Ego von Carl Djerassi, 2004, HaymonEgo.
Roman/Theaterstück von Carl Djerassi (2004, Haymon - Übertragung Ursula-Maria Mössner).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Zürcher Zeitung vom 14.9.2004:

Der Narziss als Wiedergänger
Carl Djerassi als Schriftsteller

Der 1923 in Wien geborene, 1938 den Nationalsozialisten in die USA entkommene Carl Djerassi wird häufig als «Vater der Antibabypille» bezeichnet und ist damit gar nicht zufrieden. In Lexika wird er als einer der bedeutendsten Naturwissenschafter des 20. Jahrhunderts geführt, aber mit diesem Ruhm will er sich nicht begnügen. Seit fünfzehn Jahren schreibt er Romane und Bühnenstücke, in denen es meist um die prekäre Begabung von Naturwissenschaftern geht, die nicht nur von der Neugier, unerkanntes Terrain zu erkunden, angetrieben werden, sondern auch von dem Ehrgeiz, ihren Kollegen einen Schritt voraus zu sein und der Menschheit als einsame Genies im Gedächtnis zu bleiben.

Sein Roman «Marx, verschieden» erschien erstmals 1994 und hat einen erfolgreichen amerikanischen Schriftsteller zum gebrochenen Helden, den sein ungestillter Ehrgeiz drängt, die Nachrufe zu lesen, die bei seinem Ableben über ihn erscheinen werden. Darum inszeniert er seinen eigenen Tod als Segelunfall, geniesst das schale Vergnügen, auch von seinen schärfsten Kritikern vermeintlich postum gewürdigt zu werden, und veröffentlicht unter dem neuen Namen D. Mann wiederum einen Roman, der den Beifall des Feuilletons findet, aber auch die Neugier des literarischen Betriebs weckt, wer dieser geheimnisvolle, sich der Öffentlichkeit verweigernde Autor denn sei. Eine junge investigative Journalistin kommt ihm durch Zufall auf die Spur und sieht in dem «verblüffenden Fall eines Narziss, der seine Identität aufgibt», um daraus die grösste narzisstische Befriedigung zu gewinnen, die Chance, sich selber als feste Grösse im Feuilleton zu etablieren.

«Marx, verschieden», ein geschickt gebauter, mit viel lebendigen Dialogen ausgestatteter Roman, war seit Jahren vergriffen. Jetzt hat ihn Djerassi bei Haymon unter dem Titel «Ego» neu auflegen lassen und dem Roman ein gleichnamiges Stück angefügt, in dem das reiche Personal des Romans auf drei Figuren reduziert wurde. Die Schwäche des durchaus geistreichen Romans ist, dass er unheilvoll von jenem Thema infiziert ist, das er kritisch abzuhandeln verspricht: «Ego» liest sich als Versuch über den Narzissmus eines Schriftstellers selbst wie der ausphantasierte Tagtraum eines narzisstischen Autors, der zwar weiss, dass das «bohrende Verlangen (. . .) nach Bestätigung (. . .) sowohl Nahrung als auch Gift für den kreativen Geist» ist, sich dabei aber offenbar mehr nach dem Gift als nach der Nahrung sehnt. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Djerassi im Drama genau jene Figuren opfert, die in seinem Roman die interessantesten waren, etwa die ehrgeizige junge Journalistin Sabine Diehlsdorf, die zu dem von ihr aufgespürten Marx alias Mann in ein spannendes, zwischen Berechnung und Faszination schwankendes Verhältnis tritt. Im Dreipersonendrama hingegen teilt sich der Autor, der verschwindet, weil er lesen möchte, wie man sein Verschwinden aufnehmen wird, einen «Therapeuten», der nur die Stichworte liefern darf, mit seiner Frau Miriam, die ihn wie alle Welt für tot hält.

Der Roman ist entschieden besser als das Stück, von dem der Anhang, der alle offiziellen Auszeichnungen des Wissenschafters und Autors in überbordender Fülle auflistet, allerdings auch schon die ersten Aufführungserfolge vermerkt. Djerassi ist zweifellos ein Mann mit faszinierend vielfältigen Begabungen. Jede Wette, erhält er auch noch den Pulitzerpreis, dann wird der juvenile Greis zu malen beginnen und es mindestens so lange tun, bis seine Bilder im Museum of Modern Art ausgestellt werden. Der Ruhm als Romancier und Dramatiker wird ihm, dem weltberühmten Naturwissenschafter, der um die prekären Antriebskräfte schöpferischer Menschen weiss, gewiss nicht genug sein.

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