Ecce homo von Yitzhak Laor, 2005, Unionsverlag

Ecce homo.
Roman von Yitzhak Laor (2005, Unionsverlag - Übertragung Markus Lemke).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz aus den Nürnberger Nachrichten vom 23.12.2005:

Israels Widersprüche
Yitzak Laors verschachtelter Roman „Ecce homo“

„Yitzhak Laor gilt als einer der sprachgewaltigsten und einfallsreichsten Dichter, die Israel je gegen sich aufgebracht hat.“ Selten trifft eine Verlagsinfo so zu wie dieses Kurzporträt des Dichters, Bühnenautors und Romanciers Yitzhak Laor. Geboren 1948 in Pardes Hanna, lebt Laor heute in Tel Aviv. 1972 verweigerte er den Armeedienst in den besetzten Gebieten. In seinen Schriften verurteilte er nicht nur den Krieg im Libanon (1982), sondern auch Willkür und Gewalt gegen Araber und Palästinenser. 1990 wurde ihm der Poesiepreis des Ministerpräsidenten zuerkannt. Jizhak Schamir weigerte sich jedoch, die Ehrung vorzunehmen. 1994 wurde Laor der Israelische Literaturpreis verliehen.

Der neue Roman „Ecce Homo“ („Siehe, ein Mensch“) spielt zur Zeit des Golfkriegs 1991. Rückblenden wecken Bilder aus früheren Kriegen und Kämpfen. Einzelschicksale sind es, die in der Erinnerung traumatisch wach werden. Bei einer verdeckten Operation war ein junger israelischer Soldat, getarnt als Araber, von einem eigenen Kommandotrupp getötet worden. Bei der „Säuberung“ eines Dorfes wird ein friedlicher alter Mann auf seinem Hausdach erschossen. Den „Operationen“ in Flüchtlingslagern fallen Kinder und Jugendliche zum Opfer. Todesschwadrone morden im Auftrag des Geheimdienstes, des Mossad.

Auf Schuldfragen wird traditionell geantwortet, dass im Konflikt zwischen Juden und Arabern gleichermaßen alle Juden sind, unabhängig von politischen Lagern. Laor ergreift Partei. Seine Romanfiguren stehen überwiegend auf der Seite der Araber. Kein nicht-israelischer Autor könnte vergleichbare Positionen einnehmen, ohne des Anti-Semitismus beschuldigt zu werden. Mit seinem Mut hat sich Laor weltweit Achtung erworben ebenso wie bei den Pazifisten im eigenen Land.

Die humane Haltung in „Ecce homo“ lohnt eine Auseinandersetzung. Eine ganz andere Frage ist, mit welchen literarischen Mitteln das Trauma bewältigt wird. Das Buch erfordert einen erfahrenen Leser, der die oft unentwirrbaren Erzählfäden verknüpfen kann. Die Cuts kommen viel zu sprunghaft. Im Grunde sind drei Romane, die jeder für sich ein Gebäude von Geschichten enthalten, ineinander geschachtelt.

Es beginnt mit einem Campus-Roman, der den Filz einer Universitäts-Stiftung karikiert, die ausgerechnet vom Erbe eines Nazi-Profiteurs finanziert wird. Der tumultös inszenierte Auftakt mit den Professoren Gold, Silber, Kupfer und Holz artet zur knalligen Satire aus. Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht ein ranghoher, meist abwesender General, Adam Lottem, der mit subversiven Mitteln die eigene Armee bekämpft.

Der gedrängte, am Tiefsten berührende Schlussteil ist dem Verweigerer Antebi gewidmet. Ein schrecklich schlechtes Gedicht über die Schönheit des Pinkelns wird zum Kult-Gedicht hochstilisiert, darüber sollte man möglichst schnell hinweglesen, um dem eigentlichen Anliegen nahe zu kommen. Antebi, von arabischer Herkunft in israelischem Militärdienst, hat sich mit der Tochter eines Nazi-Verbrechers zusammengetan. Er liebt sie. Das blonde Gretchen will der Vergangenheit entfliehen. Sie ist nach Israel ausgewandert in der Erwartung, dort keinem Nazi zu begegnen.

Antebi selbst sieht sich als Mörder. Er hat als Soldat einen jungen Araber erschossen. Wie auf der Treibjagd. Ob und inwieweit die Erzählfäden hier wieder zusammenfinden, bleibt der Fantasie überlassen. Am besten ist es, das Ganze ein zweites Mal zu lesen und wie ein Puzzle aus 1000 Teilen zusammen zu setzen. Dann hat man eine Chance.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 1205 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten