East Side Story von Louis Auchincloss, 2007, DuMontEast Side Story.
Roman von Louis Auchincloss (2007, DuMont).
Besprechung von Rolf-Michael Simon aus der NRZ vom 23.10.2007:

Was für eine Welt ohne Cary Grant!

Wenn ein Anwalt von der New Yorker East Side über Anwälte von der New Yorker East Side schreibt, kann man zweierlei erwarten. Einen zum Widerspruch reizenden, schlimmstenfalls gähnend langweiligen Goodwill-Report. Oder einen real-realistischen Blick hinter die Kulissen. Louis Auchincloss wählt eine dritte Option und erweitert die berufliche um eine menschliche, die gesellschaftliche Dimension. Und schafft damit ein Charaktergemälde der Klasse, in die er selbst vor 90 (!) Jahren, 1917, hineingeboren wurde und die - seiner juristischen Karriere zur Seite - sein literarisches Thema wurde. Er weiß, worüber er schreibt, er kennt die Ostküste und ihre Reichen.

Ein Autor, den es hier noch zu entdecken gilt

Hier heißen sie Carnochan, stammen aus Schottland und sind ursprünglich im Tuchhandel zu Reichtum gekommen. Der - in Deutschland noch kaum bekannte - Autor begleitet sie als Familie über mehrere Generationen hinweg, vom amerikanischen Bürgerkrieg bis Vietnam und darüber hinaus. Das Bild des Einbandes nimmt schon einiges voraus. Die gar nicht "wolkenkratzenden" noblen Häuser an der East Side und ihre unscharfe Spiegelung im Wasser... Elf Mitglieder der Familie Carnochan - ist sie, vom Namen abgesehen, wirklich fiktional? - schildert er in ihren Lebensportraits als exemplarisch für das Fortbestehen, der Familie und des Standes. Sie sind reich (mit einer Ausnahme) und bleiben dies selbstverständlich auch, wenn sie in einer Krise Teile ihres Vermögens verlieren. Sie sind Kinder des Wohlstands, erstklassige Geschäftsleute, gerissen, intrigant, auch zynisch und manchmal sogar verzweifelt. Nicht des Geldes wegen. Die Frauen schlagen ihre Männer mehrfach um Längen - bleiben aber im Hintergrund, beschränken sich auf ihre Rolle, die sie natürlich perfekt ausfüllen. Es ist die Welt der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, die sich gegen Iren und Juden dezent-gepflegt, aber wirkungsvoll abgrenzen, die unter sich bleiben, die die Elite bilden, an der Ostküste und darüber hinaus.

Louis Auchincloss - ein Autor, den es noch zu entdecken gilt - hat sie beobachtet. Präzis, nüchtern aber niemals kalt. Aus der Innensicht "seziert" er sie gewissermaßen, demontiert sie aber nicht. Schildert ihre Probleme, die einem weitaus größeren Teil der umgebenden Gesellschaft eher banal, trivial erscheinen mögen angesichts des eigenen Kampfs um die Existenz. Die geschliffene, elegante Sprache (auch in der Übersetzung) tut das ihre dazu, diese "High Society" auch in ihren dunklen, melancholischen Momenten niemals lächerlich wirken zu lassen. Nicht einmal an dieser Stelle:

"Die Zeit unserer Herrschaft ist vorbei. Aber, Gott im Himmel, man wird uns vermissen. Eine Welt ohne Scott Fitzgerald!

Eine Welt ohne Cary Grant! (NRZ)

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