinsternden Geistes abzuschütteln, bleibt nur die aktive Flucht des Ich, das sich auf seinen Kreuzwegen - so der Titel eines Text-Bild-Bandes von 1988 - von Furien der Todesangst gehetzt weiß.

So flieht zum Beispiel der Erzähler von Herburgers zuletzt erschienenem Roman Elsa (1999) auf den höchsten Kirchturm der Welt, um dort ungestört seine manisch betriebene Schreibarbeit fortsetzen zu können. Auf dem Dachboden des Ulmer Münsters findet der aus der psychiatrischen Klinik entlassene Held für einige kurze Glücksmomente zur Ruhe und kritzelt hieroglyphische Zeichen auf seinen Handrücken. Fluchtpunkt des Erzählers ist dort also die Vertikale, ein luftiges Asyl zwischen Erde und Himmel, in dem es sich gut träumen, singen und sinnieren lässt.

Als rettendes Asylum hat Herburger in seinem neuen Gedichtband erneut einen Ort zwischen Erde und Himmel gewählt. Schon im Vorwort zu seinem Gedichtband Orchidee (1977) hatte er seinen Lesern empfohlen, "Gedichte wie Luftschiffe zu benützen, denn wer nicht zu fliegen wage, verzichte auf Übersicht und Mut". Nur im Flug kann das Wahnsystem der Realität überwunden werden, nur das Fliegen öffnet jenen Raum des Phantastischen, den Herburger mit seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen besiedeln will. Den neuesten Zielort seiner Flug-Phantasien hat der Autor vor einiger Zeit in einem kleinen Altarbild des mittelalterlichen Malers Stefano di Giovanni entdeckt, das den Titel La fortezza volante ( Die fliegende Festung ) trägt. Dieses Altarbild zeigt den Heiligen Franziskus, der von einem Engel bewacht wird, vor einem eigentümlichen Bauwerk, einer in der Luft schwebenden Festung mit mehreren Stockwerken. 1972, in der Titelgeschichte seines Erzählungsbandes Die Eroberung der Zitadelle, hat Herburger diese Festung erstmals erzählerisch konturiert. Einige Kinder bauen hier an einem phantastischen Schloss einer zum Schweben gebrachte Zitadelle.

Natürlich entgeht Herburger nicht, dass das Motiv der "fliegenden Festung" auch lebensfeindliche Konnotationen hat. Denn als "fliegende Festungen" bezeichnete man auch die hochgerüsteten Bomberflugzeuge der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die ihre tödliche Fracht über deutschen Städten entluden. An zwei Stellen seines neuen Gedichtbands thematisiert Herburger die prekäre Widersprüchlichkeit seines Lieblingsmotivs. Im Gedicht "Buchenwald" ist direkt vom Bombenkrieg die Rede, im andern Fall erweist sich die "Festung des Lebens" als der Garten einer amerikanischen Universität, der zum Leichenschauhaus umfunktioniert worden ist.

Die wilde Phantastik, die schon immer als Antriebskraft der Herburgerschen Texte fungierte, hat sich in diesen neuen Gedichten weitere Freiheiten erkämpft. Die Imaginationslust des Autors springt wieder mal über alle Versgrenzen und psychologischen Plausibilitäten hinweg und erschafft einen Raum der frei schweifenden Assoziationen und kryptowissenschaftlichen Exkurse, in dem kein archimedischer Punkt mehr auszumachen ist. Als besonders drastisches Exempel schier uferloser poetischer Digressionen lässt sich das lange Erzählgedicht Der Kopf anführen, das sich über 20 Seiten erstreckt, die Protagonisten in abseitigste Geschichten und Legenden verstrickt und dabei alle möglichen natur- und geisteswissenschaftlichen Wissens-Fragmente und Literatur-Zitate von Kafka bis Alan Turing in sich aufsaugt. An jeder Wegkreuzung dieser neuen Lebens-Reise lauert ein kleines Wunder, das die Neugier der lyrischen Helden zu neuen phantastischen Imaginationen reizt. Als Vorbildfigur seiner universalpoetischen Verschmelzungskunst zitiert Herburger einen Enzyklopädisten aus dem heimatlichen Allgäu - den Philosophiehistoriker Jakob Brucker, der lange vor Diderot das abendländische und asiatische Weltwissen in einer 9.000 Seiten umfassenden Philosophiegeschichte zusammenfasste. Seine eigene enzyklopädische Raserei will Herburger in einer lyrischen "Epopöe, einem kleinen Heldengedicht" bündeln. Weil er sich selbst die Lizenz zum wuchernden Phantasieren erteilt, gehorchen diese neuen Gedichte aber eher jenem Gestaltungsprinzip, das er schon 1967 in einem Kursbuch-Essay verkündete. Damals schon wünschte sich Herburger Gedichte "wie vollgestopfte Schubladen, die klemmen".

