Ehrensachen von Louis Begley, 2007, Suhrkamp1.) - 4.)

Ehrensachen.
Roman von Louis Begley (
2007, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger)
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 28.2.2007:

Lügen in Zeiten des Friedens
Nicht alles lässt sich mit bestem Tweed erledigen: Louis Begleys Roman über seine Studienzeit in Harvard

Es kommt auf Äußerlichkeiten an. Wie trägt man ein Tweedjacket mit der angemessenen Lässigkeit, welche Drinks nimmt man um welche Uhrzeit ein und welchen Ton schlägt man beim Tischgespräch in der Mensa an? Ein bestimmter Ostküstenakzent, der richtige Nachname und die entsprechende Selbstverständlichkeit in allen gesellschaftlichen Fragen sind mindestens ebenso entscheidend wie intellektuelle Brillanz, um Anfang der 50er Jahre in Harvard Erfolg zu haben. Sam Standish, der Ich-Erzähler in Louis Begleys neuem Roman Ehrensachen, ist von Haus aus mit den wesentlichen Insignien ausgestattet. Dennoch hadert er mit seiner Herkunft und ist empfänglich für die seelische Zwangslage seines Mitbewohners Henry White und zugleich der ideale Beobachter von dessen Werdegang. Es ist der american dream im Gegenlicht der unerwünschten Einwanderer.

Die emotionalen Wahrheiten

Mit sachlicher Genauigkeit schildert Sam den Universitätsalltag dreier Freunde: außer ihm und Henry ist noch Archibald P. Palmer III mit von der Partie, trinklustiger Spross eines Army-Obersts, ein Scott-Fitzgerald-Typ. Vom dramaturgischen Gesichtspunkt aus betrachtet, hat diese Figur vor allem die Funktion, das Gegengewicht zu Henrys glänzendem Aufstieg zu bilden. Aber zunächst breitet Sam alles über die stundentischen Gepflogenheiten in Harvard aus: Es geht um Bewerbungen in Wohnhäusern, Seminare, Tischsitten, Theateraufführungen, Dozenten, erotische Eskapaden, immer wieder unterbrochen durch mühselige Rechtfertigungstelefongesprächen, wie sie Henry alle zwei Tage mit seiner überängstlichen Mutter führen muss. Was vordergründig wie ein mondäner Gesellschaftsroman daherkommt, ist zugleich eine Geschichte über die Beschädigungen durch den Holocaust und eine subtile Bestandsaufnahme der amerikanischen Befindlichkeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg:

Klassenbewusstsein, Auslese nach den Prinzipien einer Oligarchie und ein kaum camouflierter Antisemitismus bestimmen die Atmosphäre an den Bildungseinrichtungen. Mit Ehrensachen führt der 1933 als Ludwig Begleiter geborene Begley das fort, was er in seinem Debüt Lügen in Zeiten des Krieges (1991) begonnnen hatte zu erzählen: wie ein jüdischer Junge in Polen wegen der geschickten Verstellungsstrategien seiner Tante der Shoa knapp entkommt und anschließend mit diesem Vermächtnis weiter le ben muss.

Autobiographische Erfahrungen - die Tante war in Wirklichkeit seine Mutter - fließen mehr oder weniger verschlüsselt auch in den neuen Roman mit ein. Genau wie Louis Begley hat Henry sein Überleben der Mutter zu verdanken, und genau wie sein Vater wandelt Henrys Vater den jüdischen Namen in einen unverfänglicheren amerikanischen um: aus Weiss wird White. Begley lässt seinen Helden, so wie er selbst es getan hat, in Harvard Philologie studieren, ihn dann den Militärdienst in Europa und die Harvard Law School absolvieren, um in eine der renommiertesten, dezidiert nicht-jüdischen Kanzleien New Yorks einzutreten und für lange Zeit nach Frankreich überzusiedeln.

