Easy
Deutschland.
Roman von Norbert
Müller (2007, Residenz)
Besprechung von Katharina
Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 10.4.2007:
Balzac schriebe heute Drehbücher
Norbert Müller erweist sich mit seinem
vierten Roman "Easy Deutschland" als einer der gewieftesten Humoristen
deutscher Sprache
Der vierte Roman des heute in Berlin lebenden
Schriftstellers ist sein umfangreichster und bester. Gefielen mir Norbert Müllers
ältere wegen des schwarzen, doch diskreten Humors, mit dem er ein männliches
Parallelwesen durch Studienzeiten, Beziehungsdesaster und Arbeitswelten führte
(vgl. FR vom 9. November 2005), so beeindruckt mich beim jüngsten die
Sicherheit, mit der er diesmal die Leben eines großen und gemischten Personals
ineinander verstrickt.
Der Humor ist derselbe geblieben und verdankt sich auch diesmal dem tief
melancholischen, aber sachkundig-disziplinierten Blick auf die deutsche
Gegenwart, die das Charakteristikum dieses Erzählers ist und ihn vor dem
Wehmutsparlando bewahrt, das bei diesem Sujet sonst allzu oft angeschlagen wird.
Mit dem Schriftsteller Müller sind auch seine Protagonisten älter geworden,
die Probleme noch vielfältiger, auf denen sich diese Ich-AGs bei Strafe
selbstverschuldeter Lebensinsolvenz aber nie ausruhen dürfen. Es sind
Medienarbeiter, Künstler, Lehrer, dabei außerdem Verliebte, Eheleute, Mütter
und Väter - Menschen zwischen 35 und 55 in allen Zuständen von Glück und
Verzweiflung. Wem die Figur des talentierten Depressiven, Psychosomatikers und
ewigen Mitglieds irgendwelcher Therapie- und Selbsthilfegruppen aus den ersten
Romanen ans Herz gewachsen ist, wird ihn unterm Namen Artur als heimlichen
Hauptdarsteller auch diesmal wieder finden. Er ist - ohne Übertreibung - der
legitime Nachfahr des Erzählers, den vor hundert Jahren Kafka für sich aus der
eigenen Biographie, Konstitution und literarischem Ehrgeiz konstruiert hat. Ließ
sich Kafka noch in den Rahmen einer negativen Theologie spannen, so ist Müller
der Erzähler von Komödien kosmischer Verlorenheit.
Schauplatz von Easy Deutschland, im Roman selbst wiederholt als der Name
einer Agentur, die Ausländern das Leben in Deutschland erleichtern und
begreiflich machen will, ist das Berlin nach Einführung des Euro. Nebenschauplätze
ergeben sich durch Schwiegerelternbesuche in den USA, Beerdigungen in Wien oder
Ferien im Süden, Zeitsprünge aus Erinnerungen, die manchmal zu Handlungen führen.
Liebespaare, die sich früher einmal verpasst haben, können sich heute im
Internet wiederfinden und diese Jugendsünde tätig bereuen...
Natürlich geht das schief. Ein Verzeichnis der Haupt- und Nebenfiguren steht Easy
Deutschland voran und ist als Lesehilfe ebenso nötig wie die Zwischentitel
im Text. Man hat zwar eine Menge zu lachen, und laut habe ich das beim Lesen
eines Romans lange nicht mehr getan. Einfach ist die Lektüre dieses Humoristen
aber trotzdem nicht; denn konzipiert und komponiert ist der Roman in Anlehnung
an die Ästhetik der Fernsehserie - eine Konkurrenz, der sich der Autor
spielerisch, aber ambitioniert aussetzen will. Artur hat übrigens - noch so
eine Verdopplung und Anspielung - vor Jahren eine irrsinnig erfolgreiche
Arztserie im Fernsehen geleitet, die wegen eines unkorrekten Unfalls des Stars
abgesetzt wurde.