Diese Poetik der "vollgestopften Schubladen" korrespondiert aufs schönste mit jenem Abschweifungs-Furor, die der Autor in Lauf und Wahn zum Schreibprogramm erhebt. Denn dort agiert ein durch verschlungene Satzperioden sich vorwärts tastender Erzähler, der sein Bewusstseinserweiterungs-Programm mit Abschweifungen über Biochemie, Zahlenmystik, Festkörperphysik und Kompositionslehre füttert.

In Lauf und Wahn hatte Herburger auch erstmals seinen Wunsch formuliert, "die Stärke eines Zen-Meisters zu besitzen". Im fotografischen Mikroroman Das Glück (1994) und in den Lauf-Novellen des Bandes Humboldt (2001) ist er diesem Ideal schon ziemlich nahe gekommen. An einer Stelle in Humboldt berichtet der Erzähler von der Durchschreitung eines "Zen-Tors", eines aus gebleichten Ästen errichteten Gebälks, das irgendwo in der mauretanischen Wüste die Bahn des Läufers kreuzt. Mit der Durchschreitung dieses imaginären "Zen-Tors" glaubt sich der Läufer affiziert von jenem "ekstatischen Zustand der Leere", den Herburger einst als utopischen Zielpunkt seiner Poetik definiert hatte. Zu den Visionen des inspirierten Mystikers Herburger gehört wohl auch die Ankündigung, dass er im Jahr 2022 sterben werde, im Alter von 90 Jahren. Bis dahin, da bin ich mir sicher, wird er längst jene "fliegende Festung" erreicht haben, die ihre Bewohner unverletzbar macht.

Anlässlich des 70. Geburtstags von Günter Herburger hat seine Heimatstadt Isny (Allgäu) eine Ausstellung über Leben und Werk des Langstreckenschreibers eingerichtet. Unter dem Titel Dichtung und Wahrheit als Beruf ist sie dort in der Städtischen Galerie im Turm bis zum 28. 4. zu sehen.

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Eine fliegende Festung von Günter Herburger, 2002, A12.)

Eine fliegende Festung.
Gedichte von Günter Herburger (2002, A1-Verlag).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 8.1.2003:

Luftschiff für Übersicht und Mut
"Eine fliegende Festung": Günter Herburgers Traum von einem Heldengedicht

Als Lieblingshelden aus der Literaturgeschichte sollte Günter Herburger den Fliegenden Robert aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter adoptieren. Denn nur dieser Märchenheld verfügt über die Fähigkeiten, die Herburgers Figuren zur erfolgreichen Realisierung ihres Überlebensprogramms benötigen. Den Ort ihrer Rettung können sie auf dem Landweg nicht erreichen. Zwar legen die exzentrischen Antihelden in der Romantrilogie Thuja (1977 - 1991) extreme Entfernungen zurück, durchqueren auf diversen "Kreuzwegen" das Allgäu, die Kindheitslandschaft des Autors, ohne jedoch, ebenso wenig wie die Protagonisten der späteren Laufbücher, am Ziel ihrer Lebensreise anzukommen. Denn ihr Zielort ist den Gesetzen der Schwerkraft enthoben und nur auf dem Luftweg erreichbar.

Schon im Vorwort zu seinem Gedichtband Orchidee (1977) hat Herburger seinen Lesern daher empfohlen, "Gedichte wie Luftschiffe zu benützen, denn wer nicht zu fliegen wage, verzichte auf Übersicht und Mut". Nur im Flug kann das Wahnsystem der Realität überwunden werden, nur das Fliegen öffnet jenen Raum des Phantastischen, den Herburger mit seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen besiedeln will. Den konkreten Zielort seiner Flug-Phantasien hat der Autor vor einiger Zeit in einem kleinen Altarbild des mittelalterlichen Malers Stefano di Giovanni entdeckt, das den Titel La fortezza volante ("Die fliegende Festung") trägt. Dieses Altarbild zeigt den Heiligen Franziskus, der von einem Engel bewacht wird, vor einem eigentümlichen Bauwerk, einer in der Luft schwebenden Festung mit mehreren Stockwerken. 1972, in der Titelgeschichte seines Erzählungsbandes Die Eroberung der Zitadelle, hat Herburger diese Festung erstmals erzählerisch konturiert. Einige Kinder bauen hier an einem phantastischen Schloss, einer zum Schweben gebrachte Zitadelle.

