Ein
wilder Apfelbaum will ich werden.
Gedichte von Attila
Jozsef (2005, Ammann - Übertragung Daniel Muth, Vorwort Ferenc
Fejto, Nachwort György
Dalos).
Besprechung von Michael
Braun in der Frankfurter Rundschau, 20.4.2005:
Der ungarische Majakowski
Attila József, unglücklicher Dichterkönig,
ist in einer wunderbaren Edition wiederzuentdecken
Am Ende seines kurzen Dichterlebens taugte die
selbstverordnete Heiterkeit nicht mehr als Antidot gegen die bedrückende
Seelenqual. "Gut war er, heiter. Als verdrießlich auch bekannt / Wenn man
verlachte, was er seine Wahrheit nannt'." So hatte sich der ungarische
Dichter Attila József 1928 in einem ironischen Nachruf zu Lebzeiten porträtiert:
Als einen stets auf seiner poetischen Subjektivität und Widerspruchslust
beharrenden Außenseiter, der in keiner Kirche der Welt, sei sie politischer
oder religiöser Natur, seinen Frieden finden kann.
Bereits als Schüler hatte József zwei Selbstmordversuche unternommen, als er
keinen Ausweg aus dem Elend mehr sah, in dem er seit seiner frühesten Jugend
gelebt hatte. Seine späten Verse zeichneten den Weg in den Abgrund vor:
"Starr, schmerzschwer, abgestürzt in Kot / lieg ich im Abgrund, hebt mich
keiner./ Nimm mich, nimm deinen Sohn, mein Gott,/ ich will nicht Waise sein,
kein Ärger." Zurückgewiesen von seiner großen Liebe und verlassen von
seinen literarischen Freunden, warf sich der gerade mal 32jährige Dichter am 3.
Dezember 1937 in der ungarischen Provinzstadt Balatánzarszó vor einen Güterzug.
Ein derart vom unglücklichen Bewusstsein zerquälter Dichter eignet sich in der
Regel nicht zum literarischen Nationalhelden. Aber bei Attila József hat der
anhaltende Ruhm sehr viel mit der selektiven Wahrnehmung des Publikums zu tun.
Inständig verehrt wird nicht der tragisch Gescheiterte, sondern der hinreißende
Liebeslyriker, der begeisterte Verkünder des "Ungarntums" und gewiss
auch der wortmächtige Plebejer und "ungarische Majakowski".
Als Gerhard Falkner
1999 zu einem Streifzug durch die junge ungarische Lyrik-Szene (in der
DuMont-Anthologie Budapester Szenen) startete, musste er feststellen,
dass auch im postsozialistischen Ungarn noch immer alle Wege zu Attila József führen.
Gerhard Falkner stieß zwar auf sehr westlich anmutende Bewusstseinshaltungen,
auf Attitüden des Undergrounds, wie sie auch hierzulande auf jedem "Slam
Poetry"-Abend zu erleben sind. Aber Falkners lakonisches Fazit lautete:
"Am Ende hat es dann doch mehr zu tun mit Attila József als mit der
Acid-Party."
Der Funke sprang nicht über
Die fortdauernde Popularität des Dichters József
in seiner Heimat korrespondiert indes nur punktuell mit einer vergleichbaren
Wertschätzung im Westen. Obwohl ihn Hans
Magnus Enzensberger 1960 in sein Museum der modernen Poesie
aufgenommen hatte, sprang der ästhetische Funke zumindest in der westdeutschen
Rezeption nicht über. Die literarische Einbürgerung des Dichters József ist
zuvorderst Stephan Hermlin
zu vedanken, der bereits 1954 und 1958, in zwei Ausgaben von Sinn und Form,
nachdrücklich auf die Gedichte Jozsefs hingewiesen hatte und dessen "große
proletarische Dichtung" in den Kanon einer sozialistischen Literatur
integrieren wollte.
Die von Hermlin 1960 im Verlag Volk & Welt herausgegebene Gedichtauswahl prägte
denn auch das Bild vom "plebejischen Dichter" Attila József der aus
den Elendsvierteln der Budapester Vorstadt zum Apostel einer volksnahen
marxistischen Poesie aufstieg.