Aber wie viel an der Figur fiktiv überhöht ist und was der Schriftsteller und ehemalige Wirtschaftsanwalt genauso erlebt hat, ist unerheblich. Entscheidend sind die emotionalen Wahrheiten. Denn seine Brisanz bezieht der Roman aus der Frage nach der Identität, dem großen Lebensthema von Louis Begley. Es geht nicht in erster Linie darum, wer man ist. Die dringlichere Frage lautet: Wozu wird man gemacht? Unterwirft man sich diesen Zuschreibungen? Kann man sie umgehen und wie hoch ist der Preis?

"Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken", erklärt Henry dem verblüfften Sam eines Abends, als Sam ihm genau diesen Vorwurf macht. Mit dem Erzähler Sam bedient sich Begley der Thomas-Mannschen Zeitblohm-Konstruktion aus Doktor Faustus, nur dass Begleys Zeitblohm kein unterwürfiger Bewunderer ist, sondern ein ebenbürtiger Freund und später ein erfolgreicher Schriftsteller.

Double-bind mit der Mutter

Mit elegantem Understatement verwebt er die Lebenswege der drei Freunde und lässt ohne große innere Beteiligung eigene Verwicklungen Revue passieren. Sporadische Depressionen, Psychoanalyse und Kultur-Jet-Set gehören dazu, und man stellt sich Sam automatisch als eine Mischung aus Saul Bellow, Philip Roth und John Updike vor. Über die Parallele, dass auch der schwule Sam daran arbeitet, ein Anderer zu werden, kann Begley das fatale Erbe von Henry noch schärfer konturieren. Für Henry gibt es keinen Ausweg: mit seiner Mutter verbindet ihn ein klassischer Double-bind. Die erpresserische Liebe und uneinlösbare Erwartungen münden unweigerlich in eine Katastrophe. Obwohl die Passagen über die schicksalhaften Familienbeziehungen äußerst fesselnd sind, kommt hier die Beschränkung durch die auferlegte Erzählperspektive zum Vorschein. Während in Lügen in Zeiten des Krieges der Ich-Erzähler Maciek die Zerstörung seiner Identität direkt vermittelte, wird Sam immer nur Zeuge der Verpuppungsqualen von Henry, nie spürt man der Zerrissenheit in der ersten Person nach.

Begley ist ein Vertreter eines unprätentiösen Realismus, der gleichermaßen in der amerikanischen wie in der französischen Erzähltradition verankert ist. Der New Yorker Romancier pflegt eine große Schwäche für den zu Unrecht vergessenen Pierre Jean Jouve, dessen liebesgierige Catherine aus Die Abenteuer der Catherine Crachat (1928) und Nachtschwarzer Engel (1931) viele Züge mit Begleys weiblicher Hauptfigur Margot teilt. Wie in vielen Romanen zuvor gelingt es dem amerikanischen Schriftsteller, das Tragische der menschlichen Existenz vor dem Hintergrund der Upper Class bedrängend zu inszenieren. Dennoch bleibt Begley mit seinem achten Roman in gewisser Weise stecken: Die breiten Schilderungen des Alltags in der splendid isolation von Harvard schüren eine Erwartung, die nicht eingelöst wird.

Was ist das für eine Gesellschaft, die derartige Selektionsmechanismen verinnerlicht hat? Vielleicht steht dem Bestsellerautor und äußerst erfolgreichen Anwalt mit Wohnsitz auf der Parkavenue hier die Dankbarkeit, die er seiner zweiten Heimat gegenüber empfindet, dann doch im Wege - etwas sperrt sich gegen eine ultimative Analyse der amerikanischen Misere. Nur ganz zum Schluss deutet sich durch eine Äußerung Margots an, in welche Richtung die Zuspitzungen hätten gehen können. Die faszinierende Jugendfreundin, mit der Henry eine unerfüllte Liebe verband, wirft dem 70jährigen Sam vor, er habe Henry Zirkuskunststücke antrainiert und ihn zum "Ehren-Arier" machen wollen.

