Ein alter Traum von Liebe.
Roman von Nuala O'Faolain (2003, Claassen - Übertragung Marion Sattler Charnitzky und Jürgen Charnitzky).
Besprechung von Nicole Langenbach aus dem Münchner Merkur, 24.7.2003:

Kathleen in der Schlangengrube
Irland-Bild: Nuala O'Faolains erster Roman ist "Ein alter Traum von Liebe"

"Ich habe mich von der Liebe ferngehalten, wie von einer Schlangengrube, in die ich nie wieder fallen wollte, bis mir schließlich klar wurde, dass sich die Schlangengrube in meinem Inneren befand." Für Kathleen de Burca wird die Reise in ihre irische Heimat, wo die Journalistin eigentlich einen Scheidungsskandal aus dem 19. Jahrhundert recherchieren will, zu einem Gang in eben jene Schlangengrube. Denn unversehens sieht sie sich dort mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Nach ihrer vielbeachteten Autobiografie "Nur nicht unsichtbar werden" legt Nuala O'Faolain mit "Ein alter Traum von Liebe" nun ihren ersten Roman vor, doch ist unschwer zu erkennen, dass dessen Protagonistin und Ich-Erzählerin Kathleen de Burca viel mit der Autorin gemein hat.

Eine Reisejournalistin, die rund um die Welt auf der Flucht vor sich selbst ist, sich mit Männern nur in Hotels und selten länger als eine Nacht einlässt, und nun, mit Anfang Fünfzig und angesichts des plötzlichen Todes ihres besten Freundes, zu der Erkenntnis kommt, doch noch einmal etwas ändern zu müssen in ihrem Leben. "Je älter ich wurde, desto schwerer wog die Last, nie glücklich gewesen zu sein." Es ist ein sperriger Charakter, den Nuala O'Faolain ihrem Alter Ego verpasst. In ihrer Ruhelosigkeit, die auch eine gewisse Oberflächlichkeit birgt, ist diese Kathleen de Burca nicht immer leicht zu verstehen, bis am Ende die ganze Tragik ihrer Familiengeschichte offenbar und die Heldin mit einem kleinen Hoffnungsschimmer auf eine ruhigere Zukunft entlassen wird.

Kunstvoll werden die Zeitebenen miteinander verknüpft, wodurch ein kompaktes Bild der irischen Geschichte entsteht: die große Hungersnot im 19. Jahrhundert, während der sich der Talbot-Skandal zuträgt, Kathleens Jugend im engen, katholischen Irland der 60er- und 70er-Jahre und das heutige Inselleben, dessen Beschreibungen der Autorin allerdings etwas arg idyllisch geraten. Doch diese gelegentlichen Ausrutscher ins Kitschige verzeiht man gerne angesichts der Wahrhaftigkeit, mit der O'Foalain die tief vergrabenen Gefühle ihrer Figuren freilegt. Auf allen Ebenen werden Liebes- oder besser Beziehungsgeschichten erzählt. Denn ob es sich bei dem, was die englische Lady Talbot mit dem irischen Stallburschen verband, wirklich um Liebe handelt, bleibt ebenso fraglich wie die Gefühle Kathleens für den Gärtner Shay, mit dem sie eine leidenschaftliche körperliche Affäre eingeht, oder das, was sich hinter den Kulissen der scheinbar durch Gewalt geprägten Ehe von Kathleens Eltern verbarg.

Schließlich geht es um den "Traum von Liebe", um das, was ein jeder für sich in sie projiziert. Ganz nebenbei gesteht die Irish-Times-Kolumnistin Nuala O'Faolain dabei auch ein, dass es für eine Journalistin gar nicht so einfach ist, ihren ersten Roman zu schreiben. Kathleen hadert mit sich angesichts der Talbot-Geschichte, wie weit sie der Dokumentation oder ihrer eigenen Fiktion folgen soll, und erkennt, wie schwer es ist, zu unterscheiden zwischen Autobiografie und Fantasie. Eine Gratwanderung, die im vorliegenden Fall durchaus geglückt ist.

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