Einbruch der Landschaft von Udo Kawasser, 2007, RitterEinbruch der Landschaft.
Prosa von Udo Kawasser (2007, Ritter Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer aus Rezensionen-online, 2007:

Einbruch ist so ungefähr das aufregendste Wort, das in der Literatur auftauchen kann. Da gibt es den Klassiker im Krimibereich, wo einfach ein Einbruch geschieht, im Sport erleiden Helden oft knapp vor dem Ziel ihren totalen Einbruch und auch der psychische Einbruch ist nicht ohne. Wenn nun plötzlich die Landschaft einbricht, steckt vermutlich ein geographisch psychologisches Urereignis im Hintergrund.

Udo Kawasser schickt einen "traumtänzerischen" Helden auf die Reise in die weite Welt hinaus. Den einzelnen Erzählsequenzen ist dabei immer ein Schlüsselwort vorangestellt. So beginnt das Buch logischerweise mit dem seufzenden Befehl "hinaus. worum du nicht herumkommst. die leere Fläche. der Schmerz. beginnen." (11)

Der melancholische Ich-Erzähler wirft sein bisheriges Leben ab und wuselt sich mit künstlerischen Gelegenheitsarbeiten durch Zürich durch. Das Großstadtleben gleitet wie vakuumverpackte Ware an ihm ab, die soziographisch urbane Landschaft dringt nicht in die Empfindungswelt vor. Parkwege, Kies-Strähnen und von Stadtgärtnern umhegte Kunstbiotope sind vielleicht das Höchste, was an unmittelbare Natur an die Erlebnishaut des Helden gelangt. In der Hauptsache sprudeln psychische Whirlpools durch den Kopf, Erinnerungen und Pläne laufen ineinander über, dazwischen sickert allmählich das Leben von einem Tag auf den nächsten als Gerümpel durch, das ununterbrochen von Erinnerungskehrmaschinen zusammengeschoben wird.

Die Straßenbahn in Zürich lässt sich wie ein Berg besteigen, die Sonne kommt auch in der Stadt ähnlich frech über den Kamm wie im Gebirge, und auf diesen Zürcher Wegen ist vielleicht schon der Grüne Heinrich ähnlich verloren wie jetzt der Erzähler durch das Dickicht der Zukunft geschlapft.

Nach einem einsamen, selbstverlorenen und halb ertanzten, halb erträumten Stadtaufenthalt in Zürich zieht es den Erzähler nach Havanna. Auch diese Stadt setzt wieder mit den ersten Stoßsätzen elementar heiß und wuchtig ein. "Nacht. ich bin so unerträglich wach, so unerträglich erschöpft, das Geräusch des Standventilators, der sich durch die stickige, feuchte Luft schneidet, mit einem lauten Schnarren einrastet, wieder in die Gegenrichtung zu surren beginnt, bis er erneut anschlägt, und so geht das hin und her in meinem Kopf, fällt draußen Regen oder kommt dieses Wischen und Pritscheln von unten?" (87)

Havanna prasselt auf den geflüchteten Tänzer nieder, "ein riesiger Rochen liegt am Himmel" (122), irgendwie ist diese Stadt das Ende der Welt, historisch und geographisch gesehen. In einer heroischen Verklärung Marke Hemingway grast der Held die Schauplätze der Stadt ab mit dem Seufzer: "ich habe keine andere Zeit, als die Zeit, in der ich lebe". Am Schluss fährt der Held mit dem Zug dem Ende zu, die Landschaft wischt unverbindlich vorbei, bis es wie in einem Psychowestern zu diesem wunderbaren Schlusssatz kommt: "gestern hoffte ich, wir würden nie so füreinander empfinden." (141)

Udo Kawasser läßt die Landschaft heftig auf seinen romantischen Erzähler einbrechen, aber dieser schlüpft scheinbar elegant durch alle Fährnisse. So muss man wahrscheinlich heutzutage durchs Leben schlüpfen, wenn man überleben will.

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