Der bessere Mann von Meera Anita Nair, dtvEin besserer Mann.
Roman von Anita Nair (2003, dtv - Übertragung Brigitte Jakobeit).
Besprechung von Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 28.6.2003:

Wetterleuchten im Kaleidoskop des Alltags
Neue indische Romane in deutscher Übersetzung

Im Westen stellt man gern den eigenen, dysfunktionalen Familien- und Gesellschaftsstrukturen die «gelebte Gemeinschaftlichkeit» in fremden Kulturen gegenüber. Dass beispielsweise Indien es nicht besser hat, beweisen die hier vorgestellten Romane.

Augenmenschen werden zaudern, ob sie der Lockung des fast sakral anmutenden Umschlagbildes nachgeben sollen, das in so merkwürdigem Kontrast zu Shashi Tharoors Romantitel «Aufruhr» steht; oder ob sie doch lieber nach der bestechend photographierten Komposition frischer Farben greifen, hinter der sich die Erzählungen der noch unbekannten Meera Nair verbergen. Geben Geschmack oder Neugier dem letzteren Buch den Zuschlag, dann wird man in «Video» eine Auslegeordnung ungewöhnlicher Stoffe finden - die aber trotz sorgsamer Verarbeitung manchmal etwas knapp zugeschnitten scheinen oder an den Kanten ausfransen. So überzeugt in der Titelgeschichte, wo ein gestandener Ehemann der Gattin seine durch ein Video geweckten erotischen Gelüste denkbar linkisch aufnötigt, weder die Inszenierung dieses Sündenfalls noch die Reaktion der Frau, die sich daraufhin im Toilettenhäuschen auf dem Hof verschanzt und dort zur Ratgeberin für die weibliche Nachbarschaft avanciert; und wenn sich in «Dem Präsidenten ein herzliches Willkommen, Inschallah!» eine Dorfgemeinschaft in fieberhafte Vorbereitungen für den hohen Staatsbesuch wirft, ist der Leser wohl weniger über das ernüchternde Ende der Episode denn über dessen Voraussehbarkeit enttäuscht.

Ein eigentliches Juwel ist dagegen «Der Mieter von Zimmer 726»: eine Geschichte, die mitten in Kahlheit und Schäbigkeit ein flüchtiges Zauberreich entstehen, einer verkümmernden Kinderseele einen Lichtstrahl zukommen lässt. In «Mein Grossvater träumt von Zäunen» entfaltet die Schilderung des hässlichen Kleinkriegs zwischen einem greisen Gutsbesitzer und seinem dumpf rebellierenden Landarbeiter ihre Wirkung nicht nur durch die in knappster Form geleistete dramatische Zuspitzung, sondern auch durch das ständig wechselnde Licht, welches auf die Hauptfigur fällt und die Einschätzung des Lesers immer wieder neu bestimmt. Leichtere Kost bieten dann die schiefen Brückenschläge zwischen indischer und westlicher Lebensart, die in «Der Curryblattbaum» oder «Vishnukumars Valentinstag» versucht werden; damit situiert sich die junge Schriftstellerin, die seit 1997 in New York lebt, im Feld der international viel beachteten, in Indien freilich mit gemischten Gefühlen wahrgenommenen literarischen Diaspora des Subkontinents.

GEISTER DER VERGANGENHEIT

Von den hier vorzustellenden Autorinnen und Autoren ist denn auch Anita Nair die Einzige, welche noch in Indien lebt. Dass die Namensgleichheit nicht unbedingt auf eine Verwandtschaft mit Meera Nair schliessen lassen muss, deutet sich schon in ihrem Erstlingsroman «Ein besserer Mann» («The Better Man», 2000) an, wo gleich mehrere Figuren diesen in Südindien gängigen Nachnamen tragen. Mukundan Nair, der Protagonist, kehrt - eigentlich wider den eigenen Willen - mit 58 Jahren in sein Vaterhaus zurück, wo die Geister einer üblen Vergangenheit umgehen. Ein Fremder am Ort hilft ihm, zu später Stunde den Schatten der unter rätselhaften Umständen zu Tode gekommenen Mutter und den Einfluss des greisen, doch nach wie vor übermächtigen Vaters zu bannen; wobei diese nach soliden psychologischen Mustern gestrickte Gespenstergeschichte freilich weniger attraktiv wirkt als etwa der Ausflug in die schwarze Magie, den eine Nebenepisode bietet. Vielleicht ist es die Rückgratlosigkeit, die Mukundans Verhalten fast bis zum Ende bestimmt, welche die Haupthandlung generell nicht zum tragenden Element des Romans geraten lässt: Wesentlich mehr lebt dieser vom Kaleidoskop eingeblendeter Geschichten und Charaktere aus der dörflichen Welt.

Für ihren Frauenroman «Das Salz der drei Meere» («Ladies Coupé», 2001) hat Anita Nair ebenfalls ein klassisches Erzählmuster gewählt: Eine lange Eisenbahnreise führt Akhila, die Protagonistin, im «Damen-Coupé» - einem inzwischen abgeschafften Refugium der Weiblichkeit in Indiens Zügen - mit fünf Geschlechtsgenossinnen zusammen. Selbst an einem kritischen Punkt in ihrer Biographie angelangt, lässt sich Akhila von den sehr unterschiedlichen Reisegefährtinnen reihum ihre Lebensgeschichten erzählen. Freilich mögen eine westliche Leserin die Fragen, welche die Romanheldin umtreiben, etwas gestrig anmuten: Hat sie, die nach dem Tod ihres Vaters ledig bleiben und den Unterhalt für Mutter und Geschwister verdienen musste, mit der Heirat auch das Leben verpasst? Und wenn Akhila nun, da sie sich mit 45 Jahren aus dem Würgegriff dieser Pflichten lösen möchte, bange ist, ob «eine Frau allein zurechtkommen» kann, dann müsste eigentlich nur schon ihre eigene Vorgeschichte solchen Zweifeln entgegenstehen.

«Das Salz der drei Meere» würde ein kräftigeres Aroma entfalten, wenn die Autorin ihren Figuren deutlich individualisierte Stimmen zugestanden hätte. Bezeichnenderweise zeigt die einzige Erzählung, die von einer erfolgreichen Rebellion gegen männliche Selbstherrlichkeit und gesellschaftlichen Erwartungsdruck berichtet, auch den eigenständigsten sprachlichen Duktus; die anderen dagegen gewinnen - wo nicht eine krasse Differenz der Lebensumstände für Kontraste sorgt - insgesamt zu wenig eigenes Profil. So vermögen die durchaus vielfarbig erdachten Lebensläufe der sechs Frauen nicht wirklich aus dem zwar klaren, aber nicht brillanten Prisma von Anita Nairs Prosa zu brechen... Fortsetzung

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