Ein Bulle im Zug von Franz Dobler, 2014, TropenEin Bulle im Zug.
Roman von Franz Dobler (2014, Tropen).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ, 11.11.2014:

Franz Doblers "Ein Bulle im Zug" ist ein Bahncard-Krimi
Diese 284 Seiten sind ein Erzählstrom, der viele Flüsse aufnimmt, aber auch Berge von Zivilisationsmüll mitschleppt: Franz Doblers Krimi "Ein Bulle im Zug" kreist nur vordergründig um ein Verbrechen und wird getragen vom Sound einer virtuosen Text- und Szenen-Collage.

Kriminalhauptkommissar Fallner aus München leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sein Fall ist in Kürze dieser: Er hat einen Jungkriminellen erschossen, der seine Waffe zog. Also in Notwehr. Meint F. jedenfalls. Verzwickt nur, dass die Waffe weg ist und der Kollege nichts gesehen hat.

Ein internes Verfahren schwebt, die Therapeutin müht sich, der tote Maarouf mischt sich in F.s Träume und Gespräche. Seine flotte Jacqueline, selbst „Bulle“ (wie es hier immer heißt), ist genervt, der Chef hat ihn beurlaubt, bis F. sich endlich eine Bahncard 100 kauft – quasi Kindheitstraum!

Dann geht’s los mit dem Weißen Hai, sonst ICE genannt. Berlin, Frankfurt, Leipzig mit den großen Bahnhöfen und Vorplätzen, schmierige Kneipen, dubiose Pensionen, ein Bullen-Restaurant. Und dann mit der Regionalbahn zurück ins öde Kaff der Kindheit, zu einem debilen Nazivater (gibt’s die wirklich noch?) – und, auch Sentimentalität muss sein, zur unvergessenen Kindheitsliebe.

Franz Dobler ist ein großer Kenner amerikanischer Musikstile

All das ergibt nur einen schwachen Handlungszusammenhang. Es kommt also auf die Sprache an. Und diese 284 Bahnfahrt-Seiten sind ein Erzählstrom, der viele Flüsse aufnimmt, aber auch Berge von Zivilisationsmüll mitschleppt: F.s grübelnde Selbstbefragung, seine deftigen Erinnerungen an Kneipen, Bett- und Gewaltszenen, echte und erdachte Therapiegespräche, die Kommentare des untoten Maarouf, Speisewagengespräche, jede Menge Obszönitäten und igitt-Wörter, Kalauer, Bullenwitze, über die keiner lacht, Musikfetzen, einmal sogar ein Gedicht.

Das ist technisch virtuos, man merkt auch, dass Franz Dobler ein großer Kenner amerikanischer Musikstile ist. Und wer unter all dem noch den Sound von Jörg Fauser – "Der Schneemann", 1981 – heraushört, hat ein feines Ohr.

Im gleichen Jahr 81 fuhr übrigens ein arbeitsloser Junglehrer mit seiner „Netzkarte“ durchs Land, das damals noch so schmal war wie ein Handtuch. Das war romantisch wie der "Taugenichts" von Eichendorff, und Sten Nadolny so gewitzt, die ziellose Fahrt aufs Novellenformat zu beschränken. Dass die Bahncard 100 heute 4000 Euro kostet und die olle Netzkarte damals um tausend Mark, heißt aber doch nicht, dass die Geschichte auch viermal so lang sein muss!

Die Begeisterung mancher Kritikerkollegen über dieses „großartige Buch“ kann ich also nicht teilen. Dass es aber kontroverse Meinungen provoziert und die kritischen Geister scheidet, ist an sich schon eine Qualität. Oder ein Fall – wie der junge Fritz Schiller sagt – für das Urteil „des lesenden Publicums“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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