Ein Duell von Rudolf Bussmann, 2006, ArcheEin Duell.
Roman von Rudolf Bussmann (2006, Arche-Verlag).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 3.1.2007:

Der Realist und der Idealist
Rudolf Bussmanns Roman "Ein Duell" macht eine sehr schematische Rechnung zwischen zwei Männern auf - und klingt streckenweise wie ein Lebenshilfe-Ratgeber

Einst waren sie unzertrennliche Freunde gewesen. Erst am Gymnasium, dann als Jura-Studenten, als sie sich sogar eine gemeinsame Wohnung teilten und - unwissentlich - dieselbe Frau. Die entschied sich schließlich für Juan Sommer, den pragmatischeren der beiden, eine Beziehung, die gerade mal zwei Monate halten sollte. Zuvor hatte Ottavio Frick als dramatischer Held den zum Rivalen mutierten Freund mit dem Küchenmesser bedroht.

Nach langen Jahren trifft man sich unverhofft wieder. Sommer arbeitet mittlerweile als Firmensanierer, wobei seine Geschäftsphilosophie als Controller nach dem Prinzip des "Changing management by itself" funktioniert. Im Klartext: Er lässt die Dinge einfach laufen, während er schlicht zuhört und allein dadurch meist schon die interne Gruppendynamik anstößt. Zudem eilt ihm der Ruf voraus, jede seiner Firmensanierungen ende mit einer Verlobung, so ausgiebig sprächen sich die Damen an seiner Brust aus.

Ottavio Frick hatte seine Karriere als Richter aufgekündigt und war auf einigen Umwegen in der Direktionsetage genau des Unternehmens gelandet, das nun Sommer wieder auf profitablen Weg bringen soll, und das auf den bedeutungsvollen Namen "Usual Ltd." hört. Frick ist noch immer der versponnene Idealist, der sich für seine privaten Utopien mit einer an Schrulligkeit grenzenden Emphase begeistert und dem coolen Skeptiker Sommer die Geschichte seines Lebens fast schon aufdrängt. Geht es doch darum, den Beweis zu führen, "dass es das Große im Leben gibt. Dass die große Liebe kein leeres Wort ist."

Taschen voll Tabletten

Der neunundfünfzigjährige Schweizer Autor Rudolf Bussmann erzählt eine Geschichte von Lebenskrisen und rettenden Zufällen, schicksalhaften Verkettungen, Freundschaft, Verzweiflung und der großen Liebe, fern von Rationalität und Zukunftsverheißung. Verstört über ein seltsames Leiden, ihm war als könne er seine eigene Stimme nicht mehr hören, war Frick nach Paris gefahren. Die Manteltaschen voll mit Schlaftabletten. Noch einmal will er in die Bibliothek, um ein kleines Büchlein zu lesen, das ihn zu Schulzeiten tief beeindruckt hatte. Das Traktat von Victor Segalen, einem weitgereisten französischen Arzt vom Ende des 19. Jahrhunderts, über die Lust am Fremden, darüber, dem "von mir Diversen" die "eigenen Grenzen zu öffnen und sich in ihm neu zu erfahren".

Dennoch fühlt Ottavio Frick sich am Ende angekommen und streift ziellos durch die Stadt, auf der Suche nach seinem Ort "für den letzten Blick". Dabei gerät er in eine Fotoausstellung und begegnet dem Blick der Künstlerin. Er verabredet sich mit ihr für den folgenden Tag - der Beginn einer Liebesgeschichte, die ihn am Ende bis nach Ostberlin führen wird. Die schöne Fotografin mit dem Lächeln der ägyptischen Prinzessin Hatschepsut muss nämlich wieder zurück hinter den Eisernen Vorhang, wo Frick die krebskranke Frau später aufspürt. Dass er nur mit einem Tagesvisum einreist und Monate bleibt, spielt am Ende keine Rolle. Der Gang der Geschichte hat das Problem gelöst, denn als er nach dem Tod der Geliebten wieder gen Westen zieht, ist die Mauer gefallen.

Es ist das imaginäre und ungleiche Duell zweier Lebenshaltungen, die Bussmann inszeniert. Juan Sommer, der Realist, der Dinge und Frauen nimmt, wie sie kommen, spielt dabei als leidenschaftsloser Zuhörer den entschieden blasseren Part. Dafür stattet der Autor Ottavio Frick, den ruhelosen Idealisten, mit einem Hang zu bedeutungsschwerer Metaphorik aus. Er lässt ihn ein "Brevier der Nähe. Eine Einführung in den Exotismus des Unscheinbaren" verfassen, inspiriert von seinem Vorbild Segalen.

Dinge stehen vor der Tür

Er widmet es "Den Verstummten. Den Ertaubten. Den Gewohnheitskrüppeln. Den von Nahweh Gepeinigten", und scheut sich nicht vor Sprüchen aus dem Lebenshilfe-Ratgeber wie: "Die Dinge stehen vor deiner Tür, mach ihnen auf!" oder "Lebe diesen Tag. Es ist der letzte!", eine, wie man meinen sollte, als "Carpe Diem" bereits hinlänglich bekannte Lebensphilosophie. Bussmann treibt diesen Ottavio Frick auch sprachlich in eine expressionistische Verschrobenheit, lässt ihn wie von manischen Aufschwüngen getrieben agieren, wenn er sich nächtelang in Enthüllungen gegenüber dem alten Jugendfreund ergeht. Ein Tanz am Abgrund.

Weniger verstiegen sind die Passagen, die in der harten, ostdeutschen Krankenhausrealität spielen oder die Arbeit der Fotografin beschreiben. Mit wenigen klaren Strichen gelingt Bussmann hier ein beklemmendes Bild des unmenschlichen Klimas einer Diktatur, über künstlerisches Verstummen, wenn es da lapidar heißt: "Es gab keinen Menschen mehr, für den Bilder zu machen sich gelohnt hätte."

Was der eine für ein beispielhaftes Dokument des Gelingens hält, ist für den anderen ein Scheitern. Es gibt keine Klingen mehr zu kreuzen in diesem Duell, das eher die Chronik eines sich ankündigenden Todes ist. Der Zweikampf findet am Ende wohl eher in Ottavio Frick selber statt. Sieger sind nicht auszumachen. Oder doch?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0107 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau