Ein
Abend im Club.
Roman von Christian
Gailly (2003, Berlin-Verlag - Übertragung Doris Heinemann).
Besprechung von Martin Zingg in der Frankfurter Rundschau, 21.01.2004:
Der Club, der Klang und die Sucht
Christian Gailly, erst Jazzmusiker, dann Psychoanalytiker, jetzt Romancier,
schreibt hinreißend
Er hat in den letzten zehn Jahren nie mehr ein
Klavier berührt und keinen Tropfen Alkohol riskiert. Er ist nun ein braver
Ehemann und Vater, und wenn er Musik hören will, darf es nur die klassische
sein - auch sie soll ihn ablenken vom Jazz, für den er jahrelang gelebt hat.
Simon Nardis, die Hauptfigur in Christian Gaillys Roman Ein Abend im Club,
war einst ein berühmter Jazzpianist, aber als er auf seinen Tourneen im Gemenge
von Nacht, Alkohol, Drogen, Frauen wie in einem Sumpf allmählich unterzugehen
drohte, hat ihn seine Ehefrau Suzanne damals kurzerhand herausgeholt. Seither
arbeitet er als Ingenieur für industrielle Heizanlagen; er lebt nicht schlecht,
aber nicht so, wie er am liebsten möchte. Er hat seine Haut gerettet, aber
dabei seine Passion verloren.
Ein dringender Auftrag verschlägt ihn für einen Tag in einen kleinen Badeort
an der französischen Atlantikküste. Zweimal schon hat er wegen der
Reparaturarbeiten an einer Heizanlage den Zug nach Paris verpasst, diesmal wird
es klappen, das hat er seiner Frau versprochen. Unterwegs zum Bahnhof, spät
abends, zeigt ihm der dankbare Auftraggeber noch schnell ein Jazzlokal - und
hier nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Es ist um ihn geschehen.
Simon Nardis hört ein Trio spielen, vor allem hört er einen Pianisten, der
genau so spielt, wie er früher gespielt hat. Er, der immer daran zweifelte, ob
er so etwas habe wie einen eigenen Stil, stößt auf den "Nardis-Stil"
und hört von seinem Ruhm in einschlägigen Kreisen. Der Wodka löst die
Hemmungen, und als die Musiker pausieren, setzt sich Nardis ans Klavier,
erstmals seit Jahren. Bald stößt die amerikanische Besitzerin des Lokals
"Le dauphin vert" hinzu, eine frühere Sängerin. Debbie Parker ist
hingerissen von der Musik, mehr noch vom Pianisten, sie kommt auf die Bühne und
singt, er begleitet sie auf dem Klavier. Nardis vergisst den Zug, er wird in
einem Hotel übernachten, in dem die schon sehr verliebte Debbie den
angetrunkenen Simon abgeliefert hat. Anderntags scheinen sich die Ereignisse zu
überschlagen - aber im Grunde geschieht alles sehr langsam. Simon sollte nach
Hause, das sagt sein Gewissen, er fühlt sich aber stärker zu Debbie
hingezogen; Debbie umsorgt den etwas Heruntergekommenen und weiß, dass es nun
schwierig werden wird. Schwierig ist es auch für Suzanne, die beim Telefongespräch
merkt, dass ihr Mann wieder in etwas hinein geraten ist, woraus sie ihn befreien
muss. Sie fährt mit dem Wagen los, um ihn zu holen, kommt aber nie in dem Städtchen
an. Sie verunglückt unterwegs und stirbt, während zur gleichen Zeit Simon und
Debbie am Strand sind: "Debbies Cabrio, deutsch und blau, wartete längs
zur Düne, mindestens ebenso elegant wie ein flirtendes, nüsternreibendes
Flaubertsches Pferdegespann."
Ein Roman wie dieser muss jede Nacherzählung bereits nach zehn Sätzen
blamieren. Aus einem Jazz-Süchtigen und einer Klubbesitzerin werden binnen
Stunden zwei Liebende im amour fou, dazu zeitlich passender Tod der
Ehefrau -, das steht natürlich schnell einmal unter dringendem Kitschverdacht.
Aber hier wird nicht nur eine sehr plötzliche, sehr intensive Liebesbegegnung
zweier Menschen erzählt, die bereits etwas in die Jahre gekommen sind und mit
diesem Gefühlsansturm nicht mehr gerechnet haben. Es geht auch um mehr als um
die zufällige und so schmerzhafte Nachbarschaft von Liebe und Tod. Genau so
spannend ist nämlich, wie diese furiose Liebe erzählt wird.
Christian Gailly hat in seinen bisher elf Romanen - alle haben sie auf
irgendeine Weise mit Musik zu tun - eine ungemein musikalische Schreibweise
entwickelt. Auch in diesem Roman, der vergangenes Jahr in Frankreich mit viel
Lob bedacht worden ist, erzählt Gailly mit Schleifen, mit Wiederholungen und
Refrains und Echos. Bis in die Satzmuskulatur hinein spürt man die
musikalischen Phrasierungen (was ins Deutsche zu holen überhaupt nicht einfach
ist - aber Doris Heinemann, mit einigen kühnen Volten und Abstrichen, einigermaßen
gelungen ist). Die Erzählweise, heißt das, trägt sehr viel zur Spannung
dieses Romans bei. Der Freund Simons, der als Erzähler fungiert, führt auf
raffinierte Weise Regie, blendet nach vorne und zurück, gestattet
aufschiebendes Abschweifen und rhythmisches Skandieren, streut kleine Schlenker
und unruhiges Pulsieren. Und nebenbei gönnt sich Gailly, der übrigens
nacheinander Jazzsaxophonist und Psychoanalytiker war, einige kleine
Anspielungen. "Nardis", der Name des Helden, steht auch für ein Stück
von Miles Davis, das Bill Evans immer wieder aufgegriffen und variiert hat.
Hinter Nardis verbirgt sich zugleich, als Palindrom gelesen, der Musiker Sidran,
ein Pianist und Sänger aus dem Freundeskreis von Miles Davis.
In den letzten Jahren haben vier verschiedene Verlage bereits den Versuch
unternommen, Christian Gailly auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bekannt zu
machen, mit wunderbaren Romanen. Angefangen mit KV 622, worin der Erzähler
versucht, den Eindruck wiederzufinden und in Worten zu bewahren, den Mozarts
Klarinettenkonzert KV 622 auf ihn machte, als er es zufällig im Radio hörte.
Es folgten die Romane Der Anschein und Bebop. Ein Abend im Club
wäre ein idealer Einstieg. Man kann nur hoffen, dass es diesmal gelingt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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