Echsenland von Fredi Lerch, Rotbuchverlag, 20051.) - 2.)

Echsenland.
Gedichte von Fredi Lerch (2005, Rotpunktverlag).
Besprechung von Wolfgang Bortlik aus der Wochenzeitung, Zürich, 05.05.2005:

Fredi Lerch
Mit Hölderlin im Turm

In «Echsenland»and umzingelt der WOZ-Autor die Materie, sei sie historisch, idyllisch oder politisch. 
Lyrik und Politik. Das klingt wie eine Sendung des Schweizer Fernsehens am Sonntagmorgen um sieben Uhr dreissig. Politik und Lyrik. Das tönt nach Veranstaltung im reformierten Kirchgemeindehaus Allschwil. Lürick ist schwierick und Politik ist bäh. Das sind doch beides Schimpfwörter. Das ist nicht spannend, das geht nicht zusammen. Das hatten wir doch alles schon mal. Von wegen:

Die Kinder wissen alles und
verschwören sich in Katakomben
zum gnadenlosen Treuebund.
Sie bauen tief im Untergrund
die neue Welt aus Splitterbomben.

Im Licht des steten Fortschritts stehen
die positiven Sockelbauer,
markieren temperiertes Flehen
um Einsicht, Reife und Verstehen,
das Klima werde leider rauer …

So klingt politische Lyrik von Fredi Lerch, und das ist schlichtweg grossartig! Das sind Verse! Und erst noch der im Deutschen so seltene Fünfzeiler! Und zudem rhythmisch perfekt! Samt Reim!

Haltlos hinraunen kann nämlich jeder, aber es in eine Form bringen, eine schwingende, energetische und im wirklichen Sinne des Wortes ästhetische Vermittlung finden. - Doch keine Angst, feinsinnige Lyrik-Aficionados, ihr von germanistischen Maulhelden getäuschten Anbeter des Wortes, Lerch ist nicht nur der Politrocker, er kann es auch in der freien Form. Er macht durchaus auch Naturpoesie und schreibt «schön». Lerch hat den Hyperion intus und ist mit Hölderlin im Turm bei den vor Kälte klirrenden Fahnen gesessen. Wer etwa dichtete politischer als der arme Hölderlin?

Dieses schmale Buch mit dem Titel «Echsenland» ist eine lyrische Chronik von 1990 bis 2004. Pro Jahr gibt es eines bis sieben Gedichte. Wie gesagt, es sind sehr welthaltige Verse, etwa über Wiederherstellung menschlicher Arbeitskraft in Bad Schinznach, das Folienrauchen oder die letzte Landesausstellung. In Sonetten singt Lerch von der Neuen Weltordnung und von Anthrax. Er fährt der Sozialdämmerkratie an den Karren und bedichtet den grossen Emporkömmling und Mäzen Paul Sacher ebenso wie eine Eidechse im Tessin.

wir tragen nichts als urgestein
im alternden gedärm dem ende zu
die fundamente fallen einwärts wir
kreiseln
reise
eis

Das Wort «ich», kommt das eigentlich in irgendeinem Gedicht einmal vor? Lerch weiss mit dem Pathos umzugehen, ist selten vordergründig und von einer geradezu scheuen, aber punktgenauen Ironie. Er schleicht sich mit seinen Gedichten an, umzingelt die Materie, sei sie historisch, idyllisch oder politisch. Es gehört halt doch alles zusammen. Die Welt schwingt in einem grossen Gesang, und Lerchs Stimme sollte man ganz schön laut daraus heraushören. Mein Wunsch: Bleib am Werch, Lerch!

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Echsenland von Fredi Lerch, Rotbuchverlag, 20052.)

Echsenland.
Gedichte von Fredi Lerch (2005, Rotpunktverlag).
Besprechung von Gieri Cavelty in Neue Zürcher Zeitung vom 13.07.2005:

Oden an die Trübsal
Ein Gedichtband von Fredi Lerch

Das Gedicht ist sein Messer, «Echsenland» seine Anatomie der Gegenwart. 65 Gedichte aus 15 Jahren versammelt Fredi Lerch in seinem Lyrikband; hauptsächlich sind es Kommentare zum nationalen und internationalen Zeitgeschehen. Kaum zufällig setzt diese «lyrische Chronik» im Jahr 1990 ein: Lerch ist nicht der erste Mitarbeiter der Zürcher «Wochenzeitung», der sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in einem literarischen Werk seiner politischen Überzeugungen vergewissert. Während jedoch Roger Monnerat dem Protagonisten im Roman «Der Sänger» (2002) die Hoffnung eingibt, nun werde China zum neuen Hüter des Weltgewissens, entsagt Fredi Lerch aller Utopie. Wenn der 1954 geborene Berner Politik und Dichtkunst kreuzt, resultieren daraus keine blossen Durchhalteparolen, keine Agitprop-Poeme und schon gar keine Sponti-Sprüche. Im Gegenteil: Die in «Echsenland» präsentierten lyrischen Gebilde wirken zuweilen etwas gar geschraubt.

Der zu Beginn von «Echsenland» angeschlagene Ton jedenfalls könnte höher nicht sein. Mit Hölderlin, in einer «‹hyperion-konstellationen›» überschriebenen Ode voll bitterer Ironie, wird mit dem Anbruch einer «neuen weltordnung» und dem Ende des Traumes von der linken Revolution gehadert. «das wilde brennen eures verstörten blicks / braucht therapie nicht revolutionsgeschrei / nur norm durch zwang ermöglicht freiheit  / freiheitsgefasel ist zwangsneurotisch», lautet eine Strophe. Später dann schreibt Lerch eine «zweite hymne an die menschheit», ein gegen die Gentechnik gerichtetes Gedicht, das wie Hölderlins «Hymne an die Menschheit» mit den Worten schliesst: «denn zur vollendung geht die menschheit ein». Dazwischen kommen in schlichteren Versen unter anderem zur Sprache: die EWR-Abstimmung, die Balkankriege, die Raubgold-Debatte. Die 700-Jahr-Feier der Schweiz von 1991 wird in Beziehung gesetzt mit ausländerfeindlichen Gewalttaten. Anlässlich der Expo 02 wird an die Landesausstellung 1964 erinnert, als sich die Schriftsteller für Protest und Politik noch nicht zu schade gewesen seien – «ihr aber, heutige dichter, dispensiert euch vom reden»...Fortsetzung

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