Ein
anarchistischer Bankier.
Erzählung von Fernando
Pessoa (2003/2006, Wagenbach).
Besprechung von Jürgen Weber, 19.9.2006:
Diese
kleine Erzählung ist ein “sophistischisch ausgeklügeltes Meisterwerk”,
urteilte die
FAZ bei ihrem
ersten Erscheinen und ich kann mich diesem treffenden Urteil nur anschließen.
Pessoa schreibt das auf, was ich nicht einmal wagte zu denken und gehört für
mich in den Olymp der europäischen Literatur. Obwohl es sich bei vorliegender
Geschichte eigentlich nur um einen Dialog zwischen dem Bankier und einem
Neugierigen handelt, entfesselt sich die gesamte Erzählkunst Pessoas und
gespannt bis zur letzten Seite blättert man gebannt weiter. Das verblüffende
an der Geschichte: der Bankier ist Anarchist. Und zwar der einzige konsequente
Anarchist. Kein Bombenleger oder Gewerkschaftstyp, sondern einer mit der wahren
Gesinnung. Zuerst jedoch erklärt er uns Neugierigen, wie er zu dem geworden
ist, was er heute ist. Gewachsen an diversen Anarchistenzirkeln- und grüppchen
entdeckt er nämlich, dass der wahre Anarchist nur allein wirken kann.
Wer auch einmal in einer politischen Basisgruppe gearbeitet hat, wird
schnell verstehen, was Pessoa meint: die Tyrannei entsteht auch in diesen Grüppchen,
obwohl sie überzeugte Anarchisten (oder was auch immer sind), zwangsläufig übt
einer über den anderen Gewalt aus und sei es nur die “Helferstyrannei”, die
den anderen für unmündig erklärt. Und zwar von Menschen, “deren erklärte
Absicht es ist, die Tyrannei zu beseitigen und Freiheit zu schaffen”. Es
entsteht also im Gegenteil nur eine neue Tyrannei. Wenn die Geburtshelfer der
neuen Gesellschaft schon tyrannisch miteinander umgehen, wie wird dann erst
deren Produkt (die freie Gesellschaft) aussehen?
Das Ziel des wahren Anarchisten ist es, die gesellschaftlichen Fiktionen
zu treffen und nicht deren Repräsentanten. Aus diesem Grund hilft es auch
nicht, Kapitalisten zu beseitigen, denn das Risiko stehe in keinem Verhältnis
zum etwaigen Ergebnis: das System verliere nur einen Platzhalter, die
anarchistische Bewegung dafür aber eventuell einen wertvollen Kämpfer. Es gibt
nur eine Lösung: “getrennt weiterarbeiten”. Denn so läuft man in keiner
Weise Gefahr, eine weitere Tyrannei zu schaffen, dafür “lernen wir auch, in
uns selbst mehr Vertrauen zu setzen, uns nicht gegenseitig zu behindern, lernen
freier zu werden und uns selbst sowie – dank unseres Beispiels – die anderen
auf die Zukunft vorzubereiten”. Der anarchistische Bankier findet eine Lösung,
wie er seine Gesinnung mit bestmöglichem Gewissen zum Wohle der ganzen
Menschheit einsetzen kann. “Ich machte mich daran, die Fiktion Geld zu
bezwingen, indem ich mich bereicherte.”
Reinhold Werner hat eine Art Nachwort mit dem Titel “Die Gleichgültigkeit
der Gegensätze. Über Fernando Pessoa.” geschrieben, die sich vor allem
Biographischem und seinen unzähligen “Heteronymen” widmet.
Fernando Pessoa ist vor allem durch das “Buch der Unruhe” (sehen Sie
die Rezension auf dieser Buchseite!) bekannt geworden. Er gehört zu den
bedeutendsten Autoren Portugals, obwohl er erst als 17-jähriger nach Lissabon
gezogen war, jedoch wurde er schon dort geboren. Aufgewachsen war er in Südafrika.
Bis zu seinem Tod 1935 führte er eine eher unscheinbare Existenz als Außenhandelskorrespondent.
Er selbst publizierte nur wenig und sein literarischer Ruhm setzte erst mit der
Veröffentlichung seines Nachlasses ein.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter buchkritik.at]
Leseprobe I Buchbestellung I 1006 LYRIKwelt © Jürgen Weber