Ein dunkelblauer Schuhkarton von Jochen Jung, 2000, Haymon1.) - 2.)

Ein dunkelblauer Schuhkarton.
100 Märchen und mehr von Jochen Jung (2000, Haymon).
Besprechung Cornelius Hell aus Rezensionen-online *LuK*:

Hundert und mehr
Jochen Jungs Märchenminiaturen

Es war einmal ein Lektor. Ein Lektor ist ein Autor, der nicht schreibt – so hat es uns vor Jahren ein Buch gesagt. Unser Lektor aber hat geschrieben. Vielleicht hat er, wie einst Johannes Bobrowski, in seiner Schreibtischlade ein kleines Buch gehabt und geschrieben, wenn es keiner sah. Oder er hat, wie Otto F. Walter, als er noch Lektor war, nachts am Balkon gymnastische Übungen gemacht, um Kraft zum Schreiben zu haben. Aber nein, daß paßt nicht zu ihm, denn unser Lektor hat Märchen geschrieben. Niemand hat davon gewußt. Man kannte ihn eben nur als Lektor und dann gar als Verlagschef. Doch dann kamen böse Zauberer und ließen ihn über Nacht von dort verschwinden. Und nun zeigte es unser Lektor allen – daß er selbst ein Autor ist. Er veröffentlichte seine Märchen: »Hundert und mehr«, wie es im Titel heißt. Und weil nur siebenundachtzig im Buch stehen, hat er sich wahrscheinlich noch welche aufgehoben.

Darin ist von einem Kannibalen und von einem Zwerg die Rede, von den Füchsen, dem Seehuhn und allerlei Tieren, wie es sich für Märchen eben gehört; und natürlich vom Großvater und vom Weihnachtsmann. Wie in den alten Märchen werden auch hier die Dinge lebendig und haben ihre Stimme. Ja, die Dinge haben es den Autor besonders angetan. Und wie es sich gehört, beginnen alle Märchen mit »Es war einmal…«. Wie schön, daß sogar die Gebrüder Grimm darin einen Auftritt haben.

Überschriften wie »Der Bankangestellte«, »Die Auktion« oder »der Fallschirmspringer« zeigen: es sind nicht nur »Märchen aus alten Zeiten«, die ihrem Autor nicht aus dem Sinn kommen. Ja, diese Märchen haben tatsächlich etwas von Heinrich Heine in sich: Wie der Märchenton präzise getroffen und ironisch unterminiert wird, wie Perspektiven aufgebaut und gebrochen werden, das erinnert an Heines Umgang mit dem ganzen Inventar romantischer Poesie. Wie bei Heine könnte man bei einzelnen Texten lange pro und kontra argumentieren, Tiefsinn, Andacht, Glorifizierung der Einfachheit oder dergleichen mehr, wie es im Umgang mit Märchen immer zu befürchten ist, hat diese Märchen jedenfalls nicht verdorben. Es ist die hintergründige Ironie, die die alten Vorlagen umspielt, aber nicht zerstört, die die Lektüre der Jungschen Märchen so amüsant und anregend macht.

Den Rezensenten haben sie jedenfalls in ihrer Leichtigkeit so amüsiert, daß er das Schreiben auf die leichte Schulter genommen hat. Er hat von Zeiten geträumt, in denen angeblich nicht das (vor)schnelle Urteil zu möglichen Bestsellern zählte, und hat sich dabei immer tiefer in die Märchenwelt verstrickt. Und ist mit seinem Beitrag säumig geworden.

Unser Lektor hat inzwischen wieder einen Verlag – seinen eigenen. Aber wenn der Autor in ihm nicht gestorben ist, so schreibt er noch heute. Und das wollen wir hoffen, denn er kann es und weiß uns auf die intelligenteste und feinste Weise zu unterhalten. Es wäre schade, wenn seine Märchen schon zu Ende wären.

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Ein dunkelblauer Schuhkarton von Jochen Jung, 2000, Haymon2.)

Ein dunkelblauer Schuhkarton.
100 Märchen und mehr von Jochen Jung (2000, Haymon).
Besprechung von
Marion Löhndorf aus der Neue Züricher Zeitung, 2002:

Phantastische Zuspitzungen
Jochen Jungs Märchen für Erwachsene

Eine stattliche Stichwortliste findet sich im Verzeichnis des schmalen Bändchens. Auch der titelgebende dunkelblaue «Schuhkarton», vage an Else Lasker-Schülers gleichfarbiges Klavier erinnernd, ist darunter. Unbenutzt verstaubt er in einem Keller, während die Schuhe, denen er einst als Behältnis diente, «wohl schon weit herumgekommen» waren auf der Welt. Solch sanfte, weidwunde Melancholie erlaubt sich Jochen Jung nur selten in den vielen, oft weniger als eine Seite kurzen Kapiteln seiner Textsammlung über die grossen und kleinen Dinge des Lebens: «Die Sommersprossen», «Der Tod», «Das H.» und «Der Speck» zum Beispiel. Gemeinsam ist den bunt gemischten Sammlerstücken der scheinbar naive, wie auf Kinderperspektive zugeschriebene Ton – und der Anfang.

«Es war einmal», heisst es immer in klassischer Märchen-Manier. Manchmal folgt darauf tatsächlich eine Fabel aus eigener Fabrikation. In anderen Fällen ist es eine Beschreibung des titelgebenden Gegenstandes, eine wortklauberische Eulenspiegelei, ein Kalauer oder eine erfindungsreiche Albernheit. So etwa die vom Gummibären, der eines Nachts davon träumt, ein echter Bär zu sein, vor Schreck seine Farbe verliert und erst am nächsten Tag wieder zu grüner Buntheit zurückfindet. Ein ernsteres Schicksal ereilt den Radiergummi, der sich nur merkt, was er ausradiert hat, «Fehler über Fehler, Achtlosigkeiten, Peinliches». Dass er zum Schluss nur mehr aus unerfreulichen Nichtigkeiten besteht, sodann verbraucht und deformiert auf den Müll geworfen wird, ist die Moral von der Geschicht'.

Noch andere der jungschen Fabeln und Parabeln enthalten subkutane Aufforderungen zu positiver Lebensführung oder Kritik an menschlichem Verhalten, wie etwa Dummheit oder Bosheit. Freier entfalten sich die Geschichten, in denen er Alltagssituationen weiterspinnt, Verschiebungen und Zuspitzungen ins Phantastische herstellt oder Situationen vorgibt, die er vielsagend und tückisch ins Leere laufen lässt. In grundlose Tiefen und allzu grotesk surrealistische Gespinste begibt er sich dabei nicht; selten verliert man beim Lesen den Boden unter den Füssen. Fast nie, ausser in vereinzelten valentinesken Eskapaden verlässt der Text wohlbekannte Pfade von Moral und Verständlichkeit.

Das Buch lädt weniger zum En-suite-Lesen ein, als vielmehr zum Gelegenheitsgebrauch, zum Darin-Blättern und Herumstöbern. Seine wohltemperierte Unterhaltsamkeit liegt in der Vielfalt der Themen und Tonarten und in der Frage, was dem Autor zu den jeweiligen Titeln eingefallen sein mag: Darin vor allem besteht die Hauptattraktion.

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