Auf den letzten fünfzig Seiten gewinnt Ehrensachen dann noch einmal die Schärfe, die man sich schon früher gewünscht hätte. Wie im antiken Mythos folgt auf Henrys Hybris, sich zu solchen Höhen aufzuschwingen, die Nemesis: Mit bitterer Ironie zeichnet Begley nach, wie die göttergleiche Oberschicht natürlich keinen Emporkömmling neben sich dulden kann und Henry, der es zu einem der herausragenden Wirtschaftsanwälte Europas gebracht hatte, zu Fall bringt.

Über die inneren Deformationen, die den Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges folgen, kann auch der beste Tweed nicht hinweg täuschen.

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Ehrensachen von Louis Begley, 2007, Suhrkamp2.)

Ehrensachen.
Roman von Louis Begley (
2007, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger)
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 10.03.2007:

Heilung durch Sex
Louis Begleys gelungener Roman "Ehrensachen" kreist um Identitäts- und Zugehörigkeitsprobleme

Dem Roman ist ein Vers von Baudelaire vorangestellt: "Die Toten, die armen Toten haben große Schmerzen." Er stammt aus den Blumen des Bösen, und Louis Begley, der Harvard-Absolvent und Frankophile, zitiert ihn natürlich auf Französisch: "Les morts, les pauvres morts ont de grandes douleurs ..." Von diesen armen Toten ist in Ehrensachen die Rede, aber merkwürdig ungerührt, beiläufig, wie aus großer Distanz. Von Schicksalsschlägen und Familientragödien berichtet der Erzähler in ebenjenem präzis gestimmten, con sordino ausgeführten Kammerton, in dem er Cocktailempfänge Revue passieren lässt oder delikate Dresscode-Fragen erörtert. Ist es diese erzählerische Grabeskühle, die an dem Buch irritiert? Denn auch die Hauptfiguren, den Erzähler eingeschlossen, bleiben unnahbar.

Henry, Archie und Sam sind Freshmen, Studienanfänger in Harvard um 1950. Der Zufall macht sie zu Zimmergenossen, der Wille, am Elite-College fürs Leben zu lernen, eint sie. Wie verschieden sie ihrer Herkunft nach sind, ist jedoch auf den ersten Blick zu sehen: Henry White ist rothaarig und schlecht angezogen, die Familie stammt aus Krakau und hieß ursprünglich Weiss, weshalb die beiden anderen ihn für einen Juden halten. Archie beliebt sich mit vollem Namen Archibald P. Palmer III. zu nennen, seine Initialen zieren seinen silbernen Martini-Shaker, sein Vater gehört aber als wenig betuchter Oberst nicht zur ersten Gesellschaft.

Sam ist die Abkürzung von Samuel, in diesem Fall kein jüdischer, sondern ein guter amerikanischer Name, mit einem noch besseren Nachnamen: Urahn Standish kam mit der Mayflower ins Land. Sam, der Icherzähler, ist auch nicht ganz koscher: Seine Eltern werden von den wirklich angesehenen Mitgliedern des Clans scheel angeschaut, weniger weil sie trinken, als weil sie ihr Vermögen verschleudert haben.

"Preppies"

Die drei werden trotz allem bald Freunde, suchen Trost im Sex und trachten, sich durch das Dickicht der sozialen Fußangeln gemeinsam durchzuschlagen: Man könnte Begleys Roman auch als Illustration von Pierre Bourdieus Studie Die feinen Unterschiede lesen. Den Ton in Harvard geben die "Preppies" an, die Studenten aus den Spitzeninternaten, die auf Partys Krawatten der "drei oder vier feinsten Clubs" zur Schau stellen, blond, "gelassen höflich und selbstzufrieden", überzeugt, "den Rang einzunehmen, der ihnen nach göttlichem Recht zustand".

