Ein Amerikaner von Henry Roth, 2011, HoCaEin Amerikaner.
Roman von Henry Roth, (2011, Hoffmann&Campe - Übertragung Heide Sommer).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 10.6.2011:

Henry Roth: In seinem Winter war er reif
Posthum wurde aus 1900 in den PC getippten Seiten des von einer Schreibblockade gebeutelten US-Schriftstellers ein Liebesroman zusammengestellt.

Auf der ersten Seite steht, als Erinnerung, ein Satz seiner Mutter Leah: "Sieh nur, mein Kind - manche Frucht reift beim ersten Sonnenstrahl, und manche braucht den ganzen Sommer."

Henry Roth hat bis in den Winter gebraucht.

Der Amerikaner gilt als Schriftsteller mit der längsten Schreibblockade. 40 Jahre, 50, 60 - je nachdem, ob man seine Essays dazwischen unter den Tisch fallen lässt oder nicht.
Jedenfalls hat Henry Roth, der nichts mit Philip Roth zu tun hat, 1906 in Österreich-Ungarn geboren wurde und 1995 in den USA starb, im Alter von 25 den Roman "Nenn es Schlaf" geschrieben: Seine Kindheit als jüdisch-galizischer Einwanderersohn in den Slums der Lower East Side.
Drei Jahrzehnte später wurde "Nenn es Schlaf" ein Millionenerfolg.

Depression

Und, mit seinen knotig rheumatischen Fingern, zusätzliche 1900 Seiten: Szenen, wie immer autobiografisch, aus denen der Journalist Willing Davidson behutsam den Liebesroman "Ein Amerikaner" (übersetzt von Heide Sommer) geschält hat.
So ziehen wir zur Zeit der Großen Depression durch die USA. Als Autostopper und, ratta-damm, als blinder Passagier im Kühlwagen einer Eisenbahn von New York Richtung Los Angeles.

Henry Roth porträtiert sich in dem zögerlichen, zweifelnden Ira Stigman. Über 30 ist er, "Nenn es Schlaf" hat er hinter sich, aber kein Geld, keine Identität, keine Zukunft, keinen Schwung fürs nächstes Buch.
Ira ist mit einer älteren Frau zusammen, seiner Gönnerin Eda Lou Walton.
Iras jiddische Mamme sagt: "Sie hat a Mensch aus dir gemacht."

M wie Muriel

Da lernt er eine Pianistin und Komponistin kennen, die ihn auf angenehmere Weise beherrscht. Im Roman heißt sie "M", in Wirklichkeit Muriel Parker.
Bevor er sie 1939 heiratete (und 50 glückliche Jahre mit ihr hatte), flüchtete Henry Roth bzw. Ira.

Er wehrte sich dagegen, erwachsen zu werden. Seine damalige Angst vor Fesseln, an die sich der alte Schriftsteller erinnert, schafft wunderbare literarische Augenblicke.
Etwa wenn Ira sich abmüht, eine Geschichte über einen alten Lastwagen zu schreiben: Bei jedem Blick, den man auf ihn wirft, wird er kaputter. Genau: kaputter. Das Wort gefällt ihm.
Oder wenn er sich ärgert, weil's die Katholiken fein haben: Die gehen zur Beichte, Ave Maria, Rosenkranz und so, und alles ist wieder gut.
Was hat der Jude?

Nur die Psychotherapie.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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