In seinem neuen Gedichtband, der zu seinem 70. Geburtstag am 6. April vergangenen Jahres erschienen ist, hat Herburger nun erneut die Fliegende Festung als Zielpunkt seiner phantastischen Lebens-Expedition bestimmt. Dabei entgeht ihm nicht, dass das Motiv der "fliegenden Festung" auch lebensfeindliche Konnotationen hat. Denn als "fliegende Festungen" bezeichnete man auch die hochgerüsteten Bomberflugzeuge der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die ihre tödliche Fracht über deutschen Städten entluden. An zwei Stellen seines neuen Gedichtbands thematisiert Herburger die prekäre Widersprüchlichkeit seines Lieblingsmotivs. Im Gedicht "Buchenwald" ist direkt vom Bombenkrieg die Rede, im andern Fall erweist sich die "Festung des Lebens" als der Garten einer amerikanischen Universität, der zum Leichenschauhaus umfunktioniert worden ist.

Die wilde Phantastik, die schon immer als Antriebskraft der Herburgerschen Texte fungierte, hat sich in diesen neuen Gedichten weitere Freiheiten erkämpft. Die Imaginationslust des Autors springt wieder mal über alle Versgrenzen und psychologischen Plausibilitäten hinweg und erschafft einen Raum der frei schweifenden Assoziationen und kryptowissenschaftlichen Exkurse, in dem kein archimedischer Punkt mehr auszumachen ist. Als besonders drastisches Exempel schier uferloser poetischer Digressionen lässt sich das lange Erzählgedicht "Der Kopf" anführen, das sich über zwanzig Seiten erstreckt, die Protagonisten in abseitigste Geschichten und Legenden verstrickt und dabei alle möglichen natur- und geisteswissenschaftlichen Wissens-Fragmente und Literatur-Zitate von Kafka bis Alan Turing in sich aufsaugt.

Die beiden Protagonisten, die in "Der Kopf" als apokalpytische Reiter zunächst durch ein sehr geschichtsbeladenes Allgäu reiten, sind alte Bekannte aus früheren Herburger-Werken. Da ist zum einen Angela, die als körperlich und geistig Versehrte schon die Landschaften der Thuja-Trilogie durchwanderte, und zum andern der Gelehrte Hans Magnus Vorhölzel, eine Mischung aus Heimathistoriker und jenem ungleich prominenteren Hans Magnus, der seinerseits schon den "Fliegenden Robert" zum Helden eines Gedichts erhoben hat.

Zwischen Heimat- und Bewusstseins-Poem vermag sich Herburger nicht so recht zu entscheiden, und so jagt "der Kopf" den Leser durch ein richtungsloses Labyrinth von kühnen Einfällen und krausen Ideen. An jeder Wegkreuzung dieser seltsamen Allgäu-Reise lauert ein kleines Wunder, das die Neugier der lyrischen Helden zu neuen phantastischen Imaginationen reizt. So kann ein Gedicht wie "Asche am Rand" mit einer astronomischen und physikalischen Belehrung beginnen und in einer Beschwörung des eigenen Vaters enden, einem Tierarzt, der 1941 bei einer Operation von einer Kuh aufgespießt wurde: "Die Brillenpagode, ein rasender Doppelstern / mit viel Lithium, als sei er ein Planet, / ein grässlich junger Brutofen. / Aus ihm könnten wir stammen, baryonische Masse, / nach Strahlung bleibt übrig nur ein Proton, / dunkel der große Rest, als gebe es kein All."
Aber nirgendwo werden die "umherwirbelnden Partikel" aus Traumsequenzen, enzyklopädischer Recherche und Lexikonwissen einem Formprinzip unterworfen, es sei denn dem der surrealistischen "écriture automatique". Als Vorbildfigur seiner universalpoetischen Verschmelzungskunst zitiert Herburger einen Enzyklopädisten aus dem heimatlichen Allgäu - den Philosophiehistoriker Jakob Brucker, der lange vor Diderot das abendländische und asiatische Weltwissen in einer 9000 Seiten umfassenden Philosophiegeschichte zusammenfasste. Seine eigene enzyklopädische Raserei will Herburger in einer lyrischen "Epopöe, einem kleinen Heldengedicht" bündeln. Weil er sich selbst die Lizenz zum wuchernden Phantasieren erteilt, gehorchen diese neuen Gedichte aber eher jenem Gestaltungsprinzip, das er schon 1967 in einem Kursbuch-Essay verkündete. Damals schon wünschte sich Herburger Gedichte "wie vollgestopfte Schubladen, die klemmen".

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