Es zeugt von Begleys kompositorischem Raffinement, dass er jedem der drei Freunde einen Defekt mit auf den Weg gegeben hat: Archie, dem Lebemann mit begrenzten Mitteln, bleiben die besten Clubs verwehrt, Henry mag im Studium noch so brillant sein, er ist Jude - und Sam muss von sich erfahren, dass er nicht der leibliche Sohn seiner Eltern ist. Dafür bemüht sich sein Cousin George, der einzige wirkliche Vornehme in der Riege der Distinktionsgewinnler, um seine Freundschaft. Und dann ist da noch Margot Hornung, viel begehrte Tochter eines wahnsinnig reichen Juden: In Begleys Amerika wirkt echtes Kapital allemal überzeugender als symbolisches.

Dinnerkonversation

So ist auch Margot ironischerweise für Henry unerreichbar, ein frustrierendes "Langzeitprojekt", bei dem seine Rolle zwischen Pettingpartner und Seelentröster schwankt. In der Reaktion der Wasps auf Henrys charismatische Erscheinung entblößt Begley die gute amerikanische Gesellschaft als provokant ignorant und sozusagen wohlwollend antisemitisch. Nicht nur Georges Mutter wundert sich darüber, dass White ein polnisch-jüdischer Name sein soll. Als man ihr das erklärt, sagt sie: "Oh je, da kann man natürlich nichts machen." Henry soll seine Überlebensgeschichte als Dinnerkonversation zum Besten geben. Sams (Stief-)Vater belehrt seinen Sohn, Gewalt gegen Juden und Neger sei eine Sache, die "Möglichkeit, sich aussuchen zu können, mit wem man Golf spiele", aber eine andere.

Vor dieser Folie bekommt der Trost des Erzählers, anders als in Europa zähle in Amerika nicht, was man habe, sondern nur, wer man wirklich sei, einen beunruhigenden Doppelsinn. Henry sagt von sich, er fühle sich "kaum jüdischer als ein geräucherter Schweineschinken." Dennoch ist es für ihn eine Sache der Ehre, sich dazu zu bekennen, solange andere ihm zutrauen, er wolle es verleugnen. Zugleich aber ist seine ganze Karriere - als Anwalt kapriziert er sich auf eine nicht jüdische Kanzlei - der Versuch einer solchen Verleugnung, eines Selbstentwurfs ohne jeden Rassenballast. F. Scott Fitzgerald wird einmal erwähnt, Henrys Remake seiner selbst erinnert an den Großen Gatsby. Mit den Vorstellungen seiner Eltern, vor allem der überspannten Mrs. White ("ich bin das einzige Hobby meiner Mutter"), muss es kollidieren.

Louis Begley, der frühere Ludwik Begleiter aus Galizien, der nun seit 60 Jahren in New York lebt und mit seinem Erstling Lügen in Zeiten des Krieges (1994) eine Variante seiner Kindheitsgeschichte vorlegte, hat sich in diesem Buch zwei Alter Ego erschrieben: den jüdischen Staranwalt und den berühmten Schriftsteller mit homoerotischer Neigung - Sam, gleichsam begünstigt durch eine Depression, die ihm über Jahre imponierende fünf Wochenstunden Psychoanalyse beschert (die Innensicht wird uns auch hier verwehrt), entscheidet sich für die Literatur.

Herbstwind

Diese Aufspaltung erlaubt Begley, auf Intimstes aus der Distanz des anderen, des Nichtjuden, zu blicken. Gewidmet hat er das Buch in aller Diskretion "F. B. und D. B.", seinen Eltern? Die Abstinenz im Psychologischen ist ihm nicht etwa "passiert", sie ist die Conditio sine qua non dieser Erzählung. Begley schildert die fashionablen Existenzen zwischen Cambridge (Mass.), New York, Rom und Malta minutiös von außen, er jagt die Lebensläufe seiner Figuren durch den Zeitraffer: Der dritte Musketier wird nicht länger gebraucht, er verunglückt betrunken am Steuer. Henry macht, wie sein Autor, als Steueranwalt seiner Sozietät in Paris Furore, bereut nach einem Eklat sein Leben als "Ehren-Arier", erfindet sich noch einmal neu - und taucht so gründlich unter, dass Sam ihn erst nach Jahrzehnten wiederfindet.