Hermlin hatte dem "ungarischen Majakowski"
eine proletarische Muster-Biographie auf den Leib geschrieben. Tatsächlich
hatte der am 11. April 1905 in Budapest geborene Sohn eines Seifensieders und
einer Wäscherin zeit seines Lebens unter bitterster Armut zu leiden. Sein Vater
verließ die Familie, als der Junge gerade drei Jahre alt war. Mit seinen
Schwestern wurde der Junge zu Pflegeltern aufs Land geschickt, wo er Schweine zu
hüten und unter brutalen körperlichen Demütigungen zu leiden hatte. Für
eines seiner ersten Gedichte unterzog man den hochbegabten Schüler, der mit
siebzehn Jahren seine ersten Texte veröffentlichte, einem Gotteslästerungsprozess.
Was Hermlin aber besonders an József schätzte, war sein lange Jahre unerschütterlicher
Marxismus, mit dem der Dichter dem prä-faschistischen Horthy-Regime die Stirn
bot. Was Hermlin in seiner biographischen Skizze vernachlässigt, ist Józsefs
konstitutionelles Ketzertum, begründet u. a. in seiner Passion für die
Psychoanalyse, die ihn nach einigen Jahren in schwerste Konflikte mit der damals
verbotenen KP brachte.
Arm, nicht proletarisch
Wie wenig sich József als heldenhaft plebejischer Dichter vereinnahmen lässt, zeigt nun die erste umfassende und wunderbar bibliophile Auswahl seiner Gedichte im Ammann Verlag, die der Übersetzer Daniel Muth mit Hilfe der ungarischen Dichterin Zsofia Balla ins Deutsche gebracht hat. Zum erstenmal liegt hier eine József-Übersetzung vor, die in akribischer Arbeit am Originaltext entstanden ist. Die von Hermlin publizierte Auswahl hatte sich - wie alle bislang erschienenen Ausgaben - noch auf Interlinear-Versionen gestützt. Als des Ungarischen unkundiger Leser muss man verblüfft zur Kenntnis nehmen, dass Abgründe zwischen den Nachdichtungen Hermlins und den am Original orientierten Übertragungen Muths liegen.Während Muth der Wörtlichkeit und den ursprünglichen Bildfügungen treu bleiben will, nimmt sich Hermlin wesentlich größere Freiheiten heraus. Seine Nachdichtungen erfinden Józsefs Texte neu in eleganter und geschmeidiger Prosodie. Was Hermlin an Pathos und Plastizität gewinnt, entnimmt er im Zweifelsfall eher dem eigenen Bildervorrat als dem Józsefschen Original. An einem berühmten proletarischen Genrebild Józsefs lässt sich die Differenz zwischen den Übersetzungen ermessen. Das Gedicht "Hunger" überträgt Hermlin in weitaus größerer rhythmischer Dynamik und ans Original angelehnten Reimen: "Die Dreschmaschine steht. Der Staub treibt weg / Wie Nebel, die im Herbst sich lang verspäten, / Senkt auf die krummen Rücken, die verdrehten / Hälse sich. Und sie essen. Starr von Dreck." Im Vergleich dazu hat Muths etwas spröde Übertragung Mühe, sich gegen den Nachhall der geschmeidigen Hermlinschen Pathetisierungen zu behaupten: "Die Maschine steht. Müder Staub wirbelt / in der Luft wie herbstliche Nebeldünste, / befällt die krummen Nacken und die Brüste / der Menschen. Sie essen jetzt. Dreck durchschwitzt." - Trotz der gelegentlichen Sprödigkeit der Übersetzung ist diese Edition des Ammann Verlags als verlegerische Großtat zu rühmen. Mit Attila József ist eine Portalfigur der lyrischen Moderne endlich jener intellektuellen Trägheit entrissen worden, in die schwierige Dichter im deutschen Literaturbetrieb in unschöner Regelmäßigkeit versinken.
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