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Eine Art
Liebe.
Roman von Katharina
Hacker (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Sabine
Peters in der Frankfurter Rundschau, 29.10.2003:
"Man erzählt eine Geschichte, weil man sie
erzählen kann, oder man erzählt sie, weil man sie nicht erzählen kann",
sagt Moshe Fein, und weiter: "Du magst doch... die Geschichte vom Rabbi
Jissachar Bär: Meine Lehre ist, kann man nicht drüber weg, muss man eben doch
drüber weg." In Katharina Hackers neuem Roman wird wiederholt die Frage
gestellt, ob und wie es möglich sein könnte, sozusagen den viereckigen Kreis
zu ziehen und von dem zu sprechen, was man nicht versteht. Das ist in diesem
Fall die Shoa, die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.
Katharina Hacker, Jahrgang 1967, hat unter anderem in Jerusalem studiert; neben
ihrer Arbeit als Autorin übersetzt sie aus dem Hebräischen - und die Ich-Erzählerin
Sophie in ihrem Roman Eine Art Liebe ist eine junge Deutsche, die
ebenfalls für einige Zeit nach Israel geht, wo sie den älteren Rechtsanwalt
Moshe Fein kennenlernt. Er beauftragt sie, die Geschichte seines Freundes Jean
aufzuschreiben, und sie solle, wo seine eigenen Erinnerungen nur noch bruchstückhaft
sind, versuchen, mithilfe der eigenen Imagination weiterzukommen. Moshe erinnert
sich nicht gern an die Vergangenheit: "Kann man sich an etwas erinnern, was
man nicht verstanden hat und nicht versteht?"
Der Weg zu Jean führt über den ursprünglich jüdisch-deutschen Moshe, der
1938 als Achtjähriger mit seinen Eltern aus Berlin fliehen musste. Die brachten
ihn in einem streng katholischen französischen Internat unter, wo er unter
falschem Namen, als getaufter Christ und angehender Novize die Naziherrschaft überlebte.
Moshes Eltern wurden an der Schweizer Grenze aufgegriffen und in Auschwitz
ermordet. Während der Internatszeit fand Moshe beziehungsweise
"Jean-Marie" seinen Freund Jean. Obwohl beider Lebenswege nach dem
zweiten Weltkrieg unterschiedlich verlaufen, bleiben die erwachsenen Männer
Freunde: Hier Moshe, Rechtsanwalt in Israel, da Jean, Trappist in einem französischen
Kloster.
Zahlreiche Rückblenden, Andeutungen, Vermutungen und auch Auslassungen legen im
Verlauf des Romans die Frage frei, ob die Freundschaft, ob das nahezu brüderliche
Verhältnis der beiden tatsächlich eine Freundschaft war, oder ob von Anfang an
ein Verrat zwischen ihnen stand. Jean hat Schuldgefühle; bei einem Treffen in
einer Kirche weist er Moshe auf das Bild von Kain und Abel hin, und fast beiläufig
wird festgestellt, dass Jean seinem Vater, einem Nazi-Kollaborateur, noch während
der Internatszeit den eigentlichen Namen seines Freundes "Jean-Marie"
verraten hat und Moshe damit in Lebensgefahr brachte. Man könnte sagen,
Katharina Hacker zeige Moshe und Jean als eine Art double. Der eine ergänzt
und wiederholt den anderen, spiegelt sich im anderen, der eine ist nur zu denken
in Verbindung mit dem anderen.
Eine Art Liebe ist seiner Konstruktion nach ein vieldeutiges,
verschlungenes, ja, manchmal gewundenes Buch; und auch der Sprachduktus wirkt
spröde, skeptisch gegenüber der Vorgabe, "erzählen" zu sollen. Die
Autorin gehört offensichtlich nicht zu denjenigen, die das Klischee vom
"faszinierenden Faschismus" bedienen wollen, die in "mitreißenden"
Bildern auf ein wohliges und letztlich selbstgenügsames Schaudern beim Leser
hinarbeiten. Der Roman wahrt vielmehr Distanz, er will sich nicht anmaßen, das
Schicksal eines Überlebenden der Shoa zu erzählen, sondern folgt der
Aufforderung, Jeans Leben wiederzugeben oder eben zu erfinden. Erst in
diesem Prozess stellt sich heraus, dass der Eine nicht zu denken ist ohne den
Anderen - und über diesen Umweg mag es der Autorin möglich gewesen sein, ihre
Skrupel hinsichtlich der "Erzählbarkeit" und
"Erfindbarkeit" einerseits beizubehalten, andererseits aber trotzdem
Elemente aus Moshe Feins Leben wiederzugeben. "Kann man nicht drüber weg,
muss man eben doch drüber weg."
Vielleicht ist es keine Über-Deutung, wenn man vermutet, dass die Autorin mit
der Freundschaft zwischen Jean und Moshe auch die so enge wie zerstörerische
Beziehung zwischen Christen- und Judentum thematisiert. Wenn Jean den Freund und
sich selbst bebend im Bild von Kain und Abel wiedererkennt, wehrt Moshe
allerdings ab: Er habe niemanden erschlagen und sei auch selbst nicht erschlagen
worden. Jean, der ungläubig gewordene Trappist, verlässt schließlich sein
Kloster, verschwindet und wird in Berlin, der Herkunftsstadt des Freundes, tot
aufgefunden, er kam bei einer Schlägerei um. Und Moshe fragt sich, ob Jean Buße
üben wollte für den Verrat an einem Juden und dieses sehr christliche
Unterfangen durch seine Gottesleugnung ad absurdum führte.
[...diese und weitere Besprechungen
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