Irgendwann, die Eltern beider sind längst tot, resümiert der Erzähler, der die seinen stets für Rabeneltern hielt, wenn es einen Höllenkreis für Undankbare gäbe, wäre sein und Henrys Platz dort. In jenem Baudelaire-Gedicht heißt es, die Toten würden uns, die wir im warmen Bett liegen, während der Herbstwind an ihren Grabsteinen rüttelt, wohl für recht "undankbar" halten. Baudelaire: Auch er litt unter seinem Stiefvater, auch er glaubte an Heilung durch Sex. In einem Gespräch in New York meinte Louis Begley, noch mitten in der Arbeit, er hoffe, sein neues Buch werde es wert gewesen sein, dass er so viel anderes nicht gemacht habe: Nach seinem in allzu seichten Gewässern segelnden Roman Schiffbruch hat Begley wieder ein Werk mit Tiefgang geschrieben. Seine Kälte ist die des Vivisekteurs.

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Ehrensachen von Louis Begley, 2007, Suhrkamp3.)

Ehrensachen.
Roman von Louis Begley (
2007, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger)
Interview von Jeannette Villachica aus den Nürnberger Nachrichten vom 27.03.2007:

«Zum Glück war ich als junger Mensch ziemlich klug»
Der Schriftsteller Louis Begley über harte Jugendjahre, Gänsebraten und seinen neuen Roman «Ehrensachen»

«Ehrensachen» heißt der neue Roman von Louis Begley. Es ist eines der persönlichsten Bücher Begleys, der 1933 als Kind jüdischer Eltern in Polen geboren wurde und 1947 nach New York emigrierte. Das Buch handelt vom Preis der Assimiliation, von Freundschaft, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Antisemitismus und dem Leben der Elite im Amerika der 50er Jahre. Wir sprachen mit dem Autor.

Herr Begley, Sie waren gerade auf Lesereise durch Deutschland. Sprechen und verstehen Sie eigentlich Deutsch?

Louis Begley: Ja, ich habe Deutsch gelernt, als ich ein Kind war, und es aufgefrischt, als ich während meines Wehrdienstes achtzehn Monate lang in Göppingen in der Nähe von Stuttgart stationiert war. Es fällt mir ziemlich leicht, deutsche Texte zu lesen und ich verstehe fast alles, wenn Deutsch gesprochen wird.

Gibt es deutsche Gerichte, die Sie besonders mögen?

Begley: Oh ja, ich mag Wiener Schnitzel, Tafelspitz und Gänsebraten.

Kochen Sie selbst auch?

Begley: Ich koche gerne. Aber meine Frau kocht so unübertrefflich gut, dass ich selten dazukomme.

Haben Sie ein Lieblingsgericht?

Begley: Es nennt sich Bigos, ein polnisches Gericht, das hauptsächlich aus Sauerkraut besteht. Es ist fantastisch! Aber ich bin auch sehr gut bei allen gebratenen Dingen: Steaks, Hamburger, Lammkoteletts. Mein Boeuf Bourguignon ist auch sehr gut. Übrigens bin ich es auch, der den Hummer ins kochende Wasser wirft. Da Hummer kein Herz haben, macht mir das nichts aus.

Apropos Herz. Liegt Ihnen eine Figur in «Ehrensachen» besonders am Herzen?

Begley: Ich mag Sam sehr.

Warum?

Begley: Weil ich ihn entdeckte. Ich brauchte einen Erzähler und Henry konnte es nicht sein, obwohl ein großer Teil des Buchs von ihm handelt, mehr als von seinen Freunden Sam, George oder Margot. Es klang nicht richtig. Eine Zeit lang wusste ich nicht weiter und dann fand ich Sam. Er erwies sich als ein so guter Erzähler, ein so nützlicher Typ. Ich bin ihm sehr dankbar.

Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es sympathisch, wenn jemand viel über sich nachdenkt.

Begley: In der Tat.

Henry tut das. Mögen Sie ihn?

Begley: Sicher. Es ist schwer, sich intensiv mit einer Figur zu beschäftigen, die man nicht mag.

Warum scheinen Ihre Charaktere oft so emotional tief gefroren?

Begley: Ah, eine sehr gute Frage! Ich nehme an, ich bin irgendwie so. Und wenn diese Dinge aus mir herauskommen, ist es unvermeidbar, dass meine Figuren darunter leiden.

Fühlen Sie sich, je älter Sie werden, zunehmend in Frieden mit sich selbst?

Begley: Ich denke, je älter ich werde, desto sensibler werde ich dafür, was ich tue und wie ich es tue. Damit einher geht ein größerer Grad der Akzeptanz meiner Person. Aber wenn man ein Buch, speziell eines wie «Ehrensachen», schreibt, löst man einen Sturm aus Erinnerungen und Gefühlen aus. Das ist kein friedvoller Prozess und er führt nicht zum inneren Frieden. Aber ich denke, Sie wollen wissen, ob ich mich mit meinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg ausgesöhnt habe. Damit werde ich mich nie aussöhnen. Erstens ist es unverständlich, wie so etwas passieren konnte; zweitens kann man es nicht vergeben; und drittens ist es unvergesslich.

Ich meinte auch, ob Sie sich zunehmend mit ihrer jüdischen Herkunft im Reinen fühlen.

Begley: Mit meiner jüdischen Identität habe ich keine Probleme. Ich bin zu einhundert Prozent Jude, ich kenne meine Identität. Die ganzen Zweifel Henrys, das sind seine Probleme, nicht meine. Ich bin kein religiöser Jude, ich bin kein beobachtender Jude, ich bin kein Zionist.

Sie kamen als Dreizehnjähriger nach New York und sprachen kaum Englisch. Anfangs muss es in den USA sehr schwer für Sie gewesen sein.

Begley: In diesem Fall erging es mir wie Henry, der sagt: «Wir haben im Krieg alles verloren.» Ich hatte das Gefühl, dass mir eine sehr viel bessere Position im Leben zustand als die, in der ich gelandet war. Also arbeitete ich daran, eine bessere Position einzunehmen.

Ist es richtig, dass Sie sich als amerikanischen Nationalisten und Patrioten bezeichnen, weil Sie der Meinung sind, die USA vermittle Einwanderern egal welcher Herkunft das Gefühl willkommen zu sein?

Begley: Zumindest umarmten die Vereinigten Staaten mich, was nicht ohne Bedeutung für meine Gefühle ist. Ich liebe mein amerikanisches Land. In den ersten Jahren war ich allerdings schrecklich verwirrt. Ich dachte, ich könnte nie den Abstand zwischen mir und den brillanten Menschen um mich herum verringern. Etwas später merkte ich, dass ich es doch konnte. Es ist nicht einfach für einen Jugendlichen, der gerade schreckliche Erfahrungen hinter sich hat, in eine Umgebung zu kommen, die sprachlich, sozial, kulturell, in jeder Hinsicht völlig anders ist. Ich fühlte, ich müsste schnell eine riesige Menge an Informationen in mich aufsaugen und viele, viele Fähigkeiten erwerben.

Eine harte Aufgabe…

Begley: ..., die mir keine Zeit zum Durchatmen ließ. Zum Glück war ich ein sehr kluges Kind. Als ich älter wurde, war ich nicht mehr so clever, aber als junger Mensch war ich ziemlich klug.

Das müssen Sie gewesen sein, um dieses Pensum zu bewältigen.

Begley: Ich war es. Also tat ich es. Es war hart. Es war auch hart, nicht zuzulassen, dass man in eine Ecke gestellt wird. Ich wollte kein polnischer Flüchtling sein, ich wollte kein jüdischer Flüchtling sein, ich wollte überhaupt kein Flüchtling sein. Ich wollte jemand sein, der in den USA lebt und genau dieselben Möglichkeiten und Rechte hat, wie jeder andere. Ich wollte einen offenen Weg vor mir – das, was ich bekommen habe.

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Ehrensachen von Louis Begley, 2007, Suhrkamp4.)

Ehrensachen.
Roman von Louis Begley (
2007, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger)
Besprechung von Rolf-Michael Simon aus der NRZ vom 29.3.2007:

Wahrheiten in Zeiten des Friedens
Juden, die Juden bleiben, weil sie so tun, als wären sie keine: Louis Begleys "Ehrensachen".

Es ist dies eines der wenigen Bücher, die man nicht aus der Hand legen mag, bevor man die letzte Seite gelesen hat. Louis Begley zieht mit seinem neuen Roman in eine faszinierende Dreiecks-Geschichte mit wechselnden Akteuren hinein, und die 50er Jahre, in denen sie spielt, reflektieren unsere Zeit. Begley, der sich vor 16 Jahren mit seinem Erstling "Lügen in Zeiten des Krieges" in die Weltliteratur geschrieben hat, entwirft ein farben- und facettenreiches, oft detailversessenes Panorama einer Goldenen Jugend an der US-Ostküste in Zeiten des Korea-Krieges. Er lässt den Sam Standish, Adoptivsohn einer nicht unbedingt armen Familie, das Porträt einer Generation zeichnen, die ihren Ursprung in Harvard (wo sonst?) hat. Die beiden anderen sind Archie Palmer - steinreich wie abenteuerlustig - und Henry White, der eigentlich Henryk Weiss heißt und in Polen die nationalsozialistische Judenverfolgung überlebt hat - wie Begley selbst.

Der gepflegte Ostküsten-Antisemitismus An seiner jüdischen Identität, seinem "Judismus" - diesen Begriff gibt es nur bei Begley - hat Henry schwer zu tragen. Die US-Ostküste war, zumindest vor gut fünf Jahrzehnten, einem gepflegten Antisemitismus keinesfalls abgeneigt. Aber Henry will es schaffen, will den amerikanischen Traum für sich wahr werden lassen - ungeachtet der Probleme, die Amerika damit hat. Deshalb: "Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken", lässt Sam, der ein international erfolgreicher Anwalt werden wird, seinen Freund herausschreien.

Vor Henrys Esprit und dem Können scheinen die gesellschaftlichen Schranken einzustürzen - er dringt in die Elite vor. Als brillanter Altphilologe, als Star einer New Yorker Anwaltskanzlei, in der noch kein Jude Karriere gemacht hat. Aber die vermeintliche Selbstfindung endet anders - Henry "steigt aus", wird zu Henri (oder vielleicht doch wieder zu "Henryk"?) und lebt ein geradezu kleinbürgerliches Happy End in Südfrankreich, mit dem keiner hätte rechnen können. Am wenigsten die schöne Margot, die Sam und Henry mehr als fünf Jahrzehnte lang begleitet, mehr oder weniger distanziert - Archie ist schon früh im Suff tödlich verunglückt.

Begley, der nach einer Karriere als Top-Anwalt (wie Henry) zum Erfolgsautoren mutierte, webt in diese Generationen-Story, die vom ersten Semester bis zum Welterfolg reicht, eine Studie über Familien und die Gesellschaft der Ostküste ein. Dass Henry seinem eigenen Leben nachgezeichnet ist, dass gleichwohl der diskrete wie verständnisvolle Sam auf seine Art ebenfalls ein alter ego sein könnte, mag nur den irritieren, der zu viel an Autobiografie in diesen Roman hinein geheimnissen will. Es ist ein Roman - ein großartiger. (NRZ)

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