Die Ästhetik der unterhaltsamen Massenmedien ist keine, zu der man sich
herablassen, bei der man sich bedienen kann, wie Autoren - die frühe Jelinek,
Streeruwitz und Kirchhoff
seien stellvertretend genannt - mit der Travestie von Trivialliteratur und
Unterschichtfernsehen es immer wieder versucht haben.
Müllers Versuch die Fernsehästhetik mit der Literatur rückzukoppeln, kann
leicht übersehen werden, weil das deutsche Fernsehen bisher keine Serien
hervorgebracht hat, die mit den besten amerikanischen (zum Beispiel Sopranos,
Westwing, Deadwood oder Six Feet Under) mithalten könnten.
Deren production values im Hinblick auf interessant erzählte Geschichte
und Geschichten aus der Jetztzeit und bewegende Menschendarstellung lassen nämlich
viele Literatur überflüssig und sehr alt aussehen, auch wenn sie von Jungen
stammt.
Balzac und Dickens
wären heute bestimmt Drehbuchschreiber oder Regisseure. Taugte Daniel
Kehlmanns Bestseller über Gauß und Humboldt
- um nur ein Beispiel zu nennen - für ein Drehbuch oder weckte es auch nur das
geringste Interesse jenseits des Publikums, das aus Überzeugung liest - und mit
schlechtem Gewissen trotzdem lieber fernsieht? Und die Literatur, das Buch, mit
immer fadenscheinigeren Argumenten verteidigt!
Es scheint, als ob Norbert Müller einen anderen Weg planiert. Wie ist noch zu
schreiben, wenn Film und Fernsehen der Literatur so viel Wasser abgraben? Warum
noch lesen, wenn eine gute Fernsehserie wenigstens auf dem Niveau eines
Remarque, einer Vicki Baum
und ja, auch längst schon eines Grass,
Walser und sogar
eines jungen Kehlmann
operieren kann?
Müller gehört zu den raren Autoren, die Fernsehen und Film als eine
Herausforderung verstanden haben - nicht als apokalyptische Reiter, die die
Kultur niederrennen. Müller schreibt denn auch in Easy Deutschland auf
eine Art über Personen, ihre Zustände und Verhältnisse, auf die man in Bild
und Ton lieber verzichtet, auch wenn sie sehr wahr sind.
Dr. König zum Beispiel, der als Ehemann,Vater, Vorgesetzter einer von Sparmaßnahmen,
Evaluationen, Tests und Konkurrenz geschüttelten Belegschaft einer Berliner
Volkshochschule auf dem Bauch landet, ist ein veritabler Wichser. Man kann,
zeigt Müller, bis auf weiteres eine Lebenslage, die zu solchem output
statt zu Taten führt, beschreiben - verfilmen aber nicht. Dasselbe gilt etwa
auch für Szenen, die Mutter und Tochter hüben und drüben von einer
Badezimmertür in einem ebenso archaischen wie modern verdrehten Konflikt vorführen.
Der Platz fehlt hier, alle Etagen auszuleuchten, die der kluge Autor im Auge
hat.
Wenn Literatur sich verteidigt, wird oft von Sprache so ehrfürchtig geredet,
als würde anderswo nur gestottert. Müller erlaubt sich den Scherz, eine
avantgardistische Autorin mit einem abgehalfterten Serienschauspieler, jetzt
Berufsvater, ins Bett zu legen. Ihr Lektor und das Verlagswesen überhaupt
kriegen auch eins auf den Hut - aber immer nett, lehrreich und mit Verständnis
für alle Seiten. Artur zeugt mit seiner amerikanischen Ex auf Wunsch das Kind,
für oder gegen das der dicke Eckhardt, der ja eigentlich zuständig wäre, sich
ebenso wenig entscheiden kann wie für oder gegen irgendetwas in seinem Leben.
Das liest sich alles gar nicht so leicht, wie man es von einem humoristischen
Roman erwartet, und ist im Buch dennoch so plausibel, wie meine Nacherzählungen-Karikatur.
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