Ein Bräutigam und zwei Bräute von Isaac B. Singer, 2004, HanserEin Bräutigam und zwei Bräute.
Geschichten von Isaac B. Singer (2004, Hanser - Übertragung Sylvia List)
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse, Wien vom 14.7.2004:

Erscheinung der Toten
Zum 100. Geburtstag Isaac B. Singers erscheinen eine Biografie und ein Geschichtenband. Erinnerung an den Literatur-Nobelpreisträger Isaac B. Singer

Die magische Welt und die Aufklärung gehen beim Erzähler Isaac B. Singer gut zusammen. In einer Geschichte aus den fünfziger Jahren erzählt er von einer Frau, deren Mann stirbt und dem sie am Totenbett verspricht, nie mehr zu heiraten. Als sie nach Jahren auf Zureden des Rabbis dennoch Hochzeit feiern möchte, erscheint ihr in der Nacht der Tote im Leichenhemd und richtet sie übel zu. Am Schluss fragt sich der Erzähler, ob nicht eine "Freudsche Deutung" des Falles möglich sei. "Unbewusst ( . . . ) hatte sie ihren Mann wohl sehr geliebt."

Singer verfällt nicht dem Reiz des Schaurigen und schlägt sich nicht auf die Seite der Vernunft. Er schafft nicht Klarheit und entscheidet sich nicht für die einzig richtige Wahrheit. Er hält jenen Schwebezustand, in dem die eine Welt und die andere einander ins Gehege kommen, einander aber die Vorherrschaft nicht streitig machen.

Singers Literatur ist voll von Sonderlingen, die obskuren Ideen anhängen, kleinen Leuten, die nie und nimmer ihrem Schlamassel entkommen, Glücksrittern und Pechvögeln, die in den osteuropäischen Schtetln zusammenleben und möglichst ohne Schaden durch ein gewöhnlich bedrückendes Leben zu kommen suchen.

Ach, wie sentimental wurde über die untergegangene Kultur, in der das Jiddische als Umgangssprache gebräuchlich war, bereits geschrieben. Wie häufig wurde der Verlust dieser Welt beklagt, der im Rückblick der Bonus des Heimeligen gegeben wurde, aber in der doch überaus strikte Normen geherrscht und eine göttliche Ordnung als gegeben genommen wurde.

Die Nazis haben ihre Vernichtungsarbeit derart gründlich betrieben, dass nichts geblieben ist als die Erinnerung. Wenigstens die sollte sich nicht mit Trivialisierung und Verniedlichung zufrieden geben. Das lernt man schätzen am Werk von Isaac B. Singer, dem großen Chronisten des Ostjudentums, der sich als geschichtsdurchdrungener Fabulierer einen guten Namen gemacht hat.

Er gibt sich nicht zufrieden mit der Beschreibung der Außenwelt, der Wirklichkeit der Daten und Fakten, er sucht, in den Mittelpunkt der Ereignisse vorzustoßen, wo die Tatsachen durch die Mangel der Seele gedreht werden. Bei diesem Autor ist etwas zu bemerken von einer schroffen Wirklichkeit, in der eine ständig kontrollierende Macht über den Menschen schwebt. Aber diese Menschen sind nicht kontrollierbar. Sie sind ausgestattet mit Leidenschaften und Wünschen, die ihre guten Absichten zu unterminieren trachten. 1978 erhielt Singer für sein Werk den Nobelpreis für Literatur.

Isaac B. Singer entstammt wie sein älterer schreibender Bruder Israel Joshua einer frommen Rabbiner-Familie und war selber drauf und dran, ein Rabbiner zu werden.

Aber sein Bildungshunger war größer, als es einem frommen Mann zuträglich ist, deshalb schaute er über die Grenzen der frommen Denkungsart hinaus und las die modernen Autoren. Das konnte nicht gut gehen, und statt sich der Religion zu verschreiben, versuchte er sich als Journalist und Schriftsteller. In den frühen zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zum Bruch mit der Tradition. "Die Abwendung von der strengen Orthodoxie lag in der Luft, war Bestandteil des jüdischen Zeitgeists", schreibt sein unbeholfener Biograf Stephen Tree aus der windigen Höhe des Erklärungsnotstands. Es ist zu warnen vor diesem Buch eines fahrlässig miserablen Stilisten, der den unverzeihlichen Fehler begeht, literarische Texte des Autors als authentische Zeugnisse des Lebens zu nehmen.

Ein völlig unkritischer Biograf geht einem Dichter auf den Leim, der Wirklichkeit nicht abbildet, wie sie ist, sondern als Material nimmt für Geschichten. Es ist peinlich anzuschauen und ärgerlich zu lesen, wie er in fiktionalen Porträts Menschen aus Fleisch und Blut aus Singers Lebenswirklichkeit ausmacht und Charakterisierungen von literarischen Figuren auf reale Personen überträgt. Es wäre ein schöner Zug von Tree gewesen, wenn er sich um die Eigenart dieser Literatur gekümmert hätte. Um die Bücher schert er sich nur, wenn sie Details für die Lebensbeschreibung abwerfen.

Tree ist fixiert auf Histörchen und Anekdoten und plaudert unbekümmert drauf los. Er malt Szenen plastisch aus, als wäre er selber Zeuge gewesen und hätte penibel Buch geführt. Er kriecht sogar in Singers Gefühlsleben und weiß, wann er "mit ziemlich schlechtem Gewissen" behaftet ist.

Aber Tree legt Singer auch auf die Couch, um als Analytiker Schlüsse zu ziehen: "Seine große Kunst und gewaltige Produktivität, ja sein Charme und schneller Witz werden durch eine ungeheure, manchmal ungeheuerliche Selbstbezogenheit erkauft, mit der er, wie mit dem verkrusteten Panzer eines mächtigen Schalentiers, das schützt, was er als seinen eigentlichen Daseinszweck betrachtet - seine Gestalten und deren Welt."

Nein, das ist nicht schlecht übersetzt, Stephen Tree, in der Schweiz aufgewachsen, schreibt angeblich Deutsch. Als Alma Wassermann ihre Familie verlässt, um mit Singer ihr Leben zu verbringen, schätzt Tree scharfsinnig ihre Rolle ein: "Als Stütze, als Vermittlerin zur Welt, als treu sorgende und liebevolle Gefährtin."

Am 14. Juli feiert die Welt den 100. Geburtstag Isaac B. Singers, obwohl das Datum umstritten ist. Es ist möglich, dass er sich um rund zwei Jahre jünger machte, als er sich um ein Dokument bewarb. Damit soll er sich der Einberufung in die polnische Armee entzogen haben. Als Singer am 24. Juli 1991 in New York starb, war er eine viel gerühmte, geachtete Persönlichkeit. 1935 war er über Umwege in den USA als ein Nobody mit ungewisser Zukunft angekommen. Er verstand sich auf das Handwerk des Schreibens und liebte die Frauen.

Er begann, im "Forverts" zu publizieren, einer in New York in jiddischer Sprache erscheinenden Zeitschrift. Dort entwickelte er sich im Laufe der Jahre zum wichtigsten Autor. Singer schrieb ein Leben lang auf Jiddisch, seine Bücher gelangen durch Übersetzungen aus dem Amerikanischen zu uns.

Gut möglich, dass wir den Autor so bedeutender Werke wie "Der Büßer" oder "Verloren in Amerika" auf neue Weise kennen lernen würden, sollte er direkt aus dem Jiddischen übertragen werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diePresse